SPD-Kandidat im Wahlkampf-Endspurt Steinbrück glaubt ganz fest an Steinbrück

Aufgeben? Bloß nicht. Peer Steinbrück will mit seinem 100-Tage-Programm die Wende im Wahlkampf schaffen und Kanzlerin Merkel beim TV-Duell attackieren. Der Sozialdemokrat hat sich in eine Art Selbsthypnose versetzt - das birgt Risiken.

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Berlin - "Ich muss nicht üben", sagt Peer Steinbrück. Und Zweifel daran, dass er nach der Wahl am 22. September der nächste Kanzler dieses Landes sein wird, lässt der Sozialdemokrat erst recht nicht zu. "In 24 Tagen endet der Stillstand in Deutschland", sagt Steinbrück an diesem Morgen in Berlin. Der SPD-Kanzlerkandidat ist vor die versammelte Hauptstadtpresse getreten, um sein 100-Tage-Programm vorzustellen.

Aber vor allem ist er gekommen, um ein Signal auszusenden: Ich bin noch da.

Viele Beobachter im Land sind der Meinung, dass die Wahl längst entschieden sei. Zu klar scheint der Vorsprung von Kanzlerin Angela Merkel in den Umfragen gegenüber ihrem Herausforderer, zu weit ist die Union der SPD enteilt, Steinbrücks rot-grüner Wunschkoalition fehlen demnach etliche Prozentpunkte zur Mehrheit.

Aber Peer Steinbrück hat nach eigenem Bekunden schon lange aufgehört, sich von Umfragen oder der veröffentlichten Meinung kirre machen zu lassen. "Es ist noch gar nichts entschieden", sagt er.

Ein Kanzlerkandidat gibt keine Wahl verloren

Natürlich, er muss das sagen. Steinbrück hat sich in einen Zustand der Selbsthypnose gebracht, alle schlechten Nachrichten werden ausgeblendet. Er hat noch nicht aufgegeben. Auch bei seinen Wahlkampf-Auftritten der vergangenen Wochen ist ein immer kämpferischer Kanzlerkandidat zu erleben. Einer, der seine Rolle nach anfänglichem Fremdeln immer besser annimmt.

"Noch nie in der Geschichte der Bundestagswahlen ist ein Kandidat so niedergemacht worden wie Peer Steinbrück, nicht einmal 1980, als gegen Helmut Schmidt Franz Josef Strauß in den Ring stieg, der vielen Journalisten und Wählern wie der Leibhaftige erschien", schreibt Chefredakteur Giovanni di Lorenzo im aktuellen "Zeit"-Leitartikel auf Seite eins. Vielleicht, darauf hoffen jedenfalls viele in der SPD, kippt das Bild in den Wochen bis zur Wahl ja doch wieder, und Steinbrück wird rehabilitiert.

Doch es sind nur noch 24 Tage.

Steinbrück jedenfalls will nicht glauben, dass die Mehrheit der Deutschen wirklich mit dieser Kanzlerin und ihrer "Politik des Ungefähren" weitermachen möchte. Und deshalb verschärft er jetzt den Ton gegenüber Merkel. "Gestalten statt Aussitzen" ist sein 100-Tage-Programm überschrieben. Neun Forderungen enthält es - und bei so gut wie jeder von ihnen lautet der Vorwurf: Merkel tut nichts. Ob die Forderung nach einem bundesweiten Mindestlohn von 8,50 Euro, nach einem neuen Rentengesetz oder einer besseren Finanzmarktregulierung: "Das ist der Gegenentwurf zur Politik der Kanzlerin", sagt Steinbrück. "Ich warte nicht ab."

Merkel soll mit Russland sprechen

Die Unterscheidbarkeit zur Union sei groß, behauptet der SPD-Kanzlerkandidat - auch da irrten viele Beobachter. In der Syrien-Frage gilt das nicht, hier argumentiert Steinbrück ähnlich wie die Kanzlerin. Eine Forderung hat er allerdings an Merkel: Sie solle versuchen, das bisher Syrien-freundliche Russland von schärferen Sanktionen gegen die Führung in Damaskus zu überzeugen.

Noch aber spielt die Außenpolitik in diesem Wahlkampf keine Rolle. Stattdessen will Steinbrück die Kanzlerin in den kommenden Wochen als eine vorführen, die "mit einer großen tänzerischen Begabung" klare Politik vermissen lasse. Bei Steinbrück soll das anders sein: "Ich werde nichts versprechen, was ich nicht halten kann." Er will der Klare-Kante-Kandidat sein - davon dürfe sich bei seinen Veranstaltungen jeder selbst ein Bild machen: "Bei mir rockt es."

Der Rocker Steinbrück ist allerdings auch sein größtes Risiko. Gerade mit Blick auf das TV-Duell am Sonntag, von dem sich der Kanzlerkandidat und seine Partei eine Menge erhoffen. "Gut vorbereitet" sei er, sagt Steinbrück. Und: "Ich freue mich auf das TV-Duell." Weil es ihm die Gelegenheit gibt, die Kanzlerin vor bis zu 20 Millionen Zuschauern anzugreifen. Aber kann ihm das angesichts des starren Konzepts der Sendung gelingen?

Und was, wenn er bei der ersten kniffligen Frage aus dem Moderatoren-Team gleich aus der Haut fährt - so wie es ihm am Donnerstagmorgen gleich mehrfach passiert? Steinbrück ist sehr dünnhäutig geworden in den vergangenen Monaten, was man ihm vielleicht nicht einmal verdenken kann, und so nehmen es die meisten Journalisten achselzuckend hin.

Aber wenn Steinbrück am Sonntagabend vor 20 Millionen Zuschauern pampig auf Fragen reagiert, könnte die Wahl endgültig verloren sein.

insgesamt 192 Beiträge
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Seite 1
togral 29.08.2013
1. optional
Die letzten Wahlen haben gezeigt das Umfragen die Glaskugel nicht wert sind aus der sie herausorakelt werden. Merkel go home
pace335 29.08.2013
2. Zum Glück
haben die SPD den Steinbrück, da muß ich mir keine großartigen Gedanken machen das die groß jemand wählen wird. Die tun ja mit dem Steinbrück und seinem Programm alles dafür nicht gewählt zu werden. :-)
analysatorveritas 29.08.2013
3. Wozu reicht es noch?
Zitat von sysopAFPAufgeben? Bloß nicht. Peer Steinbrück will mit seinem 100-Tage-Programm die Wende im Wahlkampf schaffen und Kanzlerin Merkel beim TV-Duell attackieren. Der Sozialdemokrat hat sich in eine Art Selbsthypnose versetzt - das birgt Risiken. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/spd-kanzlerkandidat-steinbrueck-stellt-100-tage-programm-vor-a-919240.html
Wozu reicht es noch? Höchstens als kleiner Koalitionspartner mit der CDU/CSU. Da kann dann die SPD wieder den Bürgern eine saftige Reformanpassung (Abschlussrechnung) für den Eurozonenerhalt präsentieren und die CDU ist fein raus. Zu mehr taugt leider die SPD nicht mehr. Oder als Alibi-Opposition. Sofern es tatsächlich zu Rot-Rot-Grün kommen sollte, wird der Weg in die totale und vollkommene Transfer- und Haftungsunion schneller beschritten als mit Schwarz-Gelb. Aus dem schwarz-gelben Euro-Soli werden dann rot-grüne oder rot-rot-grüne Eurobonds. Deutschland im Jahre 2013. Und die neue Einheitswährung muss es sich mit vielen anderen, ökonomisch und politisch stark angeschlagenen Eurostaaten teilen, die der permanenten Hilfen bedürfen.
daslästermaul 29.08.2013
4. Kamillentee
Zitat von sysopAFPAufgeben? Bloß nicht. Peer Steinbrück will mit seinem 100-Tage-Programm die Wende im Wahlkampf schaffen und Kanzlerin Merkel beim TV-Duell attackieren. Der Sozialdemokrat hat sich in eine Art Selbsthypnose versetzt - das birgt Risiken. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/spd-kanzlerkandidat-steinbrueck-stellt-100-tage-programm-vor-a-919240.html
am besten von "Mutti" gekocht - wirkt Wunder gegen Verspannungen und Wahnvorstellungen ..... .
wernerwenzel 29.08.2013
5. In einer besseren Welt,
wäre Max Goldt Bundeskanzler und Helge Schneider würde den FC Bayern trainieren.
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