SPD-Parteitag Steinbrück lässt die Genossen kalt

Peer Steinbrück gilt vielen als Favorit in der K-Frage, aber sein Auftritt beim SPD-Parteitag verlief mittelprächtig. Der Ex-Finanzminister hielt eine nüchterne Rede, die Genossen konnte er nicht begeistern.

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Berlin - Der Redner begeistert die Delegierten. Sein Vortrag ist klar, witzig, klug. Schon nach einigen Sätzen sind die Genossen aus dem Häuschen, tobender Applaus erfüllt die Parteitagshalle.

Der Redner heißt Christian Ude.

Dem Münchner Oberbürgermeister und SPD-Spitzenkandidaten bei der nächsten bayerischen Landtagswahl gelingt am Dienstagmorgen, was man eigentlich von Peer Steinbrück erhofft hatte: Ude reißt den Parteitag in der "Station" am Berliner Gleisdreieck mit. Steinbrücks mit viel Spannung erwartete Rede dagegen verpufft weitestgehend. Das wird nochmals deutlicher, weil Ude unmittelbar im Anschluss an den Ex-Finanzminister spricht.

Klar, am Ende applaudieren die Delegierten auch bei Steinbrücks Rede. Alles andere wäre ein ziemlicher Affront gegen den Mann gewesen, der als Favorit auf die SPD-Kanzlerkandidatur und aktueller Genossen-Liebling in der Bevölkerung gilt. Aber Begeisterung sieht anders aus. Ein paar Steinbrück-Fans im Gästebereich sind zwar aufgesprungen, da hat er seine letzte Silbe kaum vollendet. Aber dann dauert es einen Moment, bis sich Parteichef Sigmar Gabriel von seinem Platz auf dem Podium erhebt, erst da stehen die Delegierten auf.

Dass Steinbrück, der den Sozialdemokraten zuletzt so viel Aufmerksamkeit schenkte, auf dem Parteitag beschädigt wird, das kann nicht in Gabriels Interesse sein. Deshalb holt er ihn sogar noch mal auf die Bühne, als der Applaus abebbt, gemeinsam mit Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier posieren sie in trauter Troika-Pose. Auch Steinmeier ist ja noch im Rennen um die SPD-Kanzlerkandidatur.

Aber klar ist nach Steinbrücks Rede auch: Dieser Bewerbungsauftritt hat ihm auf dem Weg zum Merkel-Herausforderer nicht geholfen.

Ein paar Geschenke - und ganz viele Mahnungen

Dabei ist es keine schlechte Rede, die Steinbrück hält. Er zeigt Rückgrat. Aber viel ist nach den großen Auftritten von Helmut Schmidt und Sigmar Gabriel nicht mehr übrig für ihn. Und Steinbrück bleibt eben auch auf dem Parteitag sehr stark auf seinem "Ein-Mann-für-das-ganze-Volk"-Kurs. Die eigenen Leute hätten es gern ein bisschen wohliger, herzlicher.

Natürlich hat Steinbrück den Genossen auch ein paar Geschenke mitgebracht, gerade in den symbolisch wichtigen Fragen gibt er sich betont sozialdemokratisch. Steinbrück bekennt sich klar zum Mindestlohn, wirbt für eine rigide Finanzmarktregulierung und eine Stärkung europäischer Institutionen, erklärt die gerechte Gesellschaft zum "Fixstern" der SPD. Da gibt es immer mal wieder braven Applaus.

Aber Steinbrück ist nicht gekommen, um sich beliebt zu machen. Er versucht eine deutlich andere Rede als der Parteichef, setzt weniger auf Selbstvergewisserung als darauf, die Partei zu Vernunft zu ermahnen. Steinbrück hat vor allem eine Botschaft an die Delegierten: Empört euch, aber macht bitte realistische, pragmatische Politik - ansonsten könnte das schwierig werden mit dem Wahlsieg. Blöd nur, dass viele Sozialdemokraten auf Parteitagen lieber träumen, als sich Mahnungen anzuhören. Entsprechend mau ist die Reaktion.

Gleich zu Beginn erinnert Steinbrück an die umstrittenen Arbeitsmarktreformen von Gerhard Schröder und fordert, die SPD müsse "mit mehr Selbstbewusstsein das darstellen, was uns gelungen ist in den letzten Jahren". Er warnt vor einer Verschärfung des Steuerkonzepts der Parteiführung, ruft den Delegierten zu, die eigene Politik müsse immer auch den "Realitätstest" bestehen. Um Schwarz-Gelb abzulösen, brauche es Konzepte, die den "Regierungswillen" dokumentierten und nicht ins "Parteiverträgliche" abrutschten. Da runzelt manch linker Genosse die Stirn.

"Es war ein einsam Beifall klatschender, junger Abgeordneter"

Die SPD, so Steinbrück, sei zwar die Partei, die das Bündnis zwischen den Starken und den Schwachen schmieden müsse. "Aber man darf dann die Starken auch nicht verprellen." Es gelte, auch für die Facharbeiter, für die Hochqualifizierten und die "disponierenden Eliten" Politik zu machen. "All diese Gruppen wird die SPD ansprechen müssen, wenn sie den Charakter als Volkspartei behalten will", ruft er. Da klatschen nur ein paar seiner Anhänger.

Mitunter ist Steinbrück scheinbar selbst verblüfft über die spärliche Resonanz der Anwesenden. Als er nach rund zwanzig Minuten die Sozialdemokraten mahnt, auch den Generationenkonflikt zu bedenken, die teils widerstreitenden Interessen zwischen seiner älteren Generation und der jüngeren - rühren sich genau zwei Hände. "Es war ein einsam Beifall klatschender, junger Abgeordneter", witzelt der Hanseat. Immerhin, diese Pointe sitzt.

Steinbrück selbst erklärt seine Chancen gegenüber Gabriel bei der Kandidatenkür als unverändert. Seine Rede habe ein ganz anderes Ziel gehabt als die von Gabriel. "Ich bin nicht der, der die Rede halten musste, um unbedingt das Herz zu erreichen. Sondern mir war schon sehr daran gelegen, dass es eine Rede ist, die über die Grenzen hinaus auch Signale geben soll." Die SPD müsse Menschen erreichen, die auf die Partei neugierig würden, sagte er SPIEGEL ONLINE, die vielleicht auch aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten stammten. Eine schnelle Kür des Kandidaten wünscht Steinbrück sich demnach nicht. "Keiner von uns hat Interesse daran, zwei Jahre lang als Kandidat zu laufen."

Das Kanzlerkandidaten-Rennen in der SPD, so viel steht dennoch fest, stellt sich nach diesem Parteitag wieder um einiges offener dar: Steinbrück ist ein bisschen geschrumpft worden, Gabriel nach seinem überzeugenden Auftritt am Montag gestärkt, Fraktionschef Steinmeier präsentierte sich einmal mehr als solide Option.

Dem Parteichef muss das gefallen. Er will die Spannung rund um die Troika lange genug aufrechterhalten. Und so erlebt man ihn nach Steinbrücks Rede sehr entspannt in der ersten Parkettreihe mit dem Ex-Finanzminister plaudernd.

Steinbrück sieht in diesem Moment weniger gut gelaunt aus.

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