SPD-Präsidentschaftskandidatin Schwan macht "geistige Mitläufer" für Finanzkrise verantwortlich

Die Finanzkrise hat nach Einschätzung von SPD-Präsidentschaftskandidatin Schwan tiefere Ursachen als die Gier einiger Manager. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE kritisiert sie eine Kultur der Verantwortungslosigkeit. Nachdenken habe die Karriere in den vergangenen Jahren nicht gefördert.


SPIEGEL ONLINE: Der CDU-Bundesparteitag hat am Dienstag beschlossen, Deutsch als Landessprache im Grundgesetz zu verankern. Eine gute Idee?

DPA
Gesine Schwan: In einem Land, in dem überwiegend Deutsch gesprochen wird, ist es wichtig, dass alle Bewohner diese Sprache können. Das wird von niemandem in Zweifel gezogen. Dies im Grundgesetz zu verankern, sendet aber ein falsches Signal. Es vermittelt ein Bild von Deutschland, in dem das Deutsche alleinverbindlich ist und alles Andere sich in eine homogene Mehrheitsgesellschaft einpassen muss. Identitäten sind in einer modernen Gesellschaft sehr viel vielschichtiger. Man kann ein guter Deutscher sein und gleichzeitig andere Wurzeln haben.

SPIEGEL ONLINE: Wärmt die CDU ihre alte Leitkulturdebatte wieder auf?

Schwan: Der Parteitagsbeschluss scheint als Auftakt für das Wahljahr geplant zu sein, denn objektiv gibt es keine Notwendigkeit für eine solche Festlegung. Sie würde in unserem Grundgesetz auch wie ein Fremdkörper wirken. Ich sehe jedenfalls nicht, dass wir kurz davor wären, ein dreisprachiges Land wie die Schweiz zu werden. Der CDU-Beschluss ist die Fortsetzung einer aversiven Politik gegen Einwanderer. Unsere Nachbarländer Polen und Dänemark agieren da weitsichtiger: Sie stellen in Grenzgebieten inzwischen zweisprachige Schilder auf.

SPIEGEL ONLINE: Ein Vorbild für Deutschland?

Schwan: Mein Akzent läge darauf, die Mehrsprachigkeit bei allen zu fördern. Einwanderer sollten zur Zweisprachigkeit ermutigt werden. Allerdings müssen sie auch verbindlich Deutsch lernen. Dann haben wir ein Riesenpotential, auch für künftige Wirtschaftsbeziehungen. Jetzt zu sagen: "Lasst die andere Sprache außen vor", ist nicht zukunftsweisend.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen am Wochenende eine Grundsatzrede zur Bildungspolitik halten. Werden Sie dort auch das Thema Integration ansprechen?

Zur Person
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Gesine Schwan Jahrgang 1943, war von 2004 bis 2009 Koordinatorin für die deutsch-polnische Zusammenarbeit der Bundesregierung. Im Oktober 2008 schied sie nach neun Jahren als Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder aus. 2004 und 2009 bewarb sich die Sozialdemokratin um das Amt des Bundespräsidenten - und unterlag beide Male dem Kandidaten von Union und FDP, Horst Köhler. Seither hat sie sich aus der aktuellen Politik zurückgezogen und widmet sich wieder ihrer wissenschaftlichen Arbeit. mehr auf der Themenseite...
Schwan: Bildung ist die zentrale Voraussetzung für Chancengleichheit. Ich werde vor allem die Frage stellen, warum wir auf dem Feld nicht vorankommen. Bildung ist in aller Munde, die Kanzlerin hält Bildungsgipfel ab, aber statt über echte Reformen streiten wir über Finanzierungsfragen.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist das so?

Schwan: Bildung wird in der Politik und in den meisten Chefetagen nicht wichtig genommen. Ich spreche von Bildung im umfänglichen Sinne, das heißt Urteilskraft, Verantwortungsfähigkeit, Zweifeln. Das alles zählt nicht mehr, nur auf die Wissensvermittlung kommt es an. In der öffentlichen Bildungsdiskussion geht es allein um Wettbewerb, Elite, Weltmarktkonkurrenz. Das führt zu einem Lernklima, in dem schon Grundschüler von Angst durchtränkt sind. Vielseitigkeit und Experimentierlust werden erstickt. Dieses reduzierte Bildungsverständnis prägt dann auch die Gesellschaft.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Schwan: Wer immer nur auf die Spitze schaut, sendet die Botschaft: Auf Hauptschüler kommt es nicht an. Wer alle am gleichen Leistungsmaßstab misst, lässt viele Menschen zurück. So verschwendet man Ressourcen und spaltet eine Gesellschaft. Der Erfolg der skandinavischen Länder besteht ja gerade darin, dass sie die Vielfalt der Talente fördern.

SPIEGEL ONLINE: Leistungsdruck und Konkurrenzdenken kommen ja nicht von ungefähr, sie sind eine Folge der Globalisierung. Was antworten Sie den Personalchefs, die klagen, Berufseinsteiger seien zu alt und zu schlecht ausgebildet?

Schwan: Das ist eine sehr kurzsichtige Betrachtungsweise, die viele Unternehmen inzwischen auch überdenken. Jung und flexibel ist nicht mehr alles, was zählt. Erfahrung gewinnt einen neuen Stellenwert. In einem Turbo-System gibt es keinen Platz für Fehler. Aber manchmal muss man Umwege gehen, nur so entsteht Innovation.

SPIEGEL ONLINE: Sie plädieren für eine Rückkehr zur Langsamkeit?

Schwan: Der übersteigerte Leistungsdruck in der Schule wird von vielen Eltern und Lehrern kritisch gesehen. Persönlichkeitsentwicklung braucht Zeit, ein Liebeskummer muss auch mal verarbeitet werden dürfen. Ich bin nicht gegen gesunden Wettbewerb. Aber das Turbo-Denken verhindert umfängliche Bildung. Wir sehen ja gerade an der Wirtschaftskrise, wohin es führt, wenn Menschen nur noch mit dem Strom schwimmen.

SPIEGEL ONLINE: Das Bildungssystem ist schuld an der Finanzkrise?

Schwan: Der Kern der Finanzkrise ist eine weit verbreitete Einstellung des geistigen Mitläufertums, ein Habitus der Verantwortungslosigkeit. Man macht, was alle machen. Man fragt nicht: Ist das vertretbar, was ich da mache? Nachdenken hat in den letzten Jahren nicht die Karriere gefördert. Ich sehe die Krise daher als Chance für ein radikales Umdenken in der Bildungspolitik.

SPIEGEL ONLINE: Auch Bundespräsident Horst Köhler hält gern Reden zur Bildung und vertritt dabei durchaus sozialdemokratische Positionen. Finanzmärkte beschimpft er als "Monster". Wie wollen Sie sich dagegen eigentlich abgrenzen?

Schwan: Gar nicht. Ich trage meine eigenen Gedanken in einer Reihe von Grundsatzreden vor. Am 9. November habe ich über Vergangenheitsbewältigung geredet, am Wochenende geht es um Bildung, später folgen noch die Themen Integration, Arbeit, Familie. Dabei folge ich der Grundregel, nicht zu schimpfen und Leviten zu lesen, weil das nur dazu führt, dass die Leute sich verschließen.

SPIEGEL ONLINE: Bisher dringen Sie kaum durch.

Schwan: Gut Ding will Weile haben. Mein Konzept wird sich Stück für Stück zusammenfügen. Ich habe es unter das Motto gestellt: "Vertrauen stiften, Gemeinsamkeit schaffen, Zukunft gewinnen". Die Idee dahinter ist: Jeder von uns kann ein Vertrauensstifter sein, jeder an seinem Platz.

SPIEGEL ONLINE: Stiften Sie Vertrauen, wenn Sie sich mit den Stimmen der Linken zur Bundespräsidentin wählen lassen?

Schwan: Ich habe gesagt, ich werbe um alle demokratischen Stimmen in der Bundesversammlung. Dazu gehören auch große Teile der Linken. Das heißt aber nicht, dass ich irgendwelche Abstriche an meiner Position mache: Ich bin eine glühende Anhängerin der Demokratie. Deshalb habe ich die Linke auch an zwei zentralen Punkten kritisiert: Ihr Programm ist nicht auf der Höhe der Herausforderungen, da es die Globalisierung nicht hinreichend berücksichtigt. Und ihre Politik ist oft populistisch. Jeder weiß also genau, woran er mit mir ist.

SPIEGEL ONLINE: Bei Ihrem ersten Anlauf auf Schloss Bellevue 2004 haben Sie einen wahren Begeisterungssturm ausgelöst, waren der Liebling von Medien und Bevölkerung. Diesmal hingegen weht ein scharfer Gegenwind. Wie erklären Sie sich das?

Schwan: Ich habe mit einem Amtsinhaber zu tun, der nach vier Jahren die gleiche Popularität genießt wie jeder Bundespräsident. Und ich biete den Menschen auf den ersten Blick eine schwierige Position. Ich schimpfe nicht auf die Politik, ich bediene keine Stimmungen und Ressentiments. Ich sage den Menschen: Ihr müsst ran. Ihr könnt Euch nicht nur über die Politik ärgern, sondern müsst selbst tätig werden. Und da kommt dann der Zeitpunkt, an dem eine Frau wie ich plötzlich polarisiert.

Das Interview führten Wolfgang Büchner, Claus Christian Malzahn und Carsten Volkery



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