SPD-Parteitag in Halle Franz für die Seele, Frank für die Krise

Attacken gegen die Kanzlerin, die Union ein "Hühnerhaufen": Auf ihrem Parteitag in Halle schwor die SPD-Spitze die Genossen auf den Wahlkampf ein. Parteichef Müntefering lästerte über Banker, Spitzenkandidat Steinmeier gab den Krisenmanager. Nur ein Thema sparten die Sozialdemokraten aus.
Von Maike Jansen

Nur ein bisschen dunkler wird es im Saal, als Frank-Walter Steinmeier eintrifft. Es wirkt, als hätte sich zufällig eine Wolke vor die Sonne geschoben, die sonst hell durch die Türen des Gerry-Weber-Stadions scheint. Keine Lichtshow, keine Musik. Nur ein Spalier aus Kameras und Delegierten geleitet den SPD-Politiker, der hier konsequent als "zukünftiger Kanzler der Bundesrepublik Deutschland" bezeichnet wird, auf seinem Weg zur Bühne.

Es ist ein bescheidener Auftritt von Frank-Walter Steinmeier, hier auf dem Landesparteitag der nordrhein-westfälischen SPD. Ganz anders als eine Woche zuvor im Berliner Tempodrom, wo sich der Kanzlerkandidat noch als deutscher Obama feiern ließ, herrscht hier, im Stammland der Sozialdemokraten, Arbeitsatmosphäre. Die Karten haben die Genossen effektvoll auf den Tisch gelegt, jetzt gilt es zu überzeugen, dass es die Richtigen sind.

So schlägt der Kandidat in seiner Rede auch direkt ernste Töne an: "Wir dürfen den Menschen nichts vormachen: Vor uns liegen harte Monate, vielleicht Jahre", so Steinmeier. Aber: "Wir können wählen, welchen Weg wir einschlagen, um durch diese Krise zu kommen."

Und wie der Weg der SPD aussieht, steht im vorgelegten Programm: Sie wollen eine Börsenumsatzsteuer, die Senkung des Eingangssteuersatzes, eine schärfere Begrenzung der Managergehälter, einen TÜV für Finanzmarktprodukte. "Wir haben die Latte hoch gelegt", verkündet Steinmeier. Die Union wisse dagegen noch nicht mal, "ob sie überhaupt ein Programm beisteuern will."

Ein Hauch von Philosophieseminar

Klare Kante zeigen gegen eine unentschiedene Union - das ist das Credo, das die Sozialdemokraten an diesem Nachmittag immer wieder betonen. Der Vorwurf: Wir haben gesagt, was wir wollen - die anderen ducken sich weg.

"Ein Hühnerhaufen ist eine geordnete Formation, gegen das, was wir da erleben", lästert Steinmeier, und auch Parteichef Franz Müntefering, der auf dem Parteitag mit 97 Prozent zum Spitzenkandidaten der NRW-SPD für die Bundestagswahl gewählt wurde, geht mit dem Koalitionspartner hart ins Gericht: "Die Bundeskanzlerin ist geschickt in ihrem Bemühen, nicht zu sagen, was sie will."

Dabei beschränkt auch er sich in seiner Rede vor allem auf grundsätzliche Gedanken zu Demokratie und Sozialstaat, beklagt die fehlende Moral der Manager. Das klingt streckenweise nach Philosophieseminar. Etwa, wenn der Parteichef von der Herausforderung spricht, "die Ideen der Demokratie weltweit zur Geltung zu bringen."

Immer wieder verrät aber nicht nur das rollende "R" den Sauerländer in Müntefering: "In den Bankhäusern sind mehr Nieten als in den Losbuden auf der Kirmes. Eine Mischung als Halbstarken, Pyromanen und Gangstern", poltert er, und die Delegierten applaudieren. Man müsse kein Mathematiker sein, um zu erkennen, dass dort etwas nicht stimme, "da reicht auch Volksschule Sauerland."

"Alle wissen jetzt: Du kannst Kanzler!"

Doch so kämpferisch die Reden der beiden SPD-Granden auch ausfallen, ein Thema sparen sowohl Müntefering als auch Steinmeier aus: Kein Wort verlieren sie zu den sozialen Unruhen, vor denen DGB-Chef Michael Sommer und ihre Bundespräsidentschaftskandidatin Gesine Schwan in den vergangenen Tagen noch warnten. Vielleicht, weil sie von hier aus so weit weg wirken: Im ostwestfälischen Halle sind die Felder grün, ist die Welt noch in Ordnung. "Hier sind meine Wurzeln", verkündet Steinmeier, der aus dem lippischen Brakelsiek stammt.

Das Heimspiel verdankt er Dieter Bohlen, der mit seiner Suche nach Deutschlands Superstar die Sozialdemokraten aus dem Kölner Coloneum verdrängte. Weil sich die RTL-Show mit der der Sozialdemokraten nicht überschneiden sollte, verlegte die NRW-SPD ihren Parteitag ins ostwestfälische Halle. Ihre eigenen Superstars haben die Genossen schließlich schon gefunden: Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück für die konkreten, aktuellen Probleme. Franz Müntefering, der die sozialdemokratische Seele anspricht.

Unterstützt werden sie in Halle noch von der kämpferischen Landesvorsitzenden Hannelore Kraft, die ihre Genossen auf die anstehenden vier Wahlen in NRW einstimmt: "Heute geht's los, und wir sind bereit, in die Schlachten zu ziehen." Von ihrer Seite kommt er dann schließlich doch noch, der Brückenschlag von Steinmeier zu Obama: In Anspielung auf den Wahlspruch "Yes, we can" des amerikanischen Präsidenten, ruft sie dem SPD-Kandidaten zu: "Alle wissen jetzt: Du kannst Kanzler!"

Zumindest in der Gerry-Weber-Halle ist man sich darin einig.

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