Jakob Augstein

SPD nach der Wahl Eine neue Hoffnung

Die SPD hat verloren. Zum Glück. Nur die totale Katastrophe hat die Kraft, die Genossen zum Neubeginn zu zwingen. Vielleicht ist heute der erste Tag eines neuen sozialdemokratischen Zeitalters.
Abtransport eines SPD-Wahlplakats in Mülheim (NRW), 25. September 2017

Abtransport eines SPD-Wahlplakats in Mülheim (NRW), 25. September 2017

Foto: Roland Weihrauch/ dpa

Martin Schulz hat den Wahlkampf eröffnet. In der Elefantenrunde hat er die Kanzlerin so hart angegriffen, wie man das vom Herausforderer erwartet. Ein bisschen spät. Nach der Wahl. Aber immerhin. Nach der Wahl ist vor der Wahl. Die Entscheidung der SPD, in die Opposition zu gehen, ist richtig. Und es ist auch richtig, dass Martin Schulz sie anführen will. Die Partei hat jetzt vier Jahre Zeit, sich zu sammeln. Das tut bitter Not. Es wird viel vom Ende des sozialdemokratischen Zeitalters geredet. Das ist Unsinn. Die SPD wird dringender gebraucht denn je.

Zwanzig Prozent. Das schlechteste Nachkriegsergebnis der SPD. Eine Katastrophe.

Aber Katastrophen befreien auch. Es gibt nichts mehr zu verlieren.

Katastrophen können die Wendung bringen. Es heißt, Trinker müssten erst ihre Alkohol-Katastrophe erleben, bevor Besserung einsetzen kann. Die SPD war wie ein Trinker, süchtig nach der Macht. Sie konnte davon nicht lassen. Obwohl der Preis, den die Partei dafür zahlte, immer höher wurde. Jetzt kam der Absturz. Die SPD liegt am Boden. Die Rückkehr wird ein langer Kampf werden.

Martin Schulz kann kämpfen. In seinem Leben hat er das zur Genüge bewiesen. In diesem Wahlkampf leider nicht. Ob er sich selbst die Fesseln angelegt hat oder die falschen Berater in der Parteizentrale - wichtig ist, dass die Partei aus ihren Fehlern lernt. Willy Brandt hat gesagt: "Man muss eine Vergangenheit haben, um aus dieser Vergangenheit für die Zukunft lernen zu können." Das Problem der SPD ist, dass sie viel zu oft aus der Vergangenheit nichts gelernt hat. Vielleicht ändert sich das jetzt.

Es war ein Fehler, 2013 in die Große Koalition einzutreten. Diesen Fehler will die SPD jetzt nicht wiederholen. Und es war ein Fehler, dass Schulz erst Anfang des Jahres als Kandidat auftrat. Das war zu kurzfristig. Jetzt wird man sehen, ob die Partei und Martin Schulz sich die Zeit nehmen, die dieser Kampf braucht. Ob sie die Geduld aufbringen, die Ausdauer. Ab jetzt muss Schulz der Schattenkanzler sein. Jede Bewegung Merkels muss er begleiten. Die Leute müssen ihn kennenlernen.

Sie müssen sehen, dass sie sich auf ihn verlassen können. Dass er nicht weggeht. Dass er bereit ist. Nur dann können sie es riskieren, ihm ihre Stimme zu geben.

Die Voraussetzung für diesen Kampf ist die Einsicht in die Notwendigkeit der SPD. Es ist ein moderner Mythos, dass Angela Merkel die erste sozialdemokratische Kanzlerin Deutschlands sei. Von wegen. Unter ihrer Regierung wurde Deutschland ein immer ungleicheres Land. Merkel steht für eine zutiefst unsoziale und ungerechte Steuerpolitik.

Sozialdemokratie sieht anders aus.

Und Sozialdemokratie wird gebraucht. Die Menschen geraten in die Scherkräfte der Globalisierung: Die Firmen drohen abzuwandern - und die Migranten kommen ins Land. Dazwischen sitzen die Leute, die sich nicht bewegen können und wollen, weil sie ihr Haus noch abbezahlen müssen, weil die Kinder zur Schule gehen und weil sie sich eigentlich ganz wohlfühlen in ihrer Heimat.

Heimat. Das ist für Sozialdemokraten und Linke ein schwieriges Wort.

Aber sie werden lernen müssen, damit umzugehen. Denn die Rechtspopulisten in ganz Europa und die AfD in Deutschland schöpfen ihre Kraft aus einer starken Vision. Es ist die Vision, die Grenzen des Nationalstaats wieder mit der Handlungsfähigkeit seiner Regierung und den Rechten seiner Bevölkerung in Deckungsgleichheit zu bringen. Es spielt dabei keine Rolle, dass diese Vision eine Lüge ist. Denn entweder beschreibt sie ein aussichtsloses Unterfangen - oder sie fordert einen unbezahlbar hohen Preis. Wichtig ist ihre Kraft, mit der sie einer Sehnsucht nach Sicherheit begegnet.

Diese Wahl hat gezeigt: Man sollte nicht unterschätzen, was es bedeutet, wenn sich die AfD an "das Volk" wendet. In einer Welt der Entgrenzungen ist das ein starkes Angebot an alle, die sich vor Vereinzelung und Entsolidarisierung fürchten. Die so genannten liberalen Parteien - in Deutschland sind das CDU, Grüne und FDP - haben darauf keine Antwort außer einem "Weiter so". Nichts anderes lässt ihre postdemokratische, neoliberal-individualistische Wirtschaftsideologie zu.

Die Aufgabe der Sozialdemokratie ist leicht zu beschreiben - und schwer zu lösen: Eine Antwort zu finden, die international und solidarisch zur gleichen Zeit ist. Bisher ist das nicht gelungen. Martin Schulz hat jetzt vier Jahre dafür Zeit. Heute ist der erste Tag.