SPD-Party in Düsseldorf Müntes politischer Salto mortale

Mit seiner Ankündigung von Neuwahlen hat SPD-Chef Franz Müntefering Stimmung ins Düsseldorfer Apollo-Theater gebracht. Eigentlich war man zum Wundenlecken am Ende einer Ära gekommen, stattdessen sorgte der Parteichef für einen Adrenalinstoß.

Von , Düsseldorf


Düsseldorf - Das Apollo-Theater, in dem die nordrheinwestfälische SPD sich versammelt hat, gehört Zirkus-Roncalli-Gründer Bernhard Paul. Es gibt einen Artisten-Stammtisch, in der Lobby stehen Büsten von Clown Grock und Charlie Rivel, "bei dem Kinder und Intellektuelle gemeinsam lachen". Drinnen im Theater, in rotplüschigem Ambiente mit Sternenhimmel, hängen Einräder, Keulen und was Artisten sonst noch so benutzen.

Doch ein Stück so gewagter Akrobatik hat auch dieses Traditionshaus noch nicht erlebt: Der SPD-Chef nimmt Anlauf zum politischen Salto mortale ohne Netz und doppelten Boden. Gerade erst waren die Hochrechnungen über die Großbildleinwand auf der Bühne geflimmert. CDU bei 45 Prozent, SPD bei 38 Prozent. In der roten Herzkammer wird nach 39 Jahren erstmals wieder Schwarz-Gelb regieren - die bisher bitterste Wahlniederlage für die SPD in einer langen Serie. Zwar war sie vorhergesehen, doch das lindert den Schmerz nicht. Enttäuschung macht sich breit. Ministerpräsident Peer Steinbrück erscheint auf dem Bildschirm und konzediert eine "einschneidende Niederlage". Matthias Machnig, SPD-Wahlkampfmanager bei der letzten Bundestagswahl, steht im Foyer und empfiehlt Ruhe: "Bloß keine schnellen Antworten auf Bundesebene."

Und dann das: "Neuwahlen", raunt es durch den Raum. Auf allen Bildschirmen, im Apollo und in den Gängen des Landtags, erscheint plötzlich Franz Müntefering. Mit einigen seiner kurzen Sätze degradiert der SPD-Chef nur eine halbe Stunde nach der Wahlniederlage Düsseldorf bereits zum Nebenschauplatz. Er lässt die Union ihren Sieg nicht auskosten. Man werde "die Entscheidung" im Herbst suchen, sagt Müntefering, als ob es nicht gerade eben eine weitreichende Entscheidung gegeben habe. Das Wundenlecken tritt in den Hintergrund. Es beginnt das Spekulieren. Das bloße Wort "Neuwahlen" elektrisiert die deprimierten Genossen. "Dahinter steckt Schröder", sagt einer sofort.

Neuwahlen - das galt in der Berliner Gerüchteküche bisher nur als Schnapsidee von Guido Westerwelle. Nun machen der Kanzler und Müntefering sich die Idee zu eigen. Die Sozialdemokraten im Apollo sind fassungslos, aber auch irgendwie fasziniert von dem Vabanque-Spiel. "Das ist eine Hopp-oder-Topp-Entscheidung", sagt die Bundestagsabgeordnete Nina Hauer. Ihr Büroleiter, der im Berliner Willy-Brandt-Haus die Entwicklung verfolgt, ruft durch und sagt, er habe seinen Sommerurlaub bereits abgesagt. "Wir müssen jetzt den Wahlkampf planen", erklärt Hauer. "Schröder stellt die Vertrauensfrage", sagt Machnig, der ebenso kalt erwischt wurde wie alle anderen. "Er will Klarheit darüber, ob seine Politik noch getragen wird."

Bei einigen macht sich das Gefühl breit, dass man kurz nach einer vernichtenden Niederlage schon wieder in der Vorhand ist. "Die Union muss jetzt Farbe bekennen", frohlockt Peter Güllmann, ein SPD-Mitglied aus Essen. Geschockt sei er nicht, höchstens überrascht. "Wir haben immerhin schon einen Kanzlerkandidaten", grinst er. Der Ruf nach Neuwahlen im Bund sei die logische Konsequenz aus der Landtagswahl.

Von "Befreiungsschlag" ist an den Stehtischen bald die Rede. Doch ist es das wirklich? Oder steuert Müntefering seine Partei nicht vielmehr nur noch schneller auf den Eisberg zu? Manifestiert sich da nicht eine Lust am Untergang? Auch die Abgeordnete Hauer ist zwiegespalten. Neuwahlen seien auch das Eingeständnis, nicht mehr weiter zu wissen, sagt sie.

Die SPD-Chefs gönnen ihrer Partei keine Pause - das macht auch Peer Steinbrück klar, als er gegen halb acht endlich vor seine Anhänger tritt. "Alle, die jetzt Wunden lecken, müssen sich jetzt darauf einstellen, dass im Herbst eine noch weitergehende Entscheidung ansteht", sagt er. "Wir müssen jetzt sehr schnell nach vorn gucken."

Steinbrück wie auch der SPD-Landeschef Harald Schartau beschwören ihre Anhänger, jetzt keine Streitereien über die Wahlniederlage zu beginnen. Nach Gründen zu suchen, sei "eilfertig". Es sei jetzt auch nicht die Zeit, "mit dem Finger auf andere zu zeigen". Genau dies, so wird im Apollo spekuliert, sei auch das Motiv hinter Münteferings Vorstoß: Die befürchteten Flügelkämpfe in der Partei sollen eingedämmt werden, indem ihr schlicht keine Zeit dafür gegeben wird. Im Wahlkampf, so das Kalkül, beißen alle Unzufriedenen die Zähne zusammen. Die Partei soll hinter der neuen großen Aufgabe geeint werden.

Doch ob das funktioniert, ist fraglich. Schon die Tatsache, dass jeder Redner an diesem Abend sich gezwungen fühlt, parteiinterne Querelen zu verdammen, zeigt, wie groß der Streitbedarf ist. Vor Münteferings Neuwahlen-Coup hatte das Sündenbockspiel im Apollo bereits begonnen: Da sagten NRW-Vertreter, die Ursache der Niederlage sei der Berliner Trend. Vor dem Hintergrund habe man sich achtbar geschlagen. Vertreter der Bundespartei hingegen kritisierten, der Wahlkampf in NRW sei "undurchdacht" gewesen. Ein Mitarbeiter des Berliner Willy-Brandt-Hauses: "Die Messer werden schon gewetzt."



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