SPD vor Parteitag Das große Zählen und Zittern

Martin Schulz auf GroKo-Tour: Nach NRW wirbt der SPD-Chef auch in Bayern für die Große Koalition. Viele Genossen dort sind skeptisch, ähnlich ist es in Hessen. Und am Ende? Es dürfte knapp werden.
Martin Schulz mit der bayerischen SPD-Landeschefin Natascha Kohnen

Martin Schulz mit der bayerischen SPD-Landeschefin Natascha Kohnen

Foto: CHRISTOF STACHE/ AFP

Da sind sie plötzlich, die Jasager - zumindest einige: Zwölf SPD-Bürgermeister großer Städte machen das, was sich SPD-Chef Martin Schulz so dringend gewünscht hat: öffentlich für Koalitionsverhandlungen mit der Union zu werben. Zu laut waren die kritischen Töne zuletzt, zu stark ihr Echo in den Medien.

"Ich ermutige alle, die zufrieden sind, das laut zu sagen." Der Aufruf des Parteivorsitzenden am Montag klang ein wenig verzweifelt. Düsseldorf, Bielefeld, Gelsenkirchen, Hannover, Mainz, Saarbrücken, Karlsruhe, Nürnberg, Mannheim, Kiel, Leipzig, München. Die Unterstützung der Rathauschefs wird Schulz guttun. Gerade aus München.

Denn einige Kilometer von der bayerischen Landeshauptstadt entfernt setzt Schulz seine Werbetour für die GroKo-Gespräche am Mittwoch fort. Bayern ist eines der Bundesländer, in denen für Schulz das große Zittern angesagt ist. Eine klare Tendenz der Delegierten lässt sich dort nicht ablesen - ebenso wenig wie in Hessen und Nordrhein-Westfalen.

Doch genau diese Bundesländer stellen einen Großteil der 600 Delegierten, die am Wochenende über Verhandlungen abstimmen sollen. Senken sie den Daumen, könnte auch für Schulz bald Schluss sein.

Es ist eine intensive Woche für den 62-Jährigen: Nach Terminen in Dortmund und Düsseldorf ist Bayern die letzte Station auf seiner GroKo-Tour. Im schwäbischen Örtchen Irsee wird er bei einer Klausur der SPD-Landtagsfraktion für die Große Koalition werben. Es ist eine weite Reise für den Parteichef. Ob sie den gewünschten Erfolg bringt, ist unklar. Zu diffus sind die Signale aus dem Süden Deutschlands.

Lange sah Landeschefin Natascha Kohnen ein erneutes Bündnis aus SPD und Union äußerst skeptisch. Mittlerweile wirbt sie für die Gespräche mit der CDU und CSU - genau wie die Landtagsfraktion.

Doch viele ihrer Genossen haben Zweifel. Und so zeigt sich auch Kohnen eher vorsichtig: "Ich merke, dass immer mehr Mitglieder, je tiefer sie in das Papier gehen, mehr und mehr für sich herausfinden, dass es vielleicht doch Sinn machen könnte." Es gebe aber auch "etliche Stimmen", die eine neue GroKo komplett ablehnen.

Und das heißt? Eindeutige Aussagen sind rar dieser Tage. Klar ist nur: Überall in der SPD wird derzeit angestrengt gerechnet. Wie viele Delegierte werden sicher für die Koalitionsverhandlungen stimmen? Wie viele sind auf ein Nein festgelegt? Und wie viele lassen sich vielleicht noch überzeugen?

Video: "Mund-zu-Mund-Beatmung der Parteispitze"

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Bayern, NRW und Hessen im Fokus

Die SPD-Spitze schaut besonders auf die starken Landesverbände: Bayern liegt hier mit 78 Delegierten auf dem dritten Platz. Niedersachsen schickt noch drei Stimmberechtigte mehr nach Bonn, hier sieht es gut aus für Schulz. Das Land wird seit November selbst von einer GroKo regiert, Landeschef Stephan Weil weiß einen Großteil der niedersächsischen Genossen hinter sich.

Bei den bayerischen Delegierten ist die Zustimmung unsicherer. Und in Hessen und Nordrhein-Westfalen ist es ähnlich.

Bei seinen Auftritten in Düsseldorf und Dortmund legte sich Schulz mächtig ins Zeug. Doch in seinen vermeintlichen Optimismus mischte sich auch immer wieder Skepsis. Beispiel Düsseldorf: Er habe ähnlich wie in Dortmund am Vortag viel Nachdenklichkeit am Ende der Diskussion gespürt, sagte der Parteichef. Es sei "schwer abzusehen", wie es am Ende bei der Abstimmung auf dem Bundesparteitag aussehen werde. Kritiker und Befürworter einer Großen Koalition waren laut Teilnehmern bei beiden Sitzungen in gleicher Zahl erschienen.

Wohl auch deshalb entschied der Landesvorstand in NRW, auf eine Abstimmungsempfehlung für die Delegierten zu verzichten. Derzeit sieht es so aus, als könnte nahezu die Hälfte der 144 Delegierten gegen die GroKo votieren.

Gespaltene Stimmung in Hessen

Auch in Hessen ist das große Zittern angesagt: Der Landesverband stellt 71 Delegierte. Während der Bezirk Hessen-Nord sich eher für Verhandlungen ausspricht, ist der Süden kritischer - und die südhessische SPD stellt mehr Delegierte.

Thorsten Schäfer-Gümbel

Thorsten Schäfer-Gümbel

Foto: picture alliance/ Frank Rumpenh

Mittendrin steckt der Landesvorsitzende und Bundes-Vize Thorsten Schäfer-Gümbel. Vom Sondierungsteam enthielt er sich als Einziger bei der Frage über Verhandlungen mit der Union - keine Zustimmung, keine Ablehnung. Damit steht er stellvertretend für die Stimmung in Hessen.

Schäfer-Gümbel befindet sich in einer schwierigen Lage: Im Herbst wird in Hessen ein neuer Landtag gewählt. Nach 19 Jahren Opposition will er die SPD endlich wieder in die Regierung führen. Doch scheitert das Projekt im Bund, wird auch er als Sondierer und Bundes-Vize Schaden nehmen.

Die aktuellste Umfrage sieht in Hessen derzeit übrigens nur eine Machtoption für die SPD - als Juniorpartner in einer Großen Koalition.