SPD-Landesparteitag in Hessen Schäfer-Gümbel emanzipiert sich von Ypsilanti

Informell ist der Führungswechsel vollzogen, nur offiziell noch nicht: Die hessische SPD feiert ihren Spitzenkandidaten Schäfer-Gümbel - und erträgt eine trotzige Parteichefin. Ypsilanti will nicht zurücktreten, deutet aber an, nach der Wahl Konsequenzen zu ziehen.

Aus Alsfeld berichtet


Alsfeld - Der Gast aus Berlin ist voll des Lobes. "Die Rede eines Ministerpräsidenten", habe er gehört, sagt Franz Müntefering. "Da kamen die Dinge zusammen, die es braucht." Es sind kurze, typische Müntefering-Sätze. Der SPD-Chef spricht sie beim Parteitag der hessischen Genossen in Alsfeld – und sorgt für ein strahlendes Gesicht beim Adressaten, dem neuen Spitzenkandidaten Thorsten Schäfer-Gümbel.

Neben ihm auf dem Podium sitzt Andrea Ypsilanti. Sie strahlt nicht. Über ihre Rede hatte Müntefering kaum ein Wort verloren. Stattdessen sagt er Sätze, die allesamt als Kritik an ihr verstanden werden können: "Schäfer-Gümbel ist einer, der auch auf Bundesebene mitreden kann."

Ypsilanti wirkt reichlich unzufrieden. Sie hatte in den vergangenen Monaten nach der Wahl keinerlei Unterstützung von der Berliner Parteiführung bekommen – und nun darf sich Schäfer-Gümbel schon nach wenigen Wochen wie ein Star feiern lassen? Das geht ihr gehörig gegen den Strich.

Mit 96,7 Prozent wählen die Delegierten Schäfer-Gümbel zum Spitzenkandidaten. Er erhält 324 von 335 gültigen Stimmen - ein Spitzenergebnis für den Überraschungskandidaten. Der 39-Jährige emanzipiert sich an diesem Tag endgültig von seiner Entdeckerin Ypsilanti. Er bemüht sich zwar, ihr Solidarität zu versichern – doch wirkt das fast schon gönnerhaft von dem einstigen Hinterbänkler. Er genießt den Jubel der Delegierten und seine neue Rolle als Nummer eins der hessischen Genossen.

Schon der Vergleich der beiden Reden in Alsfeld spricht für sich. Ypsilanti verteidigt erneut ihren Weg, lobt sich selbst für den "großartigen Wahlerfolg" und klagt über eine Berichterstattung, die nicht spurlos an ihr vorbeigegangen sei. Das Ganze dauert 20 Minuten.

Dann kommt Schäfer-Gümbel. Der Mann strotzt vor Selbstvertrauen. Er attackiert Wolfgang Clement, der "Gott sei Dank die Partei verlassen" habe. Er greift massiv seinen CDU-Gegenspieler Roland Koch an. Und er fordert seine Partei auf, geschlossen und selbstbewusst in den Wahlkampf zu ziehen. "Die Zeit der Selbstkasteiung ist vorbei. Wir wollen gewinnen", ruft er den Delegierten zu.

Ypsilanti wirkt genervt

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Der Spitzenkandidat stößt auf große Begeisterung. Obwohl einige mäkeln, die Rede sei mit 80 Minuten etwas lang ausgefallen, ist die Resonanz überwiegend positiv. "Das war eine tolle Rede", schwärmt die Landtagsabgeordnete Nancy Faeser. Sie gehörte zu den Kritikern des von Ypsilanti geplanten Linksbündnisses, sollte dann aber Justizministerin einer rot-grünen Minderheitsregierung werden.

Ypsilanti wirkt angesichts der Länge von Schäfer-Gümbels Ansprache sichtlich genervt. Als er dann auch noch lang und breit über seine politischen Prägungen spricht, wird ihr Gesicht immer länger. Er habe als einziges von vier Geschwistern die Möglichkeit erhalten, Abitur zu machen und zu studieren, sagt Schäfer-Gümbel. Die Chancen auf eine gute Bildung dürften in Deutschland nicht länger von der Herkunft abhängen, fordert er.

Ypsilanti scheint an dieser Stelle zu merken, dass sie nicht mehr den Ton angibt – sondern er. Schon bei der Begrüßung am Morgen fiel auf, wie lautstark und rhytmisch der Applaus bei Schäfer-Gümbel ausfiel und wie zaghaft und bemüht bei ihr. Immerhin darf sie dann als Erste reden. Doch was sie sagt, stößt bei vielen Sozialdemokraten auf Unmut.

Merkwürdiger Auftritt der Gegenkandidatin

"Immerhin hat sie gesagt, dass sie nach dem 18. Januar die Verantwortung übernimmt", sagt ein Delegierter. Das sei "das Mindeste", was von ihr erwartet wurde. Tatsächlich sagt Ypsilanti ausdrücklich, sie "übernehme die Verantwortung, auch für das Wahlergebnis vom 18. Januar". Das gehöre sich so für eine Parteivorsitzende.

Dennoch sind viele in Alsfeld unzufrieden: Das zeigt sich auch bei der Gegenkandidatur um den von Ypsilanti angestrebten Platz zwei der Liste. Die Konkurrentin, Astrid Starke aus Darmstadt, sorgt für den merkwürdigsten Auftritt an diesem Tag. Verunsichert und zaghaft tritt sie auf das Podium, um dann eine - ja was eigentlich? - zu halten. Eine Bewerbungsrede kann man es nicht nennen, eher eine Zurschaustellung offensichtlich fehlender Qualifikation.

Die Nachfolgerin von Parteirebellin Dagmar Metzger sagt: "Ich stehe hier, weil mich meine Delegierten vor Ort dazu aufgefordert haben. Ich habe es ihnen versprochen." Starke scheint sich beinahe zu entschuldigen für ihre Kandidatur und endet mit einem bemerkenswerten Satz: "Ihr könnt Andrea wählen, ihr könnt mich wählen, oder ihr könnt euch enthalten."

Schäfer-Gümbel wirft Koch "Panikmache" vor

Nun hätten die meisten Beobachter erwartet, dass sie nach einem solchen Auftritt überhaupt keine Unterstützung erhält. Doch immerhin 38 Delegierte geben ihr die Stimme, 23 enthalten sich und 277 stimmen für Ypsilanti. Die 81,9 Prozent sind angesichts dieser zumindest ungewöhnlichen Gegenkandidatur kaum ein Vertrauensbeweis für die Parteichefin.

Schäfer-Gümbel hingegen ist zufrieden. Ein wenig droht der aufstrebende Genosse zu überdrehen, wenn er in seiner Rede noch einen Gag und noch eine gelungene Pointe setzen will. Roland Koch sei "kein Wirtschaftsfachmann, sondern ein Wirtschaftslobbyist und Marktradikaler". Dann geht er sogar so weit, dem CDU-Mann die Verantwortung für den Einbruch der Verkaufszahlen beim Autobauer Opel zuzuweisen. Mit seiner Profilierungssucht habe Koch "Panikmache betrieben", wirft Schäfer-Gümbel dem Ministerpräsidenten vor.

Doch zumindest die Jusos stört das gar nicht. Sie haben voller Stolz T-Shirts mit einer Superman-Figur übergestreift. Das Gesicht des Helden ist, wen wundert es noch, das von Thorsten Schäfer-Gümbel.



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