SPD-Kanzlerkandidaten Die schwere Suche nach der Nummer 1

Steinbrück als Kanzler? "Putzig" findet Sigmar Gabriel die Debatte um eine mögliche Kanzlerkandidatur des Ex-Finanzministers. Der SPD-Chef gibt sich gelassen - doch er weiß auch, dass die Suche nach einem Merkel-Herausforderer für 2013 heikel werden könnte.

SPD-Chef Gabriel, Fraktionschef Steinmeier: Wer macht das Rennen?
dapd

SPD-Chef Gabriel, Fraktionschef Steinmeier: Wer macht das Rennen?

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Berlin - Die SPD hat ein neues Konzept. Es dreht sich um die Energiepolitik. Effizienteste Volkswirtschaft der Welt, hundert Prozent Erneuerbare Energien bis 2050, Beschneidung der großen Versorger - so lauten die Kernvorhaben. Es ist ein ambitioniertes Papier geworden. Nur leider ist es an diesem Montag ein wenig untergegangen.

Bedanken darf sich die Partei dafür bei ihrem ehemaligen Finanzminister. Denn seit sich Peer Steinbrück am Wochenende selbst als möglicher Herausforderer von Angela Merkel ins Spiel brachte, stecken die Sozialdemokraten mal wieder in einer Kanzlerkandidaten-Debatte. Es ist eine Debatte, die sie derzeit nicht wirklich gebrauchen können. Der linke Flügel schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, der rechte jubelt, Generalsekretärin Andrea Nahles rügt Steinbrücks "Selbstausrufung". Nur der Parteichef findet das alles nicht sonderlich aufregend. Sigmar Gabriel war drei Tage in Istanbul und da seien derlei Spekulationen "nur am Rande" interessant, sagt er.

Überhaupt finde er die Debatte "putzig". Er sei ja "nachhaltig fröhlich", dass "die Öffentlichkeit die Frage des SPD-Kanzlerkandidaten so wichtig findet". Aber die Äußerungen Steinbrücks seien nun mal überinterpretiert worden, sagt Gabriel. Das habe ihm dieser selbst per SMS versichert. Im Übrigen werde er zur Person und zum Verfahren rechtzeitig einen Vorschlag machen, wenn auch nicht vor "Ende 2012 oder Anfang 2013". Geduld, Geduld. Alles reine Routine.

Nun ja, ganz so einfach ist die Sache nicht. In Wahrheit, das weiß auch Gabriel, dürfte sich die Suche nach einem Kanzlerkandidaten für 2013 recht schwierig gestalten, und der Streit um Steinbrück ist dafür ein gutes Beispiel. Neben dem Ex-Finanzminister kommen höchstens drei Sozialdemokraten überhaupt in Frage, als Spitzenkandidat in den Wahlkampf zu ziehen. Es wäre einfach, wenn sich von diesen einer als der natürliche Kandidat aufdrängen würde, wenn es einen klaren Favorit gäbe. Nur ist dem leider nicht so, und das macht die Sache so delikat.

Wer hat welche Interessen? Wer hat welche Chancen? Ein Überblick.

Peer Steinbrück: Geradezu pikiert gab sich der frühere Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, wenn Parteifreunde zuletzt seinen Namen für Höheres ins Spiel brachten - egal ob für europäische Spitzenposten oder die Kanzlerkandidatur. Insofern war es überraschend, als sich Steinbrück am Wochenende in Sachen K-Frage kurzerhand selbst vorschlug. Auch seine Freunde in der Partei rätseln seitdem, was den 63-Jährigen dazu bewegte. Dass er sich einfach verplapperte, ist angesichts seiner politischen Erfahrung unwahrscheinlich. Eher dürfte es sich um eine Art Testballon gehandelt haben, um die parteiinterne Stimmung ihm gegenüber auszuloten.

