SPD-Krise Beck verärgert über Nahles-Querschüsse

Zu weit vorgewagt: Andrea Nahles hat mit ihren kritischen Äußerungen über den Zustand der SPD die Parteiführung vergrätzt. Kurt Beck beklagte sich über imageschädigende Querschüsse seiner Stellvertreterin - er habe keine Lust, die "Scherben aufzusammeln".


Hamburg/Berlin - Viel zu lachen gab es nicht in der Sitzung des SPD-Präsidiums: Bei dem Treffen am Montag hat sich die Parteispitze vor allem mit dem schlechten Bild der SPD in der Öffentlichkeit beschäftigt - und einen Anlass für die Querelen hatte ausgerechnet Parteivize Andrea Nahles geliefert: "Nicht versetzungsfähig" lautete ihr Urteil über die eigene Partei, ausgesprochen am Sonntag. Seitdem sind führende Genossen schwer verärgert über die Parteilinke.

SPD-Politiker Heil und Beck: "Wir müssen dann die Scherben aufsammeln"
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SPD-Politiker Heil und Beck: "Wir müssen dann die Scherben aufsammeln"

Laut einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" beklagte sich Beck in der Präsidiumssitzung darüber, dass Parteifreunde mit öffentlichen Äußerungen dem Image der Partei schaden würden. "Und wir müssen dann die Scherben am Montag aufsammeln", zitierte die Zeitung den Parteichef unter Berufung auf Teilnehmer der Sitzung.

Demnach galt die Kritik Becks eindeutig Nahles, aber auch Umweltminister Sigmar Gabriel sei möglicherweise Adressat der Beck-Äußerungen. Gabriel hatte seine Partei zuletzt vor weiteren "Eigentoren" gewarnt. Namentlich erwähnte Beck weder Nahles noch Gabriel. Laut "Bild"-Zeitung herrschte während der Präsidiumssitzung "eisiges Schweigen" zwischen Beck und seiner Stellvertreterin.

Führende Genossen werfen Nahles der "Süddeutschen Zeitung" zufolge auch vor, dass sie sich zuletzt für Beck als Kanzlerkandidat ausgesprochen habe. In Führungsgremien der Genossen gilt es inzwischen als unwahrscheinlich, dass der in Umfragen schwächelnde Beck für die kriselnde SPD als Herausforderer von Kanzlerin Angela Merkel antritt. "Damit gibt man den Vorsitzenden der Häme preis", sagte ein namentlich nicht genannter SPD-Politiker über Nahles der "Süddeutschen Zeitung".

Die verschiedenen SPD-Strömungen stemmen sich gegen wachsende Zweifel an der Führung von Parteichef Beck. Vertreter des linken wie des rechten Flügels warnten am Montag vor einer frühen Benennung eines Kanzlerkandidaten, die Beck weiter beschädigen würde. Beck selbst äußerte sich nicht zu den Debatten, in denen es darum geht, ob die SPD Außenminister Frank-Walter Steinmeier bald als Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl 2009 benennen soll.

Generalsekretär Hubertus Heil legte sich erneut nicht mehr auf ein konkretes Zeitfenster für die Nominierung fest. "Die Kanzlerkandidatenfrage wird rechtzeitig entschieden", sagte er.

Die Führung grenzt dies seit einigen Wochen nicht mehr auf die Angabe "Ende dieses oder Anfang kommenden Jahres" ein, wie Beck es selbst vorher getan hatte. Diese Änderung und die weiter fallenden Umfragewerte der Partei und Becks nähren die Debatte, ob die SPD die Nominierung vorzieht. Doch argumentiert die Führung, dass die gegenwärtige Krise jeden Kandidaten von Beginn an belasten würde.

Im linken SPD-Flügel hieß es, Beck müsse als Parteichef vor weiteren Beschädigungen geschützt werden. Eine mögliche baldige Nominierung Steinmeiers gilt in der SPD als neue Demontage Becks, der in der Defensive sei und sich im Wahlkampf dann dem Spitzenkandidaten unterordnen müsse. Daher will die Führung erst bessere Werte in den Umfragen erreichen, wo sie auf bis zu 20 Prozent abrutschte. Auch ein Vertreter des rechten Flügels, der Steinmeier als Kandidaten favorisiert, warnte vor einer schnellen Entscheidung. Laut "Bild"-Zeitung stehen neun von 16 Landesverbänden hinter dem Plan, den Kandidaten nicht vor dem Herbst zu benennen.

hen/Reuters



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