Steinbrücks Stasi-Akte "In den Unterhaltungen bezeichnet er sich als Marxist"

Mitarbeiter der Staatssicherheit? Um jüngsten Spekulationen entgegenzutreten, veröffentlicht Peer Steinbrück seine Stasi-Akte. Die Dokumente sind harmlos, enthalten aber amüsante Notizen über Steinbrücks angebliche politische Einstellungen.
SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück: Fan der Bonner Republik

SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück: Fan der Bonner Republik

Foto: Wolfgang Kumm/ dpa

Berlin - Mit mangelnder Offenheit hat Peer Steinbrück so seine Erfahrung gemacht. Als er sich im Herbst vergangenen Jahres lange weigerte, seine Nebeneinkünfte auf Heller und Pfennig offenzulegen, geriet er heftig in die Kritik. Der Fehler soll ihm nicht noch einmal passieren. Der SPD-Kanzlerkandidat setzt jetzt auf Transparenz.

Um jüngsten Mutmaßungen entgegenzutreten, die DDR-Staatssicherheit habe ihn einst als Mitarbeiter gewinnen wollen, stellte Steinbrück am Donnerstagabend vorsichtshalber seine Stasi-Akte ins Netz.  Was dort auf 50 Seiten zu lesen ist, ist zwar kein Stoff für eine neue Affäre: Die Stasi beließ es offenbar dabei, den Westdeutschen als "Vorlauf-IM" zu führen. Teile der Akte sind aber durchaus amüsant zu lesen.

Besonders unterhaltsam sind etwa die Schilderungen über Steinbrücks politische Einstellungen in einem "Auskunftsbericht" vom 29. Januar 1981. Sie fußen auf Protokollen, die ein IM "Richard König" der Staatssicherheit lieferte. Hinter dem Decknamen versteckte sich offenbar der Ehemann von Steinbrücks Cousine, die er in den siebziger und achtziger Jahren regelmäßig besuchte.

"Steinbrück steht voll und ganz zu der Politik des Bonner Staates", heißt es in dem Stasi-Papier von 1981. "Er will nach eigenen Angaben über die Jungsozialisten zur SPD gekommen sein." Besonders sein Verhältnis zur DDR stieß bei der Staatssicherheit naturgemäß auf Interesse. Doch die Schnüffler wurden enttäuscht.

"Feindliche Behauptung"

"In den Unterhaltungen bezeichnet er sich als Marxist. Er ist eindeutig ein Vertreter der Theorie des demokratischen Sozialismus - Prägung der bundesdeutschen SPD", heißt es in dem Bericht. "Den real existierenden Sozialismus in der DDR, den er als sowjetischen Sozialismus bezeichnete, lehnt er ab." Steinbrück habe "die feindliche Behauptung" aufgestellt, "dass der real existierende Sozialismus in der DDR nichts mehr zu tun habe mit den Theorien von Marx, Engels und Lenin". So viel Klartext dürfte für die Genossen nicht ganz leicht zu ertragen gewesen sein.

Anfangs muss Steinbrück seine Aufenthalte in der DDR noch ganz erträglich gefunden haben, jedenfalls hatte IM "Richard König" diesen Eindruck am 3. Dezember 1975 notiert. "Steinbrück hatte einen sehr angenehmen Eindruck vom Leben in der DDR gewonnen", schrieb der Stasi-Zuträger über den Gast aus Westdeutschland. "Es sei ein ruhiges, angenehmes Leben, ohne diese Hektik, die es in der BRD gibt. Sein besonderes Interesse galt dem Buchangebot, speziell politischen und philosophischen Schriften."

Und was hatte Steinbrück aus dem Westen zu berichten? Viel Schlechtes über die Konkurrenz, schon damals. "Steinbrück äußerte sich zu den bevorstehenden Bundestagswahlen und gab seiner Befürchtung Ausdruck, dass er mit einem Wahlsieg der CDU/CSU seine Arbeitsstelle verlieren könnte", notierte der IM im September 1976. "Für ihn wäre es eine echte nationale Katastrophe, wenn Strauß die Regierungsgewalt erhielte."

Referent bei Minister "Maihofer"

Die Wahl 1976 endete bekanntlich mit einer sozialliberalen Koalition, Steinbrück wurde 1977 persönlicher Referent des Forschungsministers Hans Matthöfer. Mit diesem Mann konnte der IM offensichtlich wenig anfangen. In den Papieren ist von Minister "Maihofer" die Rede.

Ab Januar 1981 endet laut der Akte die Korrespondenz zwischen Steinbrück und seiner Verwandtschaft in der DDR. "Der IM schätzt dazu ein, dass ihm die Korrespondenz von staatlicher Seite verboten wurde", heißt es dazu. Ab 1. März 1981 werde Steinbrück Mitarbeiter der Ständigen Vertretung der BRD in der Hauptstadt der DDR.

Steinbrück wurde die Akte nach eigener Aussage am 8. August zugestellt. Er veröffentlichte sie nun, weil die "Welt am Sonntag" kürzlich über seine möglichen Stasi-Kontakte berichtet hatte.

Der Kanzlerkandidat will in den Dokumenten nichts Heikles erkennen. Er habe "keine essentiellen Informationen" finden können. "Ich habe jetzt lediglich erfahren, welche Person mich bei meinen Besuchen in der DDR bespitzelte", so Steinbrück in einer Erklärung auf seiner Homepage. "Der zu meinem weiteren verwandtschaftlichen Umfeld gehörende IM konnte offenbar nicht umhin, meine ablehnende, 'feindliche' Haltung zum sowjetisch dominierten Gesellschaftssystem der DDR zu melden. Seine Denunziation, ich sei Marxist, könnte allenfalls für schlechtes politisches Kabarett taugen."

vme
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