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05. Dezember 2011, 18:24 Uhr

SPD-Parteitag

Genossen im roten Rausch

Von und

Die SPD startet das Projekt 2013: Zwei Jahre nach dem Wahl-Kollaps inszeniert die Partei ihr Comeback. Sigmar Gabriel gibt die Richtung vor, er trimmt seine Truppen auf Lagerwahlkampf, die Genossen sind euphorisiert. Wie reagiert sein Rivale Steinbrück im Kandidatenrennen?

Berlin - 100 Prozent für Hannelore Kraft? Donnerwetter! Als am Montagnachmittag bei der Wahl der Vize-Vorsitzenden das Traumergebnis für die Genossin bekanntgegeben wird, bricht großer Jubel in der Berliner SPD-Parteitagsarena aus. Es scheint an diesem Tag alles möglich bei den Sozialdemokraten. Doch dann kommt die nächste Überraschung: Kraft bekam eigentlich 97,2 Prozent der Stimmen - ein Ablesefehler. Auch da lacht die SPD.

Die Kraft-Anekdote spiegelt die Stimmung auf dem Berliner Parteitag: Geschlossen und selbstbewusst wollen die Sozialdemokraten wahrgenommen werden. Abgestraft wird niemand, selbst die umstrittene Generalsekretärin Andrea Nahles bekommt mit 73 Prozent ein einigermaßen anständiges Ergebnis. Ein Sozialdemokrat scherzt, der Parteitag lasse sogar gar die Börsenzahlen steigen.

So viel Harmonie war lange nicht. Zwei Jahre nach dem Absturz bei der Bundestagswahl inszeniert die SPD ihr Comeback. Die Sozialdemokraten berauschen sich in diesen Tagen am Berliner Gleisdreieck an sich selbst, als stünde die Übernahme des Kanzleramts unmittelbar bevor. Dass am Abend noch über die Rente gestritten wird und am Dienstag die Frage ansteht, wie stark die Steuern erhöht werden sollen? Egal. Alles ist erst mal rosarot bei den Genossen, oder besser gesagt: Purpur - so wie die Farbe des Bühnen-Hintergrunds in der Halle des ehemaligen Dresdner Bahnhofs. Die soll, so raunen es die SPD-Strategen, Wärme und Entschlossenheit ausstrahlen.

Gabriel bekommt 91,5 Prozent

An diesem Montag ist vor allem einer für die beinahe euphorische Stimmung verantwortlich: Sigmar Gabriel. Der Parteichef hält am Morgen eine wuchtige Rede. Es ist vielleicht nicht seine beste, jedenfalls gemessen an jener, die er vor zwei Jahren in Dresden gehalten hat. Aber sie ist sehr klug, was auch daran zu erkennen ist, dass sich später alle Parteiflügel von Gabriel angesprochen fühlen: Die Linken sagen, die Rede war links, die Rechten finden, sie war pragmatisch. Und so ist jeder glücklich. Auch der Parteichef selbst. Er bekommt anschließend bei seiner Wiederwahl satte 91,5 Prozent.

Tatsächlich zeichnet Gabriel ein recht linkes Bild von der SPD. Mehrmals setzt er sich bewusst von Gerhard Schröder ab, rügt ihn gar indirekt für dessen Interview am Sonntag, in dem der Ex-Kanzler den Genossen ein paar Ratschläge gab. Auch die Reformpolitik bleibt nicht unerwähnt. "Nie wieder", ruft Gabriel den Delegierten zu, "darf eine sozialdemokratische Partei den Wert von Arbeit in Frage stellen". Nie wieder dürfe die SPD sich von den Gewerkschaften lossagen. Rauschender Beifall, der Ton ist gesetzt.

Gabriel hält eine passende Erzählung bereit, um den Genossen Selbstbewusstsein einzuhauchen: Entgegen aller Vorhersagen, jubelt der Parteichef, habe sich die SPD in den vergangenen zwei Jahren konsolidiert und mit Rot-Grün wieder eine klare Machtperspektive. "Was ist nicht alles über uns geschrieben worden", ruft er. "Aber jetzt sind wir wieder im Spiel." Das ist seine Klammer. Dazwischen streift Gabriel ziemlich alles, was gerade so los ist in der Politik: den Arabischen Frühling, die Schuldenkrise, den Rechtsterrorismus, die Lage des Liberalismus, die klammen Kommunen, die Waffenexporte nach Saudi-Arabien. Es ist ein gewaltiges Panorama.

