SPD-Parteitag Duell der Altkanzler

Nie hatte ihn die SPD so lieb. Helmut Schmidt darf zum Auftakt des Parteitags über Europa referieren - und wird dafür bejubelt. Ein anderer Altkanzler meldet sich ebenfalls zu Wort: Per Interview mahnt Gerhard Schröder die Genossen zur steuerpolitischen Vernunft. Gegen den Schmidt-Kult hat er keine Chance.

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Berlin - Es dauert nicht einmal drei Minuten, bis Helmut Schmidt, 92, zur Zigarette greift. Gerade erst hat er seine große Rede beendet, da fingert der Altkanzler sich auch schon einen Glimmstengel aus der Packung. Leinwände werfen die Szene für alle sichtbar in der Parteitagshalle, die Genossen sind aus dem Häuschen, Schmidt ist Kult.

Ein anderer Altkanzler ist auch präsent. Gerhard Schröders Konterfei liegt auf den Tischen der Delegierten aus, er hat einer großen Sonntagszeitung ein Interview gegeben und die SPD recht unmissverständlich vor Steuererhöhungen gewarnt. Früher hätte das die Partei zittern lassen, heute ist das anders. "Egal" nennt Generalsekretärin Andrea Nahles die Einlassungen des Niedersachsen trocken.

Es ist der Auftakt des SPD-Parteitags. Bis Dienstag werden die Genossen über Steuern streiten und Renten diskutieren, ihren Frontmännern lauschen und den Vorstand wählen. Doch gleich zu Anfang ist an diesem Sonntag ein heimliches Duell zu besichtigen, ein Duell zweier Altkanzler. Der eine, Schmidt, ist wirklich da, der andere, Schröder, nur virtuell. Es sagt viel über das Verhältnis der beiden zu ihrer Partei aus. Schmidt hat der SPD etwas zu sagen, Schröder nicht. Im Moment jedenfalls.

Dass er jemals wieder ein gefeierter Gast auf einem SPD-Parteitag sein würde, hätte sich Helmut Schmidt lange Zeit sicher nicht vorstellen können. Schmidt war auch als Kanzler nie ein Liebling der Sozialdemokraten, auf Parteitagen hat er mitunter grässliche Schlappen erlebt. Beispielsweise 1983, seine Kanzlerschaft war ein Jahr vorher zu Ende gegangen: Damals stimmten gerade einmal 14 von rund 400 Delegierten für den Nato-Doppelbeschluss, Schmidts außenpolitische Herzensangelegenheit.

"Wir sind stolz darauf, dass Du einer von uns bist"

Aber seit einigen Jahren hat der Altkanzler einen solchen Kultstatus in Deutschland erreicht, dass die SPD-Führung verrückt wäre, würde sie davon nicht zu profitieren versuchen. Es fällt ihr umso leichter, da Schmidt sich wenig in das Kleinklein der Tagespolitik einmischt, ihn interessieren die großen Linien der Politik. Europa - das ist genau so ein Thema. Und da ist Schmidts Blick auf die aktuelle Bundesregierung mindestens so kritisch wie der von Gabriel und Co. "Einen Weltbürger und kämpferischen Europäer" nennt ihn der Parteichef zur Begrüßung, "wir sind stolz darauf, dass du einer von uns bist".

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SPD-Parteitag: "Kein normales Land"
Noch stolzer ist Gabriel wohl darauf, dass es ihm gelungen ist, Schmidt am Sonntagmorgen auf die Bühne zu bekommen. Mehr Aufmerksamkeit geht zum Auftakt des Parteitags kaum für die SPD.

So viele Menschen wollen ihn in der großen Halle des ehemaligen Postgüterbahnhofs am Berliner Gleisdreieck erleben, dass es ein großes Gedränge an den Eingängen gibt, also kann Schmidt erst mit einiger Verspätung loslegen. Er wird an ein Glaspult gefahren, angesichts der rosaroten Riesenbühne um ihn herum wirkt Schmidt in seinem Rollstuhl noch ein bisschen kleiner, beinahe verloren.

