SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

24. Februar 2018, 20:51 Uhr

Gabriel auf GroKo-Tour

Ein bisschen Demut demonstrieren

Von , München

Außenminister Sigmar Gabriel sollte in Bayern für die Große Koalition werben. Doch im Münchner Wirtshaus geht es dann vor allem um eines: seine politische Zukunft.

Georg Fleischer ist mit klaren Erwartungen in die Münchner Augustiner-Jagdstube gekommen: Sigmar Gabriel werde "für einen Eintritt in die Große Koalition kämpfen", prophezeit das SPD-Mitglied, aber auch "um sein Amt".

Eigentlich soll es an diesem Samstag in dem Wirtshaus mit unzähligen Hirschgeweihen an der Wand allein um Europapolitik und die GroKo-Abstimmung der Sozialdemokraten gehen. Doch viele der wartenden Genossen rechnen damit, dass der Außenminister bei seiner Rede auch Werbung in eigener Sache macht.

Denn spätestens seit Gabriels ungestümer Attacke gegen den mittlerweile zurückgetreten Parteichef Martin Schulz gilt es als unwahrscheinlich, dass er auch Mitglied des nächsten Kabinetts wird. Allerdings: Viele Deutsche wünschen sich genau das. Etwas mehr als zwei Drittel fänden es Umfragen zufolge gut, wenn der Niedersachse sein Amt behält - unter den SPD-Anhängern sind es laut ZDF-Politbarometer sogar 77 Prozent.

Vor allem Fans

Auch hier in München hat Gabriel unter den Genossen vor allem Fans. "Der Umgang mit Gabriel war peinlich", findet Sozialdemokrat Fleischer. Für den 43-Jährigen im Trachtenjanker ist klar: "Gabriel soll Außenminister bleiben."

Auch der Münchner Bundestagsabgeordnete Florian Post, der den früheren Parteichef nach München eingeladen hat, sagt: "Wenn ich irgendwo hinkomme und die Rede auf den Umgang der Parteispitze gegenüber Gabriel kommt, schütteln viele Menschen einfach nur den Kopf." Man könne doch einen so "kompetenten und beliebten Mann nicht stürzen, nur weil es einigen an der Parteispitze und Funktionären in den Kram passt", schimpft Post. "Wir reden in der SPD vielleicht deshalb so oft über Solidarität, weil wir sie gerade untereinander so nötig haben."

Kurz darauf kündigt Post den über 150 versammelten Genossen den "jetzigen und hoffentlich auch zukünftigen Außenminister an".

"Ich war sauer"

Gabriel scheint das zu gefallen. Er lächelt kurz. Doch der 58-Jährige ist Politprofi genug, um zu wissen, dass in seiner aktuellen Situation selbst viele seiner Anhänger eine gewisse Demut und vor allem Friedfertigkeit erwarten.

"Es ist nebensächlich, ob ich Außenminister bleibe", sagt er. Es gehe nicht um seine Person. Auch seine Attacke gegen Schulz rechtfertigt Gabriel: "Ich war sauer, dass ich von der Nichtaufnahme ins Kabinett über die Medien erfahren habe." Doch, räumt er ein: "Meine Antwort war auch nicht der Gipfelpunkt der Diplomatie."

Manche Genossen lachen.

Viele Spitzengenossen fanden dagegen Gabriels Rammbockstrategie in den vergangenen Jahren nicht ganz so lustig. Einige halten ihn für unberechenbar. In der Bundestagsfraktion nehmen ihm viele seine Basta-Politik bei der Vorratsdatenspeicherung und seine Haltung im Streit um das Handelsabkommen CETA übel.

Es ist auch kein Geheimnis, dass die designierte Parteichefin Andