S.P.O.N. - Im Zweifel links K wie Kuscheln

Drei Kandidaten sind zwei zu viel. Dass sich die SPD bis 2013 nicht festlegen will, mag taktisch richtig sein - politisch ist es falsch. Die Genossen müssen endlich reinen Tisch machen und klarstellen, wer im kommenden Jahr gegen Angela Merkel antreten soll.

Eine Kolumne von


Eine Partei sucht einen Kanzler. Oder wenigstens einen Kandidaten. Aber schon das ist offenbar eine Last für die SPD. Früher hatte die SPD zwei Flügel, und zum Fliegen brauchte sie beide. Heute hat sie drei Kanzlerkandidaten, und warum man die Partei im kommenden Jahr wählen soll, ist unklar. Wie soll man einer Partei das Land anvertrauen, wenn sie nicht mal den Mut zur Debatte in den eigenen Reihen findet? Die K-Frage in der SPD bis spätestens nach der Niedersachsen-Wahl im Januar 2013 offenzuhalten, mag taktisch richtig sein, politisch ist es falsch.

Feigheit wird nicht belohnt. Der Schaden ist bereits entstanden: Kraftvoll und mutig geht die Partei nicht in diese Wahl. Aber immerhin beginnt jetzt endlich die Debatte.

Dank an Torsten Albig. Sein Vorstoß, Steinmeier solle es machen, kam unerwartet. "Da springt von achtern einer vor", heißt es bei Fontane, und wie weiland Pionier Klinke hat der Schleswig-Holsteiner Albig die Schanze aufgesprengt, hinter der sich die SPD verbarrikadiert hatte. Aber jetzt wird diese Bresche nicht mehr geschlossen, dieser Korken geht nicht mehr in die Flasche: Sigmar Gabriel, Peer Steinbrück oder Frank-Walter Steinmeier - oder doch Hannelore Kraft? Die Kandidaten bringen sich in Stellung, die Partei kann dem Thema nicht mehr ausweichen, das Rennen beginnt. Jetzt ist die Kandidatenkür ein öffentlicher Prozess.

Wir wollen mehr Transparenz in der Politik. Da haben wir sie.

Und wie soll entschieden werden? Drei Kinder streiten um eine Flöte. Das eine kann sie spielen. Das andere ist arm. Und das dritte hat sie hergestellt. Wer soll sie bekommen? Der Wirtschafts-Nobelpreisträger Amartya Sen erzählt das Gleichnis in seinem Buch über Gerechtigkeit. Er will sagen: Es gibt auf diese Frage keine klare Antwort. Gerechtigkeit ist eine Frage des Maßstabes. In der Politik ist das anders: Um Gerechtigkeit geht es in der K-Frage nicht. Sie verlangt nicht nach einer gerechten Lösung, sondern nach einer, die funktioniert. Der Kandidat der SPD muss auf dem Instrument der Kanzlerschaft spielen können. Und dafür gibt es eine notwendige Bedingung: den Willen.

"Nichts wächst Erfreulicheres auf Erden, als ein hoher starker Wille", heißt es in Nietzsches "Zarathustra". Hinlänglich ist das freilich nicht. Sonst wäre Angela Merkel die beste aller Kanzlerinnen. Aber ohne den bedingungslosen, entschlossenen Willen zur Macht braucht man für dieses Amt nicht anzutreten.

Die drei Fragezeichen wollen auf Nummer sicher gehen

In der vergangenen Woche schrieb der SPIEGEL, Steinmeier sei aus Sicht vieler Genossen der Richtige, es sei nur nicht klar, ob er auch wolle. Da muss man die SPD fragen: Wie geht das? Es kann einer nur der Richtige sein, wenn er will. Dass Gerhard Schröder einst mit den Worten "Ich will hier rein" an den Stäben des Bonner Kanzleramts gerüttelt habe, ist mehr als nur eine launige Anekdote.

Warum wurde die Kandidatenfrage überhaupt aufgeschoben? Was hat die Niedersachsen-Wahl mit dem SPD-Kanzlerkandidaten zu tun? Die Antwort ist ernüchternd: Die drei Fragezeichen wollten vor Beginn des Rennens ihre Chancen auf Sieg auf Heller und Pfennig ausrechnen. Sie wollten wissen, ob sich die Mühe lohnt. Das war ein Fehler: Nummer sicher und Nummer eins passen nicht zusammen. Die SPD hätte in der Europa-Krise einen starken Oppositionsführer gebraucht. Einen, der die zögernde und zaudernde Kanzlerin vor sich hertreibt. Einen, der den Leuten eine Alternative bietet. In seiner Person.

Die SPD ist davor zurückgeschreckt mit dem Argument, der frühe Kandidat verschleiße sich noch vor der Wahl. "Wer länger im Ring steht, wird schnell wund gerieben", hat Peer Steinbrück dazu gesagt. Tatsächlich, so ganz ohne Reibung wird man nicht Kanzler. Da denkt man an das Schröder-Wort: "Wer die Hitze nicht verträgt, hat in der Küche nichts verloren." Der Wille zur Macht ist vor allem der Wille zur Macht über sich selbst - auch das kann man noch mal bei Nietzsche nachlesen.

In der Verkehrserziehung mag der Leitsatz gelten "Vorsicht ist keine Feigheit". Aber Kanzlerkandidaten sind keine Schulanfänger, und K kommt nicht von Kuscheln. Wir wollen endlich wissen, wer in den Ring steigt!

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Seite 1
hannohonk 13.08.2012
1.
Zitat von sysopDrei Kandidaten sind zwei zuviel. Dass sich die SPD bis 2013 nicht festlegen will, mag taktisch richtig sein - politisch ist es falsch. Die Genossen müssen endlich reinen Tisch machen und klarstellen, wer im kommenden Jahr gegen Angela Merkel antreten soll. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,849701,00.html
Schade wie die SPD die herbeiargumentierte "Alternativlosigkeit" unterstützt. Eine echte Alternative ist für mich jedenfalls keiner der drei K-asper.
peterwillie 13.08.2012
2. Ach Augstein ...
Nicht einmal zitiersicher. Der Spruch ist nicht von Schröder, sondern von Harry S. Truman, 33. Präsident der Vereinigten Staaten. Und Merkel ist zwangsläufig die beste aller Kanzlerinnen, weil bislang die einzige. Es ist auch nicht nett zu schreiben: "Um Gerechtigkeit geht es in der K-Frage nicht." Steht die bei Augstein & Genossen die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit sonst immer am Anfang eines jeden Satzes. Unter diesem Aspekt müsste Steinbück Kanzlerkandidat werden. Der dürfte die geringsten Versorgungsansprüche haben.
BettyB. 13.08.2012
3. Seltsam, seltsam...
Wie kann,wenn es um Politik geht, etwas taktisch richtig, politisch aber falsch sein? Und zumal: Ohne das Geschreibsel der Journalisten, wäre die K-Frage so lange keine, bis es den einen schließlich gibt. Aber man muß ja wohl über etwas schreiben...
peterwillie 13.08.2012
4. Ach Augstein ...
Nicht einmal zitiersicher. Der Spruch ist nicht von Schröder, sondern von Harry S. Truman, 33. Präsident der Vereinigten Staaten. Und Merkel ist zwangsläufig die beste aller Kanzlerinnen, weil bislang die einzige. Es ist auch nicht nett zu schreiben: "Um Gerechtigkeit geht es in der K-Frage nicht." Steht die bei Augstein & Genossen die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit sonst immer am Anfang eines jeden Satzes. Unter diesem Aspekt müsste Steinbück Kanzlerkandidat werden. Der dürfte die geringsten Versorgungsansprüche haben.
wonder-wu 13.08.2012
5. Angst vor Heckenschützen
Die Reibung, von der Steinbrück spricht, wird aus den eigenen Reihen kommen. Falls Steinmeier sich jetzt auf eine klare Ansage einlässt, wird er von Gabriel und Steinbrück bis zum Wahltag so kleingekocht, daß Angie ihn gar nicht mehr wird wahrnehmen können. Et vice versa. Also um Himmelswillen mit der Kandidatur noch warten. Bei Gabriel wird im Zuge der Wulff Ermttlungen noch genug hannoverscher Schmuddel hochkochen und Steinbrueck kann in der Partei eh keiner leiden. Nur die SPD kann die SPD schlagen, ich bin sicher, sie wird es auch diesmal wieder schaffen
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