SPD-Mitgliederschwund Wie die Schrumpf-SPD sich neu erfinden kann

Die CDU hat zum ersten Mal mehr Mitglieder als die SPD - eine historische Zäsur, aber nicht unbedingt ein Drama für die Sozialdemokraten. In Zeiten der neuen Mitte brauchen sie keine Scharen von Mitgliedern mehr, sondern vor allem taktische Beweglichkeit und mehr Raffinesse.

Von Franz Walter


Schauen wir kurz zurück: Als es nach Hitler politisch wieder neu begann, Anfang 1946, zählten die Sozialdemokraten in den vier Zonen der deutschen Trümmergesellschaft über eine Million Mitglieder mehr als die rivalisierende CDU. Auch ein Vierteljahrhundert später, in den frühen Jahren der sozialliberalen Koalition, lag der Mitgliederbestand der SPD um mehr als doppelt so hoch wie bei den Christdemokraten. Nun aber, im Juli 2008, liegt die Partei Angela Merkels gegenüber der Partei Kurt Becks knapp vorn.

SPD-Chef Kurt Beck (vor der Statue von Willy Brandt in der Parteizentrale): In großen Gruppen bleiben Energien oft ungenutzt
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SPD-Chef Kurt Beck (vor der Statue von Willy Brandt in der Parteizentrale): In großen Gruppen bleiben Energien oft ungenutzt

In den Zeiten von Bebel bis Brandt hätte wohl kein Sozialdemokrat eine solche Entwicklung jemals für möglich gehalten.

Auch in der Parteien- und Parlamentsforschung ist es seit über 140 Jahren herrschende Lehre, dass die politischen Formationen der Arbeiter ihre bürgerlichen Äquivalente an Mitgliedern in der Regel weit überragen, auch überragen müssen. Denn die Bürger aus der gesellschaftlichen Beletage brauchten schließlich nicht das disziplinierte Kollektiv, benötigten nicht die schlagkräftige Organisation. Sie verfügten stattdessen über ihre je eigenen, individuellen Ressourcen, die ihnen Wirksamkeit garantierten und Autonomie gewährten: akademische Bildung, materiellen Besitz, soziale Verkehrskreise.

Bürgerliche Parteien waren daher in ihrer ganzen Genese auf ebenso kleine wie feine Zirkel elitärer Honoratioren beschränkt, lediglich locker assoziiert, ohne straffe Verbindlichkeiten. Ein strenges Parteireglement kannte und wünschte man nicht. Die Möglichkeit einer offiziellen Mitgliedschaft bestand in den ersten Jahrzehnten ebenfalls nicht. Auch Parteitage oder ähnlich demokratisch fixierte Entscheidungsgremien existierten in der politischen Welt der bürgerlichen Schichten (lange) nicht.

Die unteren Schichten dagegen waren als Einzelne ohne Durchschlagkraft. Nur die Massenhaftigkeit verschaffte den Nicht-Privilegierten Aktionspotential, vermittelte auch schwachen Individuen das Gefühl von Größe, Zusammenhang und Wucht. Daher wurde die Straßendemonstration mit ihren roten Fahnen und martialischen Kampfgesängen zum probaten Ausdrucksmittel dieser Masse. Nach innen integrierte und erhöhte der kollektive Aufmarsch die Einzelnen der unteren Schichten, nach außen versetzte er das verhasste höhere Bürgertum in Furcht und Schrecken.

Doch all dies musste gut und dauerhaft organisiert werden. Deshalb brauchten sozialistisch-proletarische Parteien den Funktionär. Und darum war eben dieser Funktionär und Organisator der Masse in den bürgerlichen Lebenswelten der Feind schlechthin. Der "rote" Funktionär galt den etablierten Bürgern als Zerstörer von Selbständigkeit, Mündigkeit, gesitteter Individualität, als der kalte Einpeitscher des Mobs. In der klassischen Arbeiterbewegung waren die Funktionäre dagegen lange die guten Samariter für die kleinen Leute, pflichtbewusst, hart gegen sich selbst, der Partei treu ergeben und bereit, ihr jederzeit alle Freizeit zu opfern. Der Funktionär hatte mehr zu wissen als der Rest der Mitglieder; er hatte die Aktionen und Versammlungen der Partei vorzubereiten und zu dirigieren; er sollte die Massen aufklären und anführen.

Ohne diesen Typus hätte es eine starke, das 20. Jahrhundert überdauernde Sozialdemokratie wohl nicht gegeben. In den Jahrzehnten der Hochindustrialisierung war die räumliche Mobilität unter den Arbeiterfamilien so groß, dass die Sozialdemokratie sich nur deshalb fortsetzen konnte, weil sie Organisation war – und weil hauptamtliche Funktionäre vor Ort im Wechsel der Mitglieder für Konstanz und Kontinuität sorgten. In den Jahren der großen politischen Auflösung, in der Endphase der Weimarer Republik, als die bürgerliche Mitte nahezu vollständig zerbrach, hatte die SPD eben dort stabilen Bestand, wo die sozialdemokratische Arbeiterbewegung organisatorisch verfestigt und verdichtet war, also mit Vereinen, Verbänden, Clubs und Ortsvereinen in den Wohnquartieren ihrer Anhänger wurzelte.

In der Organisation vermittelte sich die Stärke, aber auch das Dilemma der Sozialdemokratie in ihrer Geschichte. Die Organisation sicherte die sozialdemokratische Existenz selbst in Kriegs- und Krisenzeiten. Organisationen lösen sich nicht so schnell auf, tragen bekanntlich Beharrungskräfte in sich, unterscheiden sich so von spontanen Bürgerbegehren oder Initiativen, die oft mit großem Schwung und weit gesteckten Zielen entstehen, nach Enttäuschungen und Misserfolgen dann aber ebenso rasch wieder zerfallen.

Aber große Organisationen setzen sich nicht selbst aufs Spiel, scheuen das Risiko, sind vorwiegend am Selbsterhalt interessiert – nicht an dynamischen Reformen, unübersichtlichen Veränderungen, stürmischen Aktivitäten. So hat zwar auch die Organisation, hauptursächlich sogar, zu den 145 langen sozialdemokratischen Jahren beigetragen, hat die elementaren Weltbilder und Zielsetzungen generationenübergreifend aufbewahrt und weitervermittelt, hat aber ebenfalls auch zu politischen Erstarrungen und Unbeweglichkeiten der Partei in weichenstellenden historischen Momenten beigetragen.

Doch der Organisationskult der Sozialdemokraten gehört inzwischen längst der Vergangenheit an. Der SPD sind seit zwei Jahrzehnten die Mitglieder im Umfang von fünf Großstädten abhanden gekommen. Und spätestens in der Ära Schröder hat der Parteifunktionär im Basisbereich an Einfluss und Gewicht gänzlich verloren. Einst hatten sie als Obmänner, Kassierer, Bildungsreferenten, Fahnenträger, Arbeiterbibliothekare etc. Aufgaben und Funktionen im "historischen Emanzipationskampf" zu erfüllen, die ihnen Bedeutung und Rang verliehen.

Solche Orte der Würde und Wichtigkeit existieren für Basisaktivisten zuletzt kaum mehr in der Sozialdemokratie.



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