Einstündige Rede

Wahrscheinlich würde ihn dieser Gedanke amüsieren. "Ich bin jenseits von Gut und Böse angekommen", sagt er zu Beginn seiner einstündigen Rede, was ihm zwar einige Lacher bringt. Aber eigentlich will Schmidt damit etwas anderes ausdrücken: Es ist ihm sehr ernst damit, was er den Zuhörern mitzuteilen hat. Seine Sorge um Europa und dessen Rolle in der Welt ist groß, deshalb ist er hier.

"Als ich geboren wurde, gab es zwei Milliarden Menschen auf der Welt", sagt Schmidt. "Heute sind es sieben Milliarden." Weil Europa ein schrumpfender Kontinent sei, gibt es für den Sozialdemokraten gar keine andere Option, als die EU schlagkräftiger zu machen: "Wenn wir eine Bedeutung haben wollen, können wir das nur gemeinsam." Aber diese stärkere EU müsse eine sein, in der sich alle Mitgliedstaaten wiederfänden.

Das ist die zweite zentrale Botschaft Schmidts: Die Bundesregierung müsse der Versuchung widerstehen, den Kontinent zu dominieren - vor allem mit Blick auf die eigene Geschichte. "Deutschland löst Unbehagen und politische Besorgnis aus", sagt Schmidt mit Blick auf das aktuelle Gefühl in vielen europäischen Staaten. Er warnt vor "schädlicher deutschnationaler Kraftmeierei". Da wird der Applaus nochmal richtig laut in der Parteitagshalle, denn gemeint ist natürlich Merkel und ihre schwarz-gelbe Koalition. Die Sozialdemokraten dagegen, betont Schmidt, seien "seit mehr als 150 Jahren internationalistisch gesonnen".

Das sind dann die Momente, in denen Schmidt der Jubel zu seinen Füßen beinahe zu viel wird. Dann hebt er eine Hand, um zu bedeuten: genug.

Schröders Wortmeldungen sorgen nicht mehr für Aufregung

Von so viel Jubel kann der andere Altkanzler nur träumen. Gerhard Schröder hat - nicht zuletzt aufgrund der von ihm durchgefochtenen Arbeitsmarktreformen und seiner engen Bande mit Wladimir Putin - ein äußerst schwieriges Verhältnis zur SPD. Nach seiner Abwahl als Kanzler 2005 hat er sich aus der innerparteilichen Debatte weitgehend zurückgezogen. Erst seit ein paar Wochen schaltet er sich wieder verstärkt ein. Es gibt Sozialdemokraten, die das als Versuch lesen, sich auf dem Feld des Altkanzlertums seinen Platz zu erobern. Nach dem Motto: Ich bin auch noch da.

Aber irgendwie will die Partei nicht so, wie er will. Weder hat sein Vorschlag, die K-Frage zügig zu entscheiden, in der SPD für viel Aufregung gesorgt, noch seine regelmäßigen Appelle, endlich stolz auf die Agenda 2010 zu sein. Wann immer eine Wortmeldung von Schröder zu hören ist, reagieren die Genossen recht gleichgültig. Auf dem diesjährigen Parteitag vollziehen sie in der Steuerpolitik gar eine recht dramatische Abkehr von Schröders Linie. Die Entfremdung wächst eher noch, als dass sie sich auflöst.

Schröder sieht das gelassen, jedenfalls nach außen. "Helmut Schmidt spielt eine Sonderrolle", sagt er in dem Interview, das die "Welt am Sonntag" mit ihm zum Parteitag geführt hat. "Wenn Sie über 90 sind, dann dürfen Sie alles - und er kann ja auch ne Menge." Ein wenig schmerzen wird es ihn wohl trotzdem. Jemand der Kanzler und SPD-Chef war, dürfte es kaum kalt lassen, wie seine Partei denkt.

Das Gute ist, dass die SPD vergisst. Siehe Helmut Schmidt. Und so kann Schröder darauf hoffen, vielleicht 2036 mal einen ähnlichen Empfang zu bekommen, wie Schmidt an diesem Sonntag. Schröder wäre dann ebenfalls 92.

Und auch er raucht gerne. Dicke Zigarren.