Der im Volk populäre Steinbrück, so viel ist klar, würde auch im bürgerlichen Lager wildern. Zudem hätte er nichts zu verlieren. Dennoch wäre es äußerst überraschend, wenn sich die SPD 2013 hinter ihm sammeln würde. Beim linken Flügel ist er eine Reizfigur, programmatisch haben sich die Genossen nicht unwesentlich vom Ober-Pragmatiker entfernt. Seine Kandidatur dürfte alte Wunden aufreißen - sogar bei den Grünen, die mit ihm in Nordrhein-Westfalen nicht nur gute Erfahrungen gemacht haben. Chancen hätte Steinbrück wohl nur dann, wenn sich wirklich niemand anders in der SPD findet.

Sigmar Gabriel: Der SPD-Chef galt lange als natürlicher Kanzlerkandidat. Damit ist es vorbei. Dass die Partei seit Monaten auf der Stelle tritt, wird nicht zuletzt ihm angelastet. Durch die Causa Sarrazin hat seine Autorität Schaden genommen, anders ist jedenfalls nicht zu erklären, dass die Partei ihm in Sachen Migrantenquote zuletzt nur äußerst widerwillig folgte.

Gabriels Problem in Sachen Kanzlerkandidatur ist, dass ihm der Ruf vorauseilt, sie unbedingt ergattern zu wollen. Wohl auch um diesem Ruf entgegenzuwirken, erklärte er jüngst gleich alle Ministerpräsidenten der SPD zu potentiellen Merkel-Herausforderern. Gabriel, so viel ist klar, würde sich sicher nicht wehren, für die SPD ins Rennen zu gehen. Er wird es am Ende machen müssen, sollte sich niemand anders finden. Aber eine Kandidatur ist für den beim Wähler nicht übermäßig beliebten Niedersachsen durchaus riskant. Verlöre er, stünde wohl seine Karriere, mindestens aber sein Parteivorsitz auf der Kippe.

Tatsächlich wäre aus seiner Sicht ein Verzicht auf eine Kandidatur 2013 daher nicht unklug. Ließe Gabriel jemand anders freiwillig den Vortritt, wäre das seinem Ansehen in und außerhalb der Partei wohl durchaus förderlich. Zudem hat er mit 51 Jahren noch ein bisschen Zeit.

Frank-Walter Steinmeier: Selbst manche seiner Gegner sagen, er würde einen guten Kanzler abgeben. Doch um das zu beweisen, müsste Steinmeier, 55, erstmal gewählt werden - und genau darin liegt wohl sein Problem: Der Ex-Außenminister ist nicht wirklich ein geborener Kanzlerkandidat. Das hat Steinmeier 2009 bei der Bundestagswahl unter Beweis gestellt. 23 Prozent holte er damals für die SPD als Frontmann - ein Debakel. Zudem verbinden Steinmeier viele Sozialdemokraten immer noch mit der ungeliebten Großen Koalition unter Merkel. Auch das schadet seinen Ambitionen in der SPD.

Was für Steinmeier spricht: Die Deutschen sehen ihn - das zeigen Umfragen seit Monaten - als beliebtesten Sozialdemokraten. Und sollte das bis Anfang 2013 so bleiben und die SPD in den Umfragen knapp vor den Grünen liegen, könnte Steinmeier abermals das Duell mit Merkel wagen. Nur dann - denn in ein aussichtsloses Rennen würde er sich wohl nicht begeben. Steinmeier scheint seine Entscheidung von den Aussichten abhängig machen zu wollen, jedenfalls hat er eine erneute Kanzlekandidatur bisher nicht ausgeschlossen.

Klaus Wowereit: Im Moment ist der 57-Jährige keine Option für die Kanzlerkandidatur 2013. Weil viele Genossen ihn für unkonstruktiv halten, hat er stark an innerparteilichem Gewicht eingebüßt. Bundespolitisch tritt er kaum noch in Erscheinung, was allerdings einen anderen Grund hat: Er muss in Berlin zusehen, dass ihm Grünen-Herausfordererin Renate Künast im Herbst nicht das Rote Rathaus stiehlt. Ausgeschlossen ist das nicht, sieht es doch nach einem engen Rennen für den Regierenden Bürgermeister aus.

Doch klar ist auch: Sollte Wowereit nach der Abgeordnetenhaus-Wahl ein ordentliches Ergebnis von über 30 Prozent holen und weiter regieren dürfen, dürfte er wohl wieder als Merkel-Herausforderer gehandelt werden. Die Parteilinke braucht ihn, sie hat sonst niemanden. Die Kanzlerkandidatur 2013 wäre wohl seine letzte Chance, außerhalb der Berliner Landespolitik etwas zu erreichen.

