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11. Dezember 2015, 18:21 Uhr

Klatsche für SPD-Chef Gabriel

Das Misstrauensvotum

Von und

Der SPD-Parteitag sollte Sigmar Gabriel stärken - stattdessen watschen die Genossen ihren Vorsitzenden überraschend ab. Der nimmt die Wahl zwar an und gibt sich kämpferisch, aber seine Zukunft ist: ungewiss.

Gut ist die Stimmung auf dem SPD-Parteitag an diesem Nachmittag. Selbst die Probleme mit dem elektronischen Wahlsystem nimmt man gelassen hin, auch der Vorsitzende Sigmar Gabriel reagiert eher belustigt, als das Tagungspräsidium schließlich die Rückkehr zur Zettelwirtschaft anordnet: Es wird wie früher auf Papier abgestimmt.

Gabriel fühlte sich in den vergangenen Wochen so sicher wie lange nicht mehr in seiner Rolle, als ein gefestigter Parteichef - und demzufolge war die Erwartung an seine Wiederwahl klar: Im Vergleich zu 2013, als er 83,6 Prozent erhielt, würde es diesmal wohl ein klein wenig mehr werden.

Vielleicht sogar Richtung 90 Prozent.

Doch als um 15.20 Uhr an diesem Freitagnachmittag das Wahlergebnis verlesen wird, ist genau das Gegenteil der Fall: Gabriel verliert noch mal fast zehn Prozentpunkte, nur 74,3 Prozent der Delegierten haben ihm die Stimme gegeben. Ein Schock.

Und der wird umso spürbarer, weil die Delegierten plötzlich aufstehen und ihrem Vorsitzenden stehend applaudieren. Jetzt will die Partei den Mann plötzlich aufmuntern, den sie eben abgewatscht hat.

Eine bizarre Situation - findet auch Sigmar Gabriel: "Setzt euch mal wieder hin", sagt er. "Man kann nicht erst gegen mich stimmen und dann aufstehen."

Partei mit Hang zum Masochismus

Man muss es so hart sagen: Gabriel hat gerade eine Art Misstrauensvotum erlebt. Genauso dürfte er es auch verstanden haben. Schon ein paar Minuten, bevor das Ergebnis am Mikrofon verkündet wurde, hatte es der Vorsitzende erfahren. Und offenbar gab es bei Gabriel in der ersten Reaktion durchaus die Neigung, hinzuschmeißen. Aber Spitzengenossen wie Außenminister Frank-Walter Steinmeier, Justizminister Heiko Maas oder Fraktionschef Thomas Oppermann redeten ihm gut zu.

Am Rednerpult ist dann schon wieder der kämpferische Gabriel zu erleben. Obwohl es schon den Eindruck macht, als müsste er erst mal schlucken. "So is' Leben in der Demokratie", sagt er. Aber dass sich seine Partei nun über eines klar sein müsse: Es sei mit Dreiviertelmehrheit entschieden worden, wo es langgehe. "Und so machen wir es jetzt auch."

Aber was genau? Plötzlich stellen sich eine Menge Fragen:

Mehr als ein Viertel der Delegierten wollen diesen Vorsitzenden nicht - und das, obwohl in der Debatte, die auf Gabriels Bewerbungsrede folgte, noch mal von allen Seiten für den Vorsitzenden getrommelt wurde: Von SPD-Linken wie den Parteivizes Ralf Stegner und Thorsten Schäfer-Gümbel genauso wie von Vertretern des rechten Flügels und der sogenannten Netzwerker. Auch in den Vorbesprechungen der Landesverbände soll es eine klare Wahlempfehlung für Gabriel gegeben haben.

Haben ihm die Delegierten am Ende übel genommen, dass er sich in der Debatte die Juso-Vorsitzende Johanna Uekermann vorknöpfte, weil die Chefin der SPD-Nachwuchsorganisation ihm zuvor mangelnde Glaubwürdigkeit vorgeworfen hatte? Das sei jedenfalls nicht hilfreich gewesen, ist zu hören.

Oder lag es an seiner mitunter länglichen Bewerbungsrede, die anders als in der Vergangenheit zudem sehr staatstragend daher kam?

Auch die Haltung des SPD-Chefs in der Flüchtlingskrise, die er auf dem Parteitag mehrfach klar machte, könnte ihn Stimmen gekostet haben: Gabriel hat zwar rote Linien markiert in Abgrenzung zur Union - aber er plädiert auch dafür, die Probleme klar zu benennen, also beispielsweise zu sagen, dass Zuwanderung gesteuert werden muss. Das sieht ein Teil der Partei anders.

Natürlich gab es, bevor sich Gabriel ab dem Spätsommer stabilisierte, einiges an ihm auszusetzen: In der Debatte um die Vorratsdatenspeicherung hatte er seinen Kurs durchgedrückt und war dabei wenig pfleglich mit dem in der Partei sehr beliebten Justizminister Maas umgegangen. Auch Gabriels Agieren in der Griechenlandkrise wurde von vielen Genossen kritisiert. Und sein Kurs gegenüber der Pegida-Bewegung stieß ebenso auf großes Missfallen.

Aber selbst, wenn man all diese Punkte zusammennimmt: Eine Partei, die ihren Vorsitzenden in einer so ernsten innen- wie außenpolitischen Lage derart abstraft, zeigt einen Hang zum Masochismus. Und wirft die Frage auf, ob die SPD sich in Wahrheit doch lieber in der Opposition sähe als in der Regierung; oder sich zumindest da und dort klarer vom Koalitionspartner abgrenzen möchte.

Gabriel steht für die Große Koalition. Der SPD-Chef ist zudem der Meinung, dass seine Partei auf das dort Erreichte stolz sein kann. Und er war bislang offenbar der Meinung, dass fast alle seiner Genossen das genauso sehen. "Anders als unsere Wettbewerber: Die SPD ist geschlossen und selbstbewusst", sagte er zum Ende seiner Bewerbungsrede.

Sein Wahlergebnis zeigt, dass das offenbar ein Missverständnis war.

Gabriel im Video: "Wie oft noch zu Angela Merkel fahren?"

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