Wegen Fachkräftemangel Sigmar Gabriel spricht sich für eine längere Wochenarbeitszeit aus

Deutschland müsse sich auf zehn Jahre einstellen, »in denen es anstrengender wird«, sagte Sigmar Gabriel der »Bild am Sonntag«. Nur so könne der Wohlstand erhalten werden. Er schlägt deshalb vor, dass die Menschen mehr arbeiten.
Sigmar Gabriel im Jahr 2018 in der Ukraine

Sigmar Gabriel im Jahr 2018 in der Ukraine

Foto: Inga Kjer/ dpa

Der ehemalige SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hat sich dafür ausgesprochen, die Wochenarbeitszeit zu verlängern. »Wollen wir Menschen nicht lieber wieder mehr verdienen lassen, indem wir etwas länger arbeiten?«, sagte Gabriel der »Bild am Sonntag« . Man müsse diesen Vorschlag in Tarifverhandlungen klären, »denn mit Zuwanderung allein werden wir das Fachkräfteproblem nicht lösen«.

Aktuell diskutieren Politik und Wirtschaft verschiedene Ideen, um der Belastung durch den Arbeitskräftemangel und den Folgen des Ukrainekriegs und der Coronapandemie zu begegnen. Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Siegfried Russwurm, und der Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, hatten sich für eine 42-Stunden-Woche ausgesprochen. Andere Ökonomen fordern, das Renteneintrittsalter auf 70 Jahre anzuheben.

Finanzminister Christian Lindner (FDP) hatte Ende Juni auf Twitter geschrieben, um den Wohlstand zu sichern, brauche es neben Gründungen und Wachstumsimpulsen auch »mehr Überstunden« und hatte damit ebenfalls eine Debatte losgetreten .

Laut Gabriel kommen »mindestens zehn Jahre, in denen es anstrengender wird«

Gabriel sagte nun der »Bild am Sonntag«, dass vor allem eine damals steigende Arbeitslosigkeit der Grund gewesen sei, weshalb die Arbeitszeit vor mehr als 25 Jahren verkürzt wurde. »Arbeit für alle durch Arbeitszeitverkürzung war das Motto«, sagte Gabriel. »Heute haben wir das genau entgegengesetzte Problem: Uns fehlen Menschen für die Arbeit, weil die Babyboomer in Rente gehen und danach der Pillenknick kommt.« (Lesen Sie hier die SPIEGEL-Titelgeschichte  zum Arbeitskräftemangel.)

Gabriel sagte auch: »Wenn wir unseren Wohlstand erhalten wollen, kommen jetzt mindestens zehn Jahre, in denen es anstrengender wird als in den letzten.« Er warnte vor kleinteiligen Sozialprogrammen und sagte, Deutschland würde mit Gesellschaften konkurrieren, »die wollen 150 Prozent leisten«. Hierzulande würde man sich oftmals damit abfinden, »dass wir zu einer Art ›75 Prozent-Gesellschaft‹ werden – 75 Prozent Pünktlichkeit der Bahn, 75 Prozent Impfquote, 75 Prozent Arbeitszeit und manchmal sogar nur 75 Prozent Unterrichtsversorgung an Schulen«.

Die Menschen bräuchten Gewissheit, dass es sich lohnt, mehr anzupacken, forderte Gabriel. Der engagiert arbeitende Teil der Bevölkerung bekäme »in der Regel nur mittlere oder oftmals auch zu niedrige Einkommen«.

kko
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