Auch der Komiker Ingo Appelt ist später begeistert. Appelt, der Mann mit dem Dreiecks-Pony und den bösen Zoten, ist einer von vielen hundert Gästen auf dem Parteitag. "Eine tolle Rede", sagt er. "Aber ich hätte mir vielleicht noch ein paar dreckige Merkel-Witze gewünscht."

Unerwähnt bleiben Kanzlerin und Bundesregierung nicht. Der Begriff Krisenkanzler erhalte bei Merkel eine ganz neue Bedeutung, stichelt Gabriel: "Angela Merkel hat in den letzten 24 Monaten die Krisen jedes Mal verschlimmert." Das schwarz-gelbe Versagen, so die These Gabriels, ruiniere das Vertrauen in die gesamte Politik. Die SPD werde das nach 2013 ändern. "Wir sind die Experten dafür, den Kapitalismus zu bändigen", ruft er von der Bühne. "Deutschland ist Mitte links." Die Genossen feiern.

Es ist eine kleine Machtdemonstration, die Gabriel da aufführt. Peer Steinbrück wird nach dieser Rede jedenfalls klar sein, dass Gabriel sich die SPD ziemlich anders vorstellt, als er. Der Parteichef trimmt die Genossen auf Lagerwahlkampf, er sieht die SPD als klare Alternative zur Union, nicht etwa als möglichen Partner. Die Kanzlerin, sagt Gabriel habe ja mal von einer "marktkonformen Demokratie" gesprochen. "Das ist genau der Unterschied: Wir wollen keine marktkonforme Demokratie. Wir wollen einen demokratiekonformen Markt."

Die gegen uns, wir gegen die - es ist ein einfaches Muster. Aber es wirkt. Der Jubel ist an dieser Stelle ohrenbetäubend.

Und auch in der K-Frage gibt Gabriel ein Signal, dass man ihn zumindest noch nicht abschreiben sollte. Er werde zu gegebener Zeit einen Vorschlag machen, sagt er, um sogleich einzuschränken: "Dann entscheidet die Partei - und sonst niemand." Es ist auch eine kleine Warnung an seine Rivalen Steinbrück und Steinmeier.

Steinbrück ist am Dienstag unter Druck

Steinbrück sitzt während Gabriels Auftritt nur wenige Plätze neben Arbeitgeber-Chef Dieter Hundt im Parkett. Wer die Herren beobachtet, ist sich an manchen Stellen der Rede nicht mehr ganz so sicher, welchem von beiden sie mehr Unbehagen bereitet. Steinbrück sitzt die meiste Zeit mit verschränkten Armen da, weit zurückgelehnt auf seinem Stuhl, ab und an klatscht er höflich.

Dem Ex-Finanzminister dürfte spätestens in diesen anderthalb Stunden klargeworden sein, dass sein Weg zur Kanzlerkandidatur nur über Sigmar Gabriel führen kann. Gabriel ist der Mann der Partei, der Mann der sozialdemokratischen Herzen. Als Gabriel Steinbrück am Ende der Rede auf die Bühne holen will, winkt der ab - ebenso wie Steinmeier. Sie haben das Signal des Vorsitzenden verstanden. Ich bin auch noch da.

Selten hat man Gabriel in den vergangenen Monaten so zahm, so mild erlebt, wie nach seiner Rede. Er weiß, es war ein guter Auftritt. Am Nachmittag schlendert er in die Presselounge, Dutzende von Journalisten an seinen Fersen. Am Rande des Buffets entdeckt Gabriel seinen Parteifreund Steinbrück, sie wechseln einige Sätze, dann zieht der Vorsitzende weiter in eine Art Separee.

Die Journalisten folgen ihm. Allesamt. Keiner bleibt bei Steinbrück stehen.

Das ist ungewohnt für ihn. Zuletzt war er der Umlagerte. Am Dienstag folgt sein Auftritt. Dann muss Steinbrück liefern.

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