SPD-Abgeordnete mit erfundenem Lebenslauf Der rätselhafte Fall der Petra Hinz

Erst Abitur, dann Jura-Abschluss: Ein klassischer Politikerlebenslauf - nur hat die SPD-Abgeordnete Hinz beides erfunden. Wusste wirklich kein Parteifreund davon? Und warum wurde der Schwindel jetzt publik?

SPD-Politikerin Petra Hinz
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SPD-Politikerin Petra Hinz

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Petra Hinz ist verschwunden. In ihrem Bundestagsbüro ist ein Anrufbeantworter geschaltet, selbst für Fraktionskollegen aus dem Parlament ist sie nicht erreichbar. Sie will zu ihrem Schwindel lieber nichts mehr sagen.

Auf der Internetseite der Essener SPD-Abgeordneten findet sich unter der Rubrik "Biografie" eine weiße Seite. Hinz hat rasch gelöscht, was binnen 24 Stunden ihre politische Karriere vorerst beendet hat. Bis zum Dienstag hatte Hinz, 54, ausweislich ihres bislang beim Bundestag hinterlegten Lebenslaufes sowohl die allgemeine Hochschulreife (Jahrgang 1984) als auch das erste und zweite rechtswissenschaftliche Staatsexamen. Mit diesem Ausbildungshintergrund saß Hinz seit 2005 im Parlament.

Für Abgeordnete ist das kein ungewöhnlicher Lebenslauf: Abitur haben die meisten Politiker im Bundestag, viele auch ein abgeschlossenes Jurastudium. Dass man sich beides allerdings ausdenkt, hat es in der Geschichte des Parlaments noch nicht gegeben.

Entsprechend groß ist die Aufregung, nachdem die SPD-Abgeordnete dieses "Fehlverhalten", wie es ihr Anwalt formuliert, eingestanden hat: Ihre erneute Bundestagskandidatur im kommenden Herbst hatte Hinz bereits am Vortag abgesagt, am Mittwochnachmittag erklärte sie dann, ihr Mandat niederzulegen

Die Lüge war einfach zu groß.

Und am Ende wohl auch der politische Druck: Hinz' Unterbezirk - so nennt man in Nordrhein-Westfalen die sozialdemokratischen Kreisverbände - hatte sie schon am Vormittag zum Mandatsverzicht aufgefordert, auch über Essen hinaus dürfte man in der SPD darauf gedrungen haben - eine Verlängerung der Affäre kann zurzeit niemand in der Partei gebrauchen, erst recht nicht in NRW ein knappes Jahr vor der Landtagswahl.

Die Lebenslauf-Lüge wurde "durchgestochen"

Umso bemerkenswerter ist es, dass Hinz' Lebenslaufbetrug jetzt überhaupt publik wurde. Er wurde durchgestochen, wie man das nennt: von interessierter Seite an Journalisten gegeben. In diesem Fall erhielt das Essener "Informer Magazin" Hinweise auf die gefälschte Biografie der SPD-Politikerin, die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" machte die Informationen dann einer größeren Leserschaft zugänglich.

Es ist das zweite Mal innerhalb weniger Wochen, dass negatives Material über Hinz Essener Medien zugespielt wurden: Anfang Juli war ein anonymer Brief öffentlich geworden, in dem ehemalige Mitarbeiter der Abgeordneten mit Hinz als Arbeitgeberin abrechneten: Die Rede war von "irrsinnigen Schikanen" und "persönlichen Erniedrigungen", manche Mitarbeiter fühlten sich demnach psychisch wie physisch geschädigt.

"Ich bin der Hölle entkommen", sagt ein ehemaliger Mitarbeiter SPIEGEL ONLINE, er ist inzwischen in einem anderen Bundestagsbüro angestellt. Ein früherer Mitarbeiter im Büro Hinz erzählt: "Sie hatte zwei Gesichter. Nach außen durch und durch freundlich. Aber sobald die Tür zuging, wehte eine eisige Kälte durchs Büro. Ich durfte sie wochenlang nicht ansprechen." Hinz habe "einen unfassbaren Kontrollwahn" gehabt, berichtet er. "Wer auf die Toilette wollte, musste sich telefonisch bei ihr ab- und wieder zurückmelden." Es sollen sogar Kontaktverbote mit den Mitarbeitern anderer Abgeordneter ausgesprochen worden sein.

Dazu kommt: Weil Hinz als eine von wenigen Bundestagsabgeordneten kein Wahlkreisbüro hatte, mussten die Mitarbeiter ihres Berliner Büros - rechtswidrig - angeblich Aufgaben in Essen erledigen, zum Beispiel Wahlkampf- und Ortsvereinszeitungen gestalten.

Glaubt man den Erzählungen, muss Petra Hinz eine katastrophale Arbeitgeberin sein. Das könnte auch den ungewöhnlich hohen Personaldurchlauf in ihrem Büro erklären. Dass sie Probleme im Umgang mit ihren Angestellten hatte, kursierte auch unter Fraktionskollegen - gewundert habe es den Erzählungen zufolge kaum jemanden: Unter den SPD-Abgeordneten genießt Hinz ebenfalls einen Ruf als launischer Charakter.

Warum jetzt?

Hinz hat die Vorwürfe geleugnet und sie als böswillig abgetan. Aber hinter dem offensichtlichen Betrug von Hinz und den Geschichten über ihre Unfähigkeit als Chefin versteckt sich eine weitere spannende Frage: Warum wurde der Brief der Ex-Mitarbeiter Anfang Juli öffentlich gemacht, gefolgt von den Hinweisen auf die Biografietäuschung - und von wem?

Es wird spekuliert, dass es etwas mit dem anstehenden Parteitag zu tun hat, auf dem Hinz ursprünglich wieder als Bundestagskandidatin nominiert werden sollte. Öffentlich hatte die Politikerin bis zuletzt die Unterstützung des Unterbezirks für ihre erneute Kandidatur gehabt - einen Gegenkandidaten gab es nicht.

Zumindest über die gefälschten Angaben in ihrem Lebenslauf könnten zentrale Akteure der Essener SPD Kenntnis gehabt haben: Auch in einer Stadt der Größe Essens wissen Kollegen, Freunde oder eben auch Parteifreunde, wer wann wo Abitur gemacht hat - oder eben nicht. Das Gleiche gilt für ein mehrjähriges abgeschlossenes Jurastudium.

Der Verdacht manches Genossen in Essen: Hinz bekommt nun die Rechnung für ihr unliebsames Verhalten gegenüber führenden Sozialdemokraten des Unterbezirks. So hatte die Abgeordnete in dem Konflikt mit Ortsvereinen aus dem Essener Norden, die ihr Stadtgebiet in der Flüchtlingskrise strukturell vernachlässigt sahen, Sympathien mit den mahnenden Genossen gezeigt. Und auch sonst soll Hinz mit dem aktuellen Unterbezirksvorsitzenden Thomas Kutschaty und seiner Vorgängerin Britta Altenkamp immer mal wieder aneinandergeraten sein.

Das Problem ist: Der Ruf der Essener SPD ist inzwischen so schlecht, dass man den Genossen dort so gut wie alles zutraut.

Sogar, eine Betrügerin zum Opfer zu machen.

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