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Seite 1
HansCh 04.12.2011
1. ... Visionen populärer als solide Arbeit ...
Kein Wunder, dass H.Schröder immer noch nicht so beliebt in seiner Partei ist. Wer will schon hören, und wer wollte es damals hören, dass es der Anstrengungen bedarf, dass Solidität und wirtschaftliche Nachhaltigkeit nötig ist, dass man sich nicht alles erlauben kann was man gerne möchte, nicht als Einzelperson und nicht als Gesellschaft. Diesen Mut hatte H.Schröder. Es ist nicht so, dass H.Schmdt seiner Partei nicht auch hin und wieder unbequemes gesagt hätte (Verteidigungspolitik) - aber das ist lange her und fast vergessen und es hat das Volk ja nicht so viele (notwendige) finanzielle Einschränkungen gekostet. Schade dass die SPD sich von Schröders Aganda distanziert.
Eutighofer 04.12.2011
2. "Lieber fünf Prozent Inflation als fünf Prozent Arbeitslosigkeit."
"Lieber fünf Prozent Inflation als fünf Prozent Arbeitslosigkeit." empfahl Kanzler Schmidt 1972 den Deutschen. Am Ende hatten die Deutschen beides - 5% Inflation und 5% Arbeitslosigkeit.
kodu 04.12.2011
3. Hm ...!
Zitat von sysopNie hatte ihn die SPD so lieb: Helmut Schmidt darf zum Auftakt des Parteitags über Europa referieren - und wird dafür bejubelt. Ein anderer Altkanzler meldet sich ebenfalls zu Wort: Per Interview mahnt Gerhard Schröder die Genossen zur steuerpolitischen Vernunft. Gegen den Schmidt-Kult hat er keine Chance. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,801604,00.html
Helmut Schmidts Ansichten mögen sehr "nationalökonomisch" geprägt sein. Sie entsprechen heute auch nicht mehr meiner eigenen Meinung! Aber in der allgemeinen Erscheinung selbst bleibt festzuhalten: In der öffentlichen Wahrnehmung verhalten sich Schmidt und Schröder doch zueinander, wie Hund zu Wurst! Hatte man bei Schmidt immer den Eindruck, daß er auch unangenehme Entscheidungen, seinem Amtseid entsprechend trifft, wäre ich auf das Ergebnis einer entsprechenden Umfrage zur Schröder-Clique sehr gespannt!
rettungsschirm 04.12.2011
4. Richtig !
Zitat von HansChKein Wunder, dass H.Schröder immer noch nicht so beliebt in seiner Partei ist. Wer will schon hören, und wer wollte es damals hören, dass es der Anstrengungen bedarf, dass Solidität und wirtschaftliche Nachhaltigkeit nötig ist, dass man sich nicht alles erlauben kann was man gerne möchte, nicht als Einzelperson und nicht als Gesellschaft. Diesen Mut hatte H.Schröder. Es ist nicht so, dass H.Schmdt seiner Partei nicht auch hin und wieder unbequemes gesagt hätte (Verteidigungspolitik) - aber das ist lange her und fast vergessen und es hat das Volk ja nicht so viele (notwendige) finanzielle Einschränkungen gekostet. Schade dass die SPD sich von Schröders Aganda distanziert.
...und hätte Herr Schröder diese Linie auch in Anbetracht der Deregulierungsmode seiner Amtszeit verfolgt, würde das in Artikel angsprochene "Vergessen" auch viel schneller gehen...
whitemouse 04.12.2011
5. Neoliberal
Zitat von HansChKein Wunder, dass H.Schröder immer noch nicht so beliebt in seiner Partei ist. Wer will schon hören, und wer wollte es damals hören, dass es der Anstrengungen bedarf, dass Solidität und wirtschaftliche Nachhaltigkeit nötig ist, dass man sich nicht alles erlauben kann was man gerne möchte, nicht als Einzelperson und nicht als Gesellschaft. Diesen Mut hatte H.Schröder. Es ist nicht so, dass H.Schmdt seiner Partei nicht auch hin und wieder unbequemes gesagt hätte (Verteidigungspolitik) - aber das ist lange her und fast vergessen und es hat das Volk ja nicht so viele (notwendige) finanzielle Einschränkungen gekostet. Schade dass die SPD sich von Schröders Aganda distanziert.
Täte sie es, könnte sie vielleicht wieder einmal wählbar werden. So ist sie nichts als die (verglichen mit der FDP) größere neoliberale Partei. Für mich als Linken (der die Linke wegen der Durchsetzung mit IM nicht zu wählen bereit ist) ist selbst Merkel weit akzeptabler als Leute wie Schröders Steinmeier.
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