Während die SPD mit der unliebsamen Kanzlerkandidaten-Debatte kämpft, halten die Grünen in dieser Frage still. Steinbrücks jüngste Selbst-Bewerbung belustigt sie. "Viele sind berufen, aber nur wenige sind auserwählt", sagt Parteichef Cem Özdemir. Offenbar gönne sich die SPD in dieser Frage "einen großen Vorlauf".

Özdemir gönnt sich dafür eine böse Spitze in Richtung SPD: Die Sozialdemokraten, rät er mit Blick auf 2013, sollten sich vor allem "darum kümmern, die nötige Masse mitzubringen".



insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
karsten112 16.05.2011
1. .
Zitat von sysopSteinbrück*als Kanzler? "Putzig" findet Sigmar Gabriel die Debatte um eine mögliche Kanzlerkandidatur des Ex-Finanzministers. Der SPD-Chef gibt sich gelassen - doch er weiß auch, dass die Suche nach einem*Merkel-Herausforderer für 2013 heikel werden könnte. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,762815,00.html
Es ist doch egal wen die SPD aufstellt, er/sie wird nicht gewählt werden. SO dumm kann doch niemand sein... Na gut, doch, so dumm sind die deutschen mittlerweile...
the0retisch 16.05.2011
2.
Vielleicht sollte man sich zuallererst mal inhaltlich profilieren, bevor man irgendwelche Personalentscheidungen trifft. Aber die SPD weiß wahrscheinlich selbst nicht, wo sie steht, bzw. wo sie hin will. Und nur, weil die FDP mal Guido Westerwelle als Kanzlerkandidaten aufgestellt hat, muss doch jetzt nicht jede Splitterpartei einen eigenen Kandidaten präsentieren. Glaubt die SPD ernsthaft, dass sie mit den 15-20%, die sie bei der nächsten Bundestagswahl noch erreichen wird, den Kanzler/die Kanzlerin stellen kann?
chrishan 16.05.2011
3. Gabriel gegen Merkel?
gabriel ist der schlechteste aller Kandidaten, da nützt ihm der spd-vorsitz wenig. wenn gabriel kanzlerkandidat werden sollte wäre das ähnlich schlecht, wie seinerzeit bei lafontaine. Wir deutschen könnten dann nicht SPD wählen. die beliebtheitsskala ist selbsterklärend.
janeinistrichtig 16.05.2011
4. Wer älter wird, der träumt
Ein ziemlich bemühtes Thema der Journaille. Frau Bundeskanzlerin Merkel wird zum einen ohnehin durchregieren (die FDP hat per Parteitag der Regierung ja jüngst eine Vitaminspritze quasi injiziert), zum anderen wird Frau Bundeskanzlerin Merkel ohnehin durchregieren, da Steinbrück als Kanzlerkandidat (so sehr ich ihn mir wünschte) in der SPD nicht durchsetzbar sein wird und Kohl'sches Aussitzen gefühlt nahezu immer Erfolg versprach. Dies noch in Verbindung mit einer Stammwählerschaft der CDU/CSU, welche durch die Zunahme der Nichtwähler die Sitzverteilung im Bundestag relativ konstant bleiben lassen wird. Die FDP holt halt dann doch noch sensationell 5,18%. Und schon fürchtet Bundeskanzler a.D. Helmut Kohl um seinen Rekord. Vielleicht aber träume ich nur grad einen trostlosen Traum. Und schreibe dabei im SPON-Forum? Himmel, hilf!
exildoc 16.05.2011
5. Ein SPD Kanzler
..ist ja im Moment tatsaechlich schwer vorstellbar. Als Mitglied der im Moment unbeliebtesten Partei Deutschlands (nein, nicht NPD) bin ich ja kein SPD Stammwaehler, jeder der beiden Stones scheint jedoch mir gut geeignet, ich wuerde Deutschland in eher guten, zumindest sicheren Haenden waehnen. Gabriel aber, ojeojeoje.
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