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Neue SPD-Chefs Esken und Walter-Borjans Auferstanden aus Routinen

"Es ist Zeit, dass wir umkehren": Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans stehen nun offiziell an der Spitze der SPD. Ihre Ergebnisse sind gut, doch von Aufbruchstimmung ist noch nicht viel zu spüren.

76 Prozent für Saskia Esken, fast 90 Prozent für Norbert Walter-Borjans - der Parteitag hat das in der Mitgliederbefragung siegreiche Duo mit mehr als ordentlichen Ergebnissen an die Spitze der SPD gewählt.

Wie haben sich die beiden bei ihren Auftritten vor den Delegierten verkauft? Wohin steuern die Sozialdemokraten unter ihrer Führung?

Die Botschaft

Anders als viele bisherige SPD-Vorsitzende versuchte Esken gar nicht erst herumzuphilosophieren. Stattdessen trat sie als Frau auf, die vor allem ein Ziel hat: die Partei zurück zu ihren Wurzeln zu führen. Ihre schnörkellose Rede war geprägt von roten Klassikern der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, hin und wieder klang sie, als wolle sie Hubertus Heil sein Ministerium abluchsen.

Weite Teile ihres Auftritts nutzte sie dazu, sich von Gerhard Schröders Reformpolitik abzugrenzen. Esken warb dafür, Hartz IV zu überwinden und versprach, ihr gesamtes "Herzblut" dafür zu geben, "den Niedriglohnsektor auszutrocknen", den die SPD selbst geschaffen habe. "Es ist Zeit, dass wir umkehren", rief sie unter dem Applaus der Delegierten und warb für "klare Kante, einen klaren Kurs und klare Sprache".

Bei aller Sehnsucht, eine andere Politik zu machen, war sie erkennbar darum bemüht, nicht den Eindruck zu vermitteln, als wolle sie die gesamte Partei auf den Kopf stellen. Wohl auch deshalb bedankte sie sich bei der nicht anwesenden Ex-Parteivorsitzenden Andrea Nahles für alles, was sie "in den letzten Jahrzehnten" der SPD gegeben habe. Das kam gut an.

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Walter-Borjans, eigentlich der Prominentere der beiden, hatte es schwerer als Esken. Das lag möglicherweise daran, dass er sich gleich zu Beginn seiner Rede auf einem Feld versuchte, das nicht zu seinen Fachgebieten gehört: der internationalen Politik. Walter-Borjans klang phasenweise wie ein kleiner Martin Schulz, etwa dann, wenn er für die Rettung Europas warb, den "Wahnsinn der Hochrüstung" kritisierte und an Willy Brandts friedenspolitisches Erbe erinnerte.

Norbert Walter-Borjans

Norbert Walter-Borjans

Foto: Michele Tantussi/ Getty Images

Das war alles nicht falsch, und es gab auch artigen Applaus, aber im Kern war das eine Rede, die auch viele andere Sozialdemokraten hätten halten können. Stärker wurde Walter-Borjans, als er auf die Finanzpolitik zu sprechen kam, die schwarze Null infrage stellte und ankündigte, auch die Schuldenbremse schleifen zu wollen.

Mehr Investitionen, mehr Steuergerechtigkeit: Erst im zweiten Teil seiner Rede kam er auf jene "NoWaBo"-Klassiker, mit denen er im SPD-internen Wahlkampf gepunktet hatte. Auch von seinem Auftritt sollte ein Zeichen der Versöhnung ausgehen: Scholz, seinen Gegenspieler in der Stichwahl, erwähnte Walter-Borjans positiv.

Der Stil

Hinter dem Rednerpult prangte das Motto des Parteitags: "In die neue Zeit". Entsprechend lebendig trug Esken ihre Rede vor. Zwar las sie in weiten Passagen ab, bekam es aber deutlich besser als ihr Partner hin, sich vom Text zu lösen, Akzente und auch mal kleine Pointen zu setzen. Walter-Borjans' Vortrag hingegen erinnerte streckenweise an den Vortrag eines etwas ambitionslosen Privatdozenten. Bei manchen Passagen, die er vorlas, fragte man sich, ob er den Kopf überhaupt noch einmal heben und in den Saal schauen würde.

Saskia Esken beim SPD-Parteitag: "Raus aus dem Niedriglohnsektor"

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Esken redete viel über sich, spannte den Bogen von ihrer Lebensgeschichte ("von der Paketbotin zur Informatikerin") zu ihrer Vorstellung von Politik. Bei Walter-Borjans floss eher wenig Persönliches ein. Auch daran lag es, dass Eskens Vortrag frischer, kurzweiliger wirkte als seiner.

Esken redete eher kurz, jedenfalls in Parteitagsmaßstäben, sie beschränkte sich auf eine knappe halbe Stunde. Walter-Borjans nahm sich deutlich mehr Zeit, beinahe eine Dreiviertelstunde, was in Verbindung mit seinem Vortragsstil irgendwann zu einem rapiden Abfall der Spannung im Saal führte.

Besonderer Moment

Nach ihrer Rede rief Esken Walter-Borjans zu sich auf die Bühne. "Ich wollte dem Mann an meiner Seite eine Chance geben", sagte sie. Gemeinsam ließen die beiden sich von den Delegierten bejubeln - schon vor der eigentlichen Wahl.

Saskia Esken

Saskia Esken

Foto: Michele Tantussi/ Getty Images

Die Resonanz

Es gibt, was die Begeisterung während und nach SPD-Parteitagsreden angeht, eine Messlatte aus der jüngeren Vergangenheit: jene berühmte Dresdner Rede, die Sigmar Gabriel hielt, als er sich vor ziemlich genau zehn Jahren um den Vorsitz bewarb. Gabriel gelang es mit dieser Rede, eine demoralisierte, auf 23 Prozent abgestürzte Partei wieder aufzurichten, ihr neue Hoffnung und Mut zu geben. In Dresden tobte der Saal.

Davon konnte in Berlin 2019 keine Rede sein, auch bei Saskia Esken nicht. Die Atmosphäre war freundlich, aber weit weg von begeistert. Den ersten stärkeren Beifall erntete sie mit einem sozialdemokratischen Klassiker: "Ich will, dass jeder Mensch von seiner Hände Arbeit leben kann."

Erstaunlich wenig Applaus gab es für diese Passage: "Wir waren die Partei, die Hartz IV eingeführt hat. Wir sind die Partei, die Hartz IV überwindet." In diesem Augenblick waren Vizekanzler Olaf Scholz und die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer auf den großen Bildschirmen zu sehen. Sie klatschten nicht.

"Nicht die Demokratie hat sich den Märkten unterzuordnen, sondern die Märkte der Demokratie." Für diesen Satz bekam Walter-Borjans den stärksten Beifall. Insgesamt blieb es bei ihm noch ruhiger als bei Esken. Trotzdem gab es am Ende für beide jene Standing Ovations, die auf Parteitagen zum Ritual gehören. Unabhängig davon, wie die Auftritte davor tatsächlich waren.

Das Fazit

Esken überraschte positiv - allerdings auch deshalb, weil die Erwartungshaltung nach ihren Auftritten bei den Regionalkonferenzen eher niedrig war. Walter-Borjans, der in den Konferenzen noch mit seiner freundlichen Art punkten konnte, enttäuschte. Insgesamt reichten beide nicht ansatzweise an das Niveau eines Sigmar Gabriel heran - allerdings: Genützt haben dessen rhetorische Fähigkeiten der SPD letztlich auch nichts, den Niedergang hat er damit nicht aufgehalten.

Inhaltlich skizzierten die beiden eine linkere SPD, die sich wieder stärker an Klassikern wie Frieden und Verteilungsgerechtigkeit orientieren will. Wie daraus konkrete Politik werden soll, blieb ziemlich schemenhaft. Aber so ist das mit Parteitagsreden - was sie letztlich wert sind, zeigt sich immer erst in der Welt da draußen.

Bei ihrer Wahl fuhren Esken und Walter-Borjans angesichts der Ausgangslage dennoch gute Ergebnisse ein. Nach quälenden, ermüdenden Monaten der Vorsitzendensuche scheint in der SPD die Sehnsucht nach ein bisschen Ruhe groß. Ob die Große Koalition nun hält oder nicht, war zumindest in den ersten Parteitagsstunden erst einmal zweitrangig.

Die SPD hat nun eine Doppelspitze, erstmals führen ein Mann und eine Frau gemeinsam die größte deutsche Partei. Es ist ein Experiment. Die Skepsis in der SPD ist groß. Eigentlich sehnen sich die Genossen nach Führung. Ob Walter-Borjans und Esken dies leisten können und ob die Partei ihnen folgt, ist offen. Klar ist: Viele Chancen hat die SPD nicht mehr.