SPD-Politiker im Wrestling-Ring Hulk Ilgen

Im Ring trägt er schwarzen Umhang und Schwert, im Bundestag dunklen Anzug: Mit SPD-Mann Matthias Ilgen zieht der erste Wrestler ins Parlament ein. Seine Spezialität als "Freiherr von Ilgen": den perfekten Bösewicht spielen. Peer Steinbrück hat er schon beeindruckt.

Karsten Kretschmer

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Wenn Matthias Ilgen als "Freiherr von Ilgen" in den Ring steigt, sind die Sympathien noch vor dem ersten Handkantenschlag verteilt. Während er ausgepfiffen, bepöbelt und bespuckt wird, erfreut sich sein Gegner stets höchster Beliebtheit. Wenn Ilgen zu Boden geschmettert wird oder im Quetschgriff rot anläuft, ist Jubel garantiert. Denn in der Welt des Wrestlings ist Ilgen ein fieser Adliger mit Schwert und schwarzem Umhang. Ein Bösewicht.

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Heft 40/2013
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In seinem zweiten Leben ist Matthias Ilgen künftig Bundestagsabgeordneter der SPD. Der 29-jährige Husumer hat als Letzter der Landesliste Schleswig-Holstein das Ticket nach Berlin gelöst, es ist eine kleine Sensation. Ilgen ist damit wohl der erste Wrestler im deutschen Parlament.

Wrestling oder Catchen ist eine amerikanische Sportart, die eigentlich mehr eine Theatervorstellung ist. Es gibt einen Guten und einen Bösen, die sich im Ring mit großer Theatralik bekämpfen. Wobei es nicht wirklich weh tun soll. Die Tritte enden meist kurz vor dem Körper, und wenn ein Stuhl auf dem Rücken eines Kontrahenten zerschlagen wird, ist das Mobiliar meist aus leicht brechendem Plastik. Bekannt wurde der Sport in Deutschland Ende der achtziger Jahre durch den blonden Hünen Hulk Hogan.

Damals sammelte auch der Schuljunge Ilgen kleine Hulk-Figuren und träumte von einer Karriere im Ring. Während seines Studiums in Hamburg erfuhr er, dass es auch in Deutschland eine Liga gibt, er begann zu trainieren. Und weil die Sportart sich hierzulande nie wirklich aus kleinen Turnhallen herausentwickelt hat, war Matthias Ilgen bald Teil der deutschen Wrestling-Elite. 2007 kämpfte er bei einer deutschen Meisterschaft. Er schied allerdings früh aus.

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SPD-Wrestler Ilgen: Der Freiherr greift an
"Das Dasein als Bösewicht hat seinen besonderen Reiz"

Es macht ihm nichts aus, im Ring stets der "Heel", der Schurke, zu sein. Es ist schließlich eine Herausforderung, im richtigen Moment authentisch unsympathisch zu gucken. Das Dasein als Bösewicht habe seinen besonderen Reiz, sagte Ilgen mal in einem Interview: Man müsse das Timing des Matches beherrschen und den Konter fahren, wenn alle denken, man sei ein Loser. "Man muss sich auch mal zum Deppen machen lassen", so Ilgen.

Die Einstellung ist vielleicht keine schlechte Voraussetzung für seinen neuen Job bei der SPD im Bundestag. Ilgen will sich um Wirtschaft und Infrastruktur kümmern und die Energiewende in Schleswig-Holstein voranbringen, es sind nicht gerade leichte Aufgaben. "Wir müssen mehr für kleine und mittlere Unternehmen tun", sagt er.

Als Student hat er in Hamburg ehrenamtlich im Stadtteil Billstedt ein Job-Café aufgebaut. Mit einigen Kollegen hat er versucht, Arbeitslosen einen Job zu verschaffen, die es alleine nicht hinbekommen. Damals fiel er schon in der Hamburger SPD auf.

Im April 2012 wurde er dann zum Hoffnungsträger für Peer Steinbrück. Am Abend einer gemeinsamen Veranstaltung mit dem damaligen Ministerpräsidenten-Anwärter Torsten Albig überraschte Ilgen ihn mit einigen anderen Genossen im Weinkeller eines Husumer Hotels. Dort hatte Steinbrück eigentlich gerade mit zwei Journalisten zum Gespräch Platz genommen.

Etwas mürrisch bat Steinbrück die Gäste hinzu, doch nach ein paar Sätzen wurde er aufmerksam. Ilgen nahm mit den Erfahrungen eines echten Basis-Arbeiters die SPD-Politik der Vorjahre auseinander. Steinbrück war baff. Als er als Kanzlerkandidat Monate später gefragt wurde, wer für ihn ein Nachwuchstalent in der SPD sei, antwortete er: "Da gibt es so einen Ortsvereinsvorsitzenden aus Husum."

Ilgen wird sich auch in seinem neuen Job als Politiker möglicherweise beschimpfen lassen müssen. Stühle, immerhin, werden aber nicht auf seinem Rücken zertrümmert.

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Seite 1
guteronkel 02.10.2013
1. optional
Ich hatte schon lange den Verdacht, der sich im Artikel bestätigte: Die SPD ist inzwischen derart verkommen, dass sie sich demnächst auf den Rücken legt und die Beine breit macht. Was erwarten wir von dieser Partei denn noch? Lasst sie bei der nächsten Wahl einfach sterben wie die FDP.
awun 02.10.2013
2.
Zitat von guteronkelIch hatte schon lange den Verdacht, der sich im Artikel bestätigte: Die SPD ist inzwischen derart verkommen, dass sie sich demnächst auf den Rücken legt und die Beine breit macht. Was erwarten wir von dieser Partei denn noch? Lasst sie bei der nächsten Wahl einfach sterben wie die FDP.
Was ist jetzt das Problem? Sind ihnen Betrugs-Doktoren der CDU/CSU/FDP im Bundestag lieber? Darf jeder nicht mit seiner Freizeit machen was er will wenn es legal ist? In dem Fall ist es definitiv legal!
fkogb 02.10.2013
3.
Der Mann blickt aber auch zu beängstigend ... man erstarrt gerade zu Schreck. Sollte in die Kolaitionsverhandlungen eingebunden werden, mit Umhang.
eryx 02.10.2013
4.
Ich finde das toll! Der Mann steht doch offen und unverkrampft zu dem, was er da treibt und offensichtlich ist er überaus engagiert. Genau solche Leute braucht man doch gerade im Parlament. Bin gespannt, was da noch kommt.
marisaaa 02.10.2013
5.
Zitat von sysopKarsten Kretschmer Im Ring trägt er schwarzen Umhang und Schwert, im Bundestag dunklen Anzug: Mit SPD-Mann Matthias Ilgen zieht der erste Wrestler ins Parlament ein. Seine Spezialität als "Freiherr von Ilgen": den perfekten Bösewicht spielen. Peer Steinbrück hat er schon beeindruckt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/spd-matthias-ilgen-zieht-als-erster-wrestler-in-den-bundestag-ein-a-925608.html
Beste Voraussetzung den nächsten Kanzlerkandidaten der SPD zu werden.
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