Kandidaten für den SPD-Parteivorsitz Wen wählen? "Das ist jetzt euer Problem"

Die letzte von insgesamt 23 Regionalkonferenzen ist geschafft: Von den ursprünglich acht Duos, die sich um den SPD-Parteivorsitz bewerben, sind nur noch sechs übrig. Klare Favoriten gibt es nicht - aber gute Stimmung.
Bisher ist kein Favorit erkennbar: Die Kandidaten für den SPD-Parteivorsitz auf einer Regionalkonferenz in Duisburg

Bisher ist kein Favorit erkennbar: Die Kandidaten für den SPD-Parteivorsitz auf einer Regionalkonferenz in Duisburg

Foto: FRIEDEMANN VOGEL/EPA-EFE/REX

Sechs Frauen und sechs Männer stellen sich im Biergarten des Münchner Löwenbräukellers für die Fotografen in Reihe. Es dauert ein paar Minuten, bis alle da sind.

Karl Lauterbach kommt als Vorletzter durch den Löwenbräu-Torbogen mit der Aufschrift "Auf Wiedersehen". Nun fehlt nur noch seine Partnerin Nina Scheer. "Karl, wo ist denn Nina?", rufen die anderen. Dann klicken die Auslöser, die Biergartenbesucher lassen sich durch die SPD-Prominenz nicht beim Mittagessen stören.

Das gemeinsame Gruppenbild war zwar schon am Vormittag im Kasten. Doch dann erklärten die Parteilinken Hilde Mattheis und Dierk Hirschel auf der Bühne ihren späten Verzicht. Ihre Namen werden zwar noch auf den Wahlzetteln und im Onlineformular zu lesen sein, aber die beiden sind nicht mehr wählbar.

Doch solche Widrigkeiten werden die SPD von ihrer Urwahl der neuen Parteispitze nicht mehr abbringen. Das Signal in die Partei und ins Land soll eines von Aufbruch und Tatkraft sein. Nach der letzten von insgesamt 23 Regionalkonferenzen zur Kandidatenkür ist nicht klar, ob das gelingen wird. Auch in München zeichnen sich keine klaren Favoriten im Rennen ab.

Sechswöchige Castingtour

Die Stimmung ist aufgeräumt unter den weiß-blauen Banderolen im trotz Spätsommersonne gut gefüllten Festsaal. Der Einzug der Kandidaten wird freundlich beklatscht. "Wir haben gezeigt, wie lebendig diese Partei ist", ruft Generalsekretär Lars Klingbeil in den Saal. "Das wollen wir auch nach außen vermitteln." Vereinzelte Buhrufe gibt es nur, als Klingbeil in seiner Lobesrede auf München den FC Bayern erwähnt.

Die dauerkriselnde Partei hat während der sechswöchigen Castingtour mit zwei Dutzend Regionalkonferenzen zumindest Selbstvertrauen gefasst. Die Veranstaltungen waren gut besucht, mehrfach mussten die Landesverbände in größere Säle umziehen, weil es mehr Anmeldungen gab als erwartet. Unerwartete Unterstützung gab es zum Abschluss von der politischen Konkurrenz: Auf ihrem Deutschlandtag in Saarbrücken forderte die Junge Union eine Urwahl des christdemokratischen Kanzlerkandidaten oder der Kandidatin.

Doch zeigt die SPD-Veranstaltung die Grenzen solcher Formate. Trotz zweieinhalb Stunden an Statements und Publikumsfragen bleibt wenig hängen.

"Wir wollen, dass die jungen Leute wieder mit uns auf die Straße gehen und nicht gegen uns", sagt Karl Lauterbach. Seine Kontrahentin Saskia Esken sagt: "Die GroKo hat keine Zukunft, wir müssen da raus." Ralf Stegner hebt seine "Standfestigkeit von der Küste" hervor und redet sehr schnell. Die Ostdeutsche Petra Köpping wirbt für eine gesamtdeutsche Politik.

Das junge Duo Christina Kampmann und Michael Roth wirkt dynamisch. Beide tragen enge Hosen und komponieren ihre Antworten gut. "Ich war Standesbeamtin und habe Menschen für immer glücklich gemacht", erzählt Kampmann. Sie wisse, wann es Zeit sei, Ja zu sagen.

Scholz traute sich als Einziger

Das Jawort hat seiner Partei auch Vizekanzler Olaf Scholz gegeben. Der Finanzminister ist das unbestrittene politische Schwergewicht auf dem Podium. Ob ihm das seine Parteifreunde hoch anrechnen oder negativ auslegen, ist nicht klar erkennbar.

"Er ist der einzige Minister, der sich traut", so sieht es der Sozialdemokrat Franz Unterholzner aus Bad Reichenhall am Ende der Veranstaltung auf dem Weg nach draußen. Die Genossin Gabriele Benecke aus München sagt hingegen: "Ich bin dafür, dass die GroKo verlassen wird. Olaf Scholz ist ein Teil von ihr."

Auf den Regionalversammlungen ging Scholz kein rhetorisches Risiko ein. In München plädiert er an den gesellschaftlichen Zusammenhalt, erinnert an die sozialdemokratischen Kernthemen wie Sozialstaat und soziale Gerechtigkeit.

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Foto: Monika Skolimowska/ DPA

"Olaf und ich wollen die SPD zu einer linken starken Volkspartei machen", sagt seine Tandempartnerin Klara Geywitz. Doch der Weg zurück zu alter Stärke sei lang, mahnt Scholz.

Stichwahl wahrscheinlich

Da der linke Flügel zersplittert ist, gehen viele davon aus, dass es Scholz und Geywitz zumindest in die Stichwahl schaffen werden. Doch es gibt keine Erhebungen darüber, wie sich die Parteibasis verhalten wird.

Noch immer hat die SPD rund 425.000 Mitglieder, nur rund fünf Prozent davon nahmen an einer der Veranstaltungen teil. Am 26. Oktober wird ausgezählt. Sollte kein Duo 50 Prozent der Stimmen erreichen, folgt im November eine Stichwahl der beiden besten Teams. Endgültig gekürt wird die neue Doppelspitze dann auf einem Parteitag in Berlin im Dezember, wobei die Delegierten dem Votum der Basis folgen sollen.

Einstweilen sind die Kür-Veranstaltungen nicht viel mehr als Bekenntnisse zur Geschlossenheit. So auch in München. Die SPD-Mitglieder im Publikum befragen die Kandidaten nach Kohlekraft, Atomwaffen, Wohnungsbau und immer wieder nach der Großen Koalition.

Zum Abschluss fallen weiße Riesenluftballons mit der Aufschrift "#UnsereSPD" ins Publikum, die Kandidaten fassen sich an den Händen und verbeugen sich unter großem Beifall. Wen wählen? "Das ist jetzt euer Problem", ruf Generalsekretär Klingbeil ins Publikum.

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