SPD-Rennen um den Vorsitz Genossen starten ihre Castingtour

Die SPD wagt ein Experiment: Die Mitglieder sollen entscheiden, wer künftig die Partei führt. Ab heute stellen sich 17 Kandidaten in 23 Regionalkonferenzen bundesweit vor. Wie läuft das ab?

Gruppenbild: Die Kandidaten für den SPD-Vorsitz
Ralph Orlowski/ REUTERS

Gruppenbild: Die Kandidaten für den SPD-Vorsitz

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Die Wahlen im Osten sind gelaufen, in der SPD richtet sich der Blick auf das Kandidatenrennen: Wer übernimmt die Nachfolge von Andrea Nahles? Wer steht künftig an der Spitze der 156 Jahre alten Partei?

Am Mittwochabend um 18 Uhr geht es los: Saarbrücken, Congress Centrum. Rund dreihundert Mitglieder haben sich für die erste Regionalkonferenz angemeldet. Doch es können auch deutlich mehr Besucher werden, die Veranstaltung ist öffentlich.

Es ist der Auftakt zu einer gigantischen Castingtour: Bis zum 12. Oktober stehen 23 dieser Parteitreffen an. 17 Kandidaten stellen sich vor - acht Teams und ein Einzelbewerber.

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SPD: Diese Genossen wollen Parteivorsitzende werden

In der Parteizentrale wurde die Tour akribisch vorbereitet, die SPD hofft auf neuen Schwung und einen belebenden Effekt des Rennens, bei dem am Ende die Mitglieder die neue Parteiführung wählen.

Aber 17 Kandidaten auf einer Bühne? Wie soll das funktionieren?

Die SPD geht mit ihrem Verfahren ein hohes Risiko ein. Nicht nur die Zahl der Bewerber ist hoch, auch 23 Termine sind recht viel. Schnell könnte sich ein Abnutzungseffekt einstellen. Doch mit einer Absage von Terminen oder dem Rückzug von Kandidaten wird in der Partei nicht gerechnet.

Hintergrund ist, dass die Regionalkonferenzen von den Landesverbänden organisiert werden - in jedem Bundesland ist mindestens eine Konferenz vorgesehen. Geplant ist, dass alle nach dem gleichen Schema ablaufen. Dieses sieht folgendermaßen aus:

  • Zu Beginn gibt es eine kurze Begrüßung. In Saarbrücken übernimmt dies die Landesvorsitzende Anke Rehlinger sowie voraussichtlich ein Mitglied aus dem Interimstrio, das derzeit die Partei führt.
  • Dann stellen sich die Bewerber in einem sogenannten Kandidaten-Solo vor. Bei diesem Eröffnungsstatement haben Duos und der Einzelbewerber Karl-Heinz Brunner jeweils fünf Minuten Redezeit. Für diesen Block sind insgesamt 45 Minuten vorgesehen.
  • In einem zweiten Block befragt der Moderator die Kandidaten in Gesprächsrunden. Die Themen sollen variieren, die Bewerber sollen jeweils in maximal einer Minute antworten und können auch aufeinander reagieren. 40 Minuten sind insgesamt dafür eingeplant.
  • Im dritten Teil folgen Fragen aus dem Publikum. Der Moderator soll dabei auf eine ausgewogene Verteilung der Fragen achten. Eine Stunde Zeit soll für diesen Block zur Verfügung stehen.
  • Das Ende bilden Abschluss-Statements der Kandidaten. Die Länge: wiederum maximal 60 Sekunden - in 20 Minuten sollen alle Bewerber fertig sein.

Insgesamt soll eine Konferenz inklusive Begrüßung also knapp drei Stunden dauern. Karl Lauterbach, der mit Nina Scheer kandidiert, hat ausgerechnet, dass jedes Duo bei den Konferenzen dennoch nur auf eine Redezeit von neun Minuten und 20 Sekunden kommt. Da könne man nicht groß ausholen, so Lauterbach. Wie glaubwürdig oder leidenschaftlich ein Kandidat sei, lasse sich in so kurzer Zeit nicht feststellen.

Daniel Stich, Generalsekretär der rheinland-pfälzischen SPD, verteidigt das Verfahren hingegen: "Zum ersten Mal entscheidet wirklich die Basis, wer die Partei künftig führt", sagte Stich dem SPIEGEL. "Es ist ein modernes, spannendes Format. Darauf sollten wir stolz sein."

SPD-Regionalkonferenzen

Spott lösten vor der Auftaktkonferenz in Saarbrücken interne Ratschläge für die Kandidaten aus, über die zuerst die "Bild"-Zeitung berichtete. In diesen "Informationen und Hinweisen für Teams und Kandidat*Innen", die dem SPIEGEL vorliegen, heißt es unter anderem:

"In Bezug auf die Kleidung ist Folgendes ratsam: In der Kleidung sollte man sich wohlfühlen und das längere Sitzen bedenken. Falls jemand einen Rock tragen möchte: Bitte beachtet, dass ihr auf roten Barhockern sitzt."

In Parteikreisen gab es am Dienstag Irritationen darüber, dass diese internen Informationen an die Presse durchsickerten. "Da werden gut gemeinte Ratschläge ins Lächerliche gezogen und Mitarbeiter demoralisiert", hieß es aus der Partei.

SPD-Verfahren für den Parteivorsitz
Der Zeitplan im Überblick:
1. Juli: Bewerbungen
Ab diesem Tag können Zweierteams oder Einzelbewerber ihre Kandidatur für den SPD-Vorsitz einreichen. Für eine Kandidatur benötigen sie die Unterstützung von mindestens fünf Unterbezirken, einem Bezirk oder einem Landesverband.
1. September: Regionalkonferenzen
Die Bewerbungsfrist endet. Die Kandidaten präsentieren sich danach in 23 Regionalkonferenzen der Basis. Fünf Wochen lang können sie bei den Mitgliedern für sich werben. Der Auftakt ist am 4. September in Saarbrücken, der Abschluss am 12. Oktober in München.
14. Oktober: Basisentscheid
Die rund 440.000 SPD-Mitglieder dürfen in einem Basisentscheid ihren Kandidaten oder ihr Kandidatenteam für die Parteispitze bestimmen.
26. Oktober: Ergebnis des Mitgliedervotums
Das Ergebnis des Mitgliederentscheids soll vorgestellt werden. Sollte kein Kandidat beziehungsweise kein Doppelteam über 50 Prozent der Stimmen erhalten, soll es einen Stichentscheid zwischen den beiden Erstplatzierten geben. Die Wahl ist rechtlich nicht bindend, politisch dürfte der Parteitag aber kaum am Votum der Mitglieder vorbeikommen.
6. bis 8. Dezember: Parteitag
In Berlin kommt der Bundesparteitag der SPD zusammen. Er soll den oder die Gewinner des Mitgliederentscheids formell an die SPD-Spitze wählen - und über die Halbzeitbilanz der Großen Koalition entscheiden.
insgesamt 35 Beiträge
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tdse13 04.09.2019
1. Vizekanzler Scholz hat viel freie Zeit für 23 Termine
Mich wundert es schon, daß Vizekanzler und Finanzminister in den nächsten Wochen 23 Tage Zeit hat, um sich diesem Beauty Contest zu stellen. Ich glaube, die Bundesrepublik hat national und international eigentlich wichtigere Probleme, die auch durch den Finanzminister gelöst werden müssen, als in der BRD für SPD-interne Dinge herumzureisen. Das ist lächerlich!
mirage122 04.09.2019
2. Wieso lächerlich?
Klar, dass unsere tolle Zeitung mit den vier Buchstaben wieder alles in den Dreck ziehen muss, was von der SPD kommt. Und dann mit bösen Kommentaren versehen, wenn es um das Outfit geht. Das sind doch ganz sinnvolle Ratschläge, denn so ein Abend ist lang! Liebe BILD-Leute: Während eure christlichen Freunde solche Informationen über ähnliche Veranstaltungen gar nicht öffentlich machen, sondern geheim halten, finde ich diese Teilhabe der intressierten Wählerschaft ausgesprochen positiv. Haben sich Eure unanständigen Redakteure eigentlich schon bei Herrn Jatta entschuldigt. Wäre eigentlich zwingend notwendig bei dem ganzen Dreck, der über ihn ausgeschüttet wurde. Aber soviel Anstand besitzt ihr wahrscheinlich nicht!
ulli7 04.09.2019
3. Ich vermisse bei diesen Kandidaten Aufbruch und Neuanfang bei der SPD
Nach dem Durchlesen der Zielsetzungen dieser 17 SPD - Kandidaten bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass charismatische Kandidaten wie der Frauenschwarm Robert Habeck und die niedlich aussehende Annalena Baerbock von den Grünen fehlen, die einen Aufschwung in der Wählergunst bewirkten. Ich hätte gern einen jungen Kandidaten wie Sebastian Kurz von der ÖVP gesehen, der in Österreich viele Wähler und Wählerinnen begeisterte. Es ist auch kein Kandidat bzw. keine Kandidatin dabei, die den Weg der dänischen Sozialdemokraten mit einem Ende der "REFUGEES WELCOME" - Politik anstrebt. Nach meiner Einschätzung stehen diese 17 Kandidaten für ein "weiter so wie bisher".
xteteilnehmer 04.09.2019
4. Was für eine Verschwendung von Ressourcen!
Jetzt zieht der ganze Trupp wochenlang durch die Bundesrepublik um sich vorzustellen. Was das an Geld kostet will ich gar nicht wissen. An anderer Stelle wird es sicherlich sinnvoller benötigt. Ob dieses zur Schau stellen von Bewerberinnen und Bewerbern wirklich notwendig ist um der SPD einen Höhenflug zu bringen bezweifle ich. Anstatt die SPD den Bürgern lieber mal vor Augen hält was an Gesetzten in den letzten Jahren verabschiedet wurden, wird stattdessen ständig nur darüber diskutiert was die AFD so treibt. Die Politik ist zur Zeit so langweilig geworden. Vielleicht sind es auch nur die Medien die uns permanenten Pessimismus vor Augen halten anstatt zu dokumentieren was wir bisher alles erreicht haben.
lozenz 04.09.2019
5. Was für
eine lächerliche zeitschindende Veranstaltung. Die alten Gesichter, die alten Themen, keinerlei Einsicht und ei e Argumentation, dass sich einem die Haare aufstellen. Und wenn sich nun ein Klingbeil hinstellt und sagt, man wolle nicht mehr auf die anderen Parteien "rumhacken", sondern mit Inhalten kommen, ist schon wieder der erste Fehler gemacht. Die SPD ist genauso, wie dei FDP, überflüssig geworden. Der GroKO Verrat wiegt so schwer, dass diese PArtei nur noch so lange lebt, wie dei GroKo lebt. Solange diese Partei sich über den Wählerwillen, über die Wünsche und Begehrlichkeiten des Wählers besserwisserisch stellt, ist sie verloren. Und das dürfte wohl jeder feststellen, von Einsicht und einem adäquaten Themenwechsel ist weit und breit nichts zu sehen. Die Personen sind beliebig, der Bürger wartet auf Lösungen und nicht auf postengeile Selbstdarsteller.
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