SPD-Sieg in Niedersachsen Sie leben

Na sowas, die Sozialdemokraten können doch noch Wahlen gewinnen. Zwar hat ihr Erfolg in Niedersachsen viel mit der speziellen dortigen Ausgangslage zu tun - dennoch ist er auch ein Fingerzeig für die Bundespolitik.

SPD-Spitze in Berlin nach der Niedersachsen-Wahl
REUTERS

SPD-Spitze in Berlin nach der Niedersachsen-Wahl

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So kennt man die ja gar nicht. Es waren bizarre Bilder, die am Sonntagabend nach der Wahl in Niedersachsen in deutsche Wohnzimmer ausgestrahlt wurden: Der SPD-Generalsekretär Hubertus Heil: Strahlend. Die SPD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag Andrea Nahles: Gelöst lächelnd. Der Parteivorsitzende Martin Schulz: Heiter und gelassen. Auf der Bühne in der Berliner SPD-Zentrale war gar ein Mann zu sehen, der entfernt dem stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Ralf Stegner ähnelte, dessen Mundwinkel allerdings so weit nach oben zeigten, dass er praktisch nicht zu erkennen war.

Man reibt sich die Augen: Tatsächlich, die SPD kann noch gewinnen. Die 154 Jahre alte Partei ist also doch noch nicht verstorben. Aus dem tiefen Grab der 20 Prozent bei der Bundestagswahl hat sie sich wieder ausgegraben und wird in Niedersachsen mit gut 37 Prozent stärkste Kraft. Stephan Weil kann nach aller Wahrscheinlichkeit weiter regieren. Also alles wieder gut und Martin Schulz an der Parteispitze gerettet?

Landtagswahl Niedersachsen 2017

Vorläufiges Endergebnis

Zweitstimmenergebnis
Anteile in Prozent
CDU
33,6
-2,4
SPD
36,9
+4,3
Grüne
8,7
-5
FDP
7,5
-2,4
Die Linke
4,6
+1,5
AfD
6,2
+6,2
Sonstige
2,5
-2,2
Sitzverteilung
Insgesamt: 137
Mehrheit: 69 Sitze
55
12
50
11
9
Quelle: Landeswahlleiter

Naja. Landtagswahlen sind Landtagswahlen™, und diese Wahl in Niedersachsen war sogar noch etwas spezieller, als Landtagswahlen es normalerweise sind. Dem Amts- und damit Amtsbonusinhaber Weil stand ein eher unbekannter CDU-Spitzenkandidat namens Bernd Althusmann gegenüber, der bis zuletzt darum kämpfen musste, dass die Menschen im Land seinen Nachnamen richtig betont aussprechen. Keine große Hilfe war derweil seine Bundespartei, die nach dem grandios vergeigten Bundestagswahlsieg erstmal schwierigste Koalitionsverhandlungen durchstehen musste - mit der eigenen Schwesterpartei CSU.

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Niedersachsen-Wahl: Weil gegen Althusmann

Ausgelöst worden war die vorgezogene Landtagswahl vom Parteiübertritt der ehemaligen Grünen Elke Twesten, die damit die Regierungsmehrheit zum Kippen brachte. Pech für Althusmann, dass diese Überläuferin ihren Abgang dermaßen selbstsüchtig wirkend inszeniert hatte, dass mancher Niedersachse ihre neue Heimat CDU wohl schon aus prinzipiellen Gründen des Anstands nicht belohnen wollte. Unsympathischer hätte dieser Wahlkampf nicht starten können.

Klar unterscheidbar, klar verortet

Und trotzdem dürfen auch Martin Schulz und seine Bundes-SPD aus dem Ergebnis in Niedersachsen Hoffnung schöpfen. Denn es scheint ihren Kurs zu bestätigen. In Niedersachsen stehen sich Union und Sozialdemokraten traditionell in herzlicher Abneigung gegenüber, sie waren im Wahlkampf deutlich unterscheidbar - so haben sie die AfD klein gehalten, so hat die SPD 167.000 Nichtwähler aktiviert und auch deshalb darf sie sich auch nach dieser Wahl noch Volkspartei nennen. Weils rot-grüne Regierung war zudem ein klar verortetes politisches Angebot - und insofern das Gegenteil der faden großkoalitionären Suppe, als deren abgekochte Zutat sich die Sozialdemokraten im Bund viel zu lange hergegeben haben.

Lässt seine Partei Martin Schulz jetzt - anders als im fatalen Wahlkampf - endlich den Martin Schulz sein, als der er als Parteivorsitzender angetreten war, könnte die SPD in vier Jahren tatsächlich wieder eine Machtoption bekommen.

So kennt man die ja gar nicht.

insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
thomas haupenthal 15.10.2017
1. Aber...
...Rot-Grün hat keine Mehrheit, 67:68. Was jetzt? Große Koalition?
Europa! 15.10.2017
2. Sorry, no future for Martin ...
Martin Schulz darf Herrn Weil natürlich gratulieren. Mit dessen Wahlerfolg hat er nichts zu tun. Die 100000 Wähler aus dem Lager der Nichtwähler hat die SPD aus anderen Gründen gewonnen: weil sie jetzt in die Opposition geht und weil Frau Nahles jetzt plötzlich ganz vorne steht.
spon_3689546 15.10.2017
3. Ein Neuanfang
mit Schulz, Heil, Stegner, Nahles, ... Hahaha!
einwerfer 15.10.2017
4. Gefährlicher Erfolg
Denn dieser Erfolg könnte die SPD in die Versuchung führen, wieder einmal die Ursachen ihrer Wahlniederlagen im Bund nicht aufzuarbeiten. Und dann ist da immer noch die - bei der Machtgeilheit von FDP und Grünen eher geringe - Chance, daß Jamaika nicht zustande kommt und die SPD aus 'Staatsraison' wieder in eine nicht mehr ganz so große Koalition eintritt.
schorschorsch 15.10.2017
5. Etwas große Sprünge...
macht der Artikel. Zumindest ist für mich folgende Aussage nicht nachvollziehbar: "Und trotzdem dürfen auch Martin Schulz und seine Bundes-SPD aus dem Ergebnis in Niedersachsen Hoffnung schöpfen. Denn es scheint ihren Kurs zu bestätigen." Im Bundeswahlkampf hat die SPD massiv verloren. In NRW steht sie im Vergleich dazu nur wenige Wochen später super da. Was legt hier den Schluss nahe, das die NRW Wahl den Kurs der Bundes-SPD bestätigt?
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