SPD-Kanzlerkandidatur Brüder, zur Urwahl, zur Freiheit!

Die SPD will erst Ende Januar und im kleinen Kreis über den Kanzlerkandidaten entscheiden. Dieser quälende Prozess verhindert die Belebung, die unsere ermattete Demokratie dringend braucht. Die Partei sollte eine Urwahl wagen.

Sigmar Gabriel, Martin Schulz
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Sigmar Gabriel, Martin Schulz

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Die Suche nach einem SPD-Kanzlerkandidaten erinnert an einen durchschnittlichen "Tatort": Schauspielerisch mäßig begabte Frauen und Männer brauchen viel zu lange, um zu ermitteln, wer am Ende schuld am Niedergang der Sozialdemokraten sein soll.

Das Gute am "Tatort" ist, dass man nach 90 Minuten erlöst ist. Bei den Sozialdemokraten soll die Auflösung erst Ende Januar erfolgen.

Selbst innerhalb der Partei wird dann die Erleichterung überwiegen, dass endlich das Gewürge vorbei ist. Auf eine echte Aufbruchstimmung hoffen selbst Zweckoptimisten nicht mehr.

Zumal die Dramaturgie absehbar ist: SPD-Chef Sigmar Gabriel verkündet intern seine Kandidatur. Eine kleine Runde - die ihn zwar kollektiv für ungeeignet hält, aus der sich selbst aber niemand traut - nimmt dies regungslos zur Kenntnis, einigt sich jedoch darauf, den Parteivorsitzenden fortan für seine vermeintliche Entschlossenheit zu preisen. Und das war es dann.

Dieses Prozedere erinnert an die Frühzeiten der Bundesrepublik. Eine ermattete Demokratie, wie es sie auch in Deutschland längst gibt, lässt sich so allerdings nicht wiederbeleben. Schließlich braucht unser politisches System kaum etwas dringender als einen echten Wettbewerb der besten Ideen - und der besten Leute.

Eine echte Auswahl

Wie man Personalentscheidungen außerhalb von "Haben wir immer schon so gemacht"-Gremien trifft und sogar Millionen Menschen begeistern kann, zeigt ein Blick ins Ausland und die sozialdemokratische Vergangenheit: durch eine Urwahl. Und zwar nicht mit nur einem Kandidaten und einer Ja-oder-Nein-Entscheidung, sondern mit einer echten Auswahl.

Es wäre ein Prozess, bei dem das Ergebnis nicht vorher feststehen würde. Und nur deshalb könnte jeder, der sich berufen fühlt, ohne Rücksicht auf parteiinterne Verquickungen dabei sein. Gabriel würde kandidieren, weil er überzeugt ist, dass er der talentierteste Wahlkämpfer ist. EU-Parlamentspräsident Martin Schulz träte an, weil er sich mit dem Image des Weltretters ein besseres Ergebnis zutraut als Gabriel. Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz sähe die Chance, seine Strahlkraft südlich von Hamburg-Harburg auszutesten. Und Familienministerin Manuela Schwesig versuchte ihr Glück als junge, weibliche Alternative.

Die Kandidaten hätten Programme mit eigenen Schwerpunkten. Auch deshalb gäbe es eine echte, lebendige Debatte innerhalb der Partei - und wahrscheinlich weit darüber hinaus.

Natürlich existieren unzählige Einwände gegen eine solche Urwahl. Ist nicht der polternde Donald Trump auf diese Weise genauso Präsidentschaftskandidat geworden wie der überforderte François Hollande? Und hat nicht die SPD in den Neunzigerjahren eine Mitgliederbefragung gemacht, bei der am Ende der glücklose Rudolf Scharping herauskam?

Die Antworten lauten: Ja und Ja. Allerdings sprechen die genannten Beispiele bei näherer Betrachtung nicht gegen eine größere Beteiligung von Parteimitgliedern und Bürgern, die einer Partei nahestehen.

Demokratie muss nicht langweilig sein

In den USA zeigten sich bereits bei den Vorwahlen der Demokraten die Schwierigkeiten von Hillary Clinton - genauso wie schon 2008. Diese Probleme wollte das Partei-Establishment allerdings nicht wahrhaben.

In Frankreich haben am vergangenen Sonntag mehr als vier Millionen Bürger bei einer offenen Urwahl über den Präsidentschaftskandidaten der Konservativen abgestimmt. Sie haben die Karriere eines Mannes, der schon Präsident war, beendet, einen 71-Jährigen, der seit über 40 Jahren Politik macht, in die Schranken gewiesen und einen Kandidaten zum Favoriten gekürt, den niemand auf der Rechnung hatte. Eine langweilige Demokratie sieht wahrlich anders aus.

In Frankreich kommt es am Sonntag zu einer zweiten Runde zwischen François Fillon und dem Zweitplatzierten Alain Juppé. Auf jene Stichwahl, die Klarheit schafft, verzichtete die SPD in den Neunzigerjahren. Scharping gewann damals bei insgesamt drei Kandidaten mit ein paar Prozentpunkten Vorsprung vor dem späteren Kanzler Gerhard Schröder. In einem entscheidenden Duell hätte sich Schröder möglicherweise durchgesetzt.

Aus einem selbstverursachten Fehler sollte die SPD nicht die Konsequenz ziehen, dass ein Instrument grundsätzlich nicht taugt.

insgesamt 41 Beiträge
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thequickeningishappening 23.11.2016
1. Die SPD, Das war einmal
Die Partei, Die unter Willi Brandt 45,8% der Stimmen holte (1972), zerfiel in Drei Teile (SPD/Gruene/Die Linke)! Uebrig geblieben sind die "Seeheimer"; Da braucht Es keine Urwahl, Keiner von Denen wird nach 40 Jahren Sozialabbau Je wieder Kanzler werden!
basecape-man 23.11.2016
2. das entscheidene kriterium bei der kandidatenfrage haben sie bewusst oder fahrlässig unterschlagen
die medien tun immer so als sei das ganze eine catingshow in der der beste verkaüfer gewinnen soll statt mal mehr darauf zu achten was der kandidat den da verkaufen soll.und das müsste die spd erstmal klären bevor sie über den kandidaten entscheidet.aber dazu fehlt den genossen wohl der mut und da wetzt man im hindergrund wohl eher die messer um dann den verlierer der wahl zu schlachten an statt die chance jetzt zu nutzen.ob gabriel ,schulz oder scholz spielt dabei keine rolle.
and_one 23.11.2016
3. Was regt Ihr euch auf?
Es ist bei den etablierten Parteien schon seit Jahrzehnten so, dass alle wichtigen Kandidaten und die Kandidatenlsten (Landeslisten) im Hinterzimmer ausbaldowert werden. Die haben die Demokratie doch schon lange aufgegeben. Mehr als einen Kandidaten oder Urwahlen gibt es doch nur, wenn man sich im Hinterzimmer nicht einigen kann. Diese Wahlen werden dann öffentlich stets als Sieg innerparteilicher Demokratie gefeiert. Das Ganze wird von den deutschen Staatsmedien sodann auch wohlwollend kommentiert.
klatschreporter 23.11.2016
4. In einem entscheidenden Duell hätte sich Schröder möglicherweise durchgesetzt.
Und dann? Dann hätte der durch Schröder verursachte Niedergang der deutschen Sozialdemokratie halt ein paar Jahre eher eingesetzt.
roughneckgermany 23.11.2016
5.
Gabriel und Scholz: Nö. Schulz: ja. Schwesig: Eventuell.
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