SPD-Sieg in Hamburg Der Scholz-Plan

Der Sieg an der Elbe spült einen eigentlich abgeschlagenen Hamburger wieder ganz nach oben: Vizekanzler Olaf Scholz. Der SPD steht jetzt eine neue Führungsdebatte bevor.
Von Lydia Rosenfelder und Christian Teevs, Hamburg und Berlin
Olaf Scholz, Peter Tschentscher: "Ich fühle mich ermutigt. Und ich hoffe, viele andere auch."

Olaf Scholz, Peter Tschentscher: "Ich fühle mich ermutigt. Und ich hoffe, viele andere auch."

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Sean Gallup/ Getty Images

Fast vierzig Prozent. Für die SPD. Das Hamburger Wahlergebnis erscheint vielen Genossen in Deutschland fast unwirklich. Und einer, der diesen Erfolg besonders genießt, weil er sich als maßgeblichen Teil dessen betrachtet, ist: Olaf Scholz.

Der Vizekanzler ist seit den ersten Prognosen am Wahlsonntag auf Dauersendung. Ob im Fernsehen oder bei der Wahlparty, auf der er sich feiern lässt. Dafür war er sogar extra früher vom G20-Finanzministertreffen in Saudi-Arabien zurückgereist.

Wer den Vizekanzler häufiger erlebt, weiß, dass er nicht zu großen Gefühlsausbrüchen neigt. Doch an diesem Abend wirkt Scholz so gut gelaunt wie vielleicht nicht einmal bei seinen eigenen Siegen in Hamburg 2011 und 2015.

Verständlich wäre das.

Denn diesmal geht es für ihn um mehr. Nicht nur um die Hansestadt oder um einen Bürgermeisterposten. Scholz will Kanzlerkandidat der SPD werden. Nach der Niederlage beim Mitgliedervotum schien dieser Plan schon jäh gestoppt zu sein. Überraschend verloren er und Klara Geywitz das Rennen um den Parteivorsitz gegen Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans.

Doch lange hat der Karriereknick Scholz nicht beschäftigt.

Bereits kurz nach der Weihnachtspause wirkte er wie der Alte. Seine Ambitionen auf die Kanzlerkandidatur sind ungebremst. Unter seinen Anhängern ist er nach dem holprigen Start der Parteichefs beliebt wie eh und je. Und der Erfolg seiner Hamburger Genossen - ein Ergebnis, das mehr als 20 Prozentpunkte über den bundesweiten Werten liegt – dürfte Scholz' Chancen nun deutlich steigern.

Und so tritt Scholz am Sonntagabend auch auf. Er ist neben Peter Tschentscher der Gewinner des Abends und lässt das alle spüren. Zu Recht, wie die Hamburger Genossen auf der Wahlparty finden. Die Bundestagsabgeordnete Aydan Özoguz sagt: "Olaf Scholz hat die Hälfte der Legislaturperiode gemacht. Das war auch sein Erfolg." Er habe die Partei in einer schwierigen Lage zusammengeführt.

"Wenn Sie sehen, wie groß der Jubel war, als Olaf Scholz den Raum betreten hat, das sagt ja auch was aus", sagt der SPD-Bundestagsabgeordnete Niels Annen. Andere Sozialdemokraten äußern sich eindeutiger: Der Bürgerschaftsabgeordnete Olaf Steinbiß sagt, Olaf Scholz habe die SPD in Hamburg zum Erfolg geführt. "Er kann das auch auf Bundesebene, wenn man ihn denn ließe." Er könne sich Scholz als Kanzlerkandidaten gut vorstellen. "Ich hoffe, das Ergebnis ist ein Ruf für die Republik: Eine gut geführte SPD kann das schaffen."

Kazim Abaci, ebenfalls Bürgerschaftsmitglied, lobt das "pragmatische Wahlprogramm" der Hamburger SPD, die für die Mitte der Gesellschaft stehe - anders als der Linkskurs der beiden SPD-Bundesvorsitzenden. "Was wir 2011 auf den Weg gebracht haben, das ist auch ein Erfolg von Olaf Scholz", so Abaci. Scholz wäre ein guter Kanzlerkandidat, findet er. "Wir würden ihn mit allen Kräften unterstützen."

So schieben ihn seine Hamburger Parteifreunde ganz gezielt nach vorn.

Scholz sieht "Mutsignal"

Und wie sieht Scholz das selbst? Welchen Anteil hat er am Hamburger Erfolg? Im Gespräch lobt er erst mal Tschentscher und die Hamburger SPD, dann aber - natürlich - auch sich selbst. Es sei gelungen, die früheren Wahlerfolge fortzusetzen – und seinen pragmatischen und sozialen Politikstil. "Das ist ja eigentlich die große Kunst: Nicht nur aus der Opposition heraus Regierungspartei zu werden, sondern das auch festzuhalten, und zwar auch über Personenwechsel hinweg." Die Hamburger SPD sei eine richtige Volkspartei, lobt Scholz.

Das mag auch heißen: also das, was die SPD im Bund gerade nicht ist. Was folgt daraus? Die Wahl sei "ein Mutsignal für uns alle", sagt Scholz. "Wir können gewinnen. Wenn wir das in einer richtigen Aufstellung machen, können wir Wahlen so für uns entscheiden, dass wir auch bei der nächsten Bundestagswahl vorne liegen."

In einer richtigen Aufstellung. So spricht einer, der noch was vorhat.

Die Hamburger SPD hat der Gesamtpartei gezeigt, dass man noch Wahlen gewinnen kann. Wenn, so das implizite Versprechen von Scholz, sie ihm und seinem Kurs folgt.

Also wird er Kanzlerkandidat? Scholz sagt, das Wahlergebnis sei erst mal eine gute Botschaft. "Ich fühle mich ermutigt. Und ich hoffe, viele andere auch."

Die SPD hat zwar viele Wählerstimmen an die Grünen verloren, sie hat aber fast so viele aus dem Lager der Nichtwähler mobilisiert - und auch CDU, FDP und AfD Stimmen abgejagt. Und das mit einem Mittekurs, den das Scholz-Lager auch bundesweit anstreben möchte.

Vor allem zwei Punkte stehen diesem Plan allerdings entgegen.

Zum einen ist Hamburg nicht die Bundesrepublik. Ein Erfolg in der SPD-Hochburg heiße noch lange nicht, dass der Scholz-Kurs bundesweit funktioniere, sagt ein Parteifreund, der die Pläne des Vizekanzlers kritisch sieht.

DER SPIEGEL

Noch entscheidender aber: Das Vorschlagsrecht für die Kanzlerkandidatur haben Esken und Walter-Borjans. Eine Alternative zu Scholz ist zwar nicht in Sicht, doch die Parteivorsitzenden tun sich schwer mit ihrem einstigen Rivalen.

Esken und Walter-Borjans bemühen sich am Sonntagabend, auch ein wenig des Hamburger Erfolgs für sich zu reklamieren - obwohl sie im Wahlkampf nicht erwünscht waren. Der "klare Kompass" der Bundespartei habe geholfen, sagte Walter-Borjans. "Noch im November stand die SPD schlechter da."

Auch Esken betonte, die Partei habe lange keinen Grund mehr gehabt, zu feiern. Sie gilt intern als größte Gegnerin einer Kanzlerkandidatur von Scholz. Esken zu überzeugen, dürfte für Scholz deutlich schwieriger werden als seine Hamburger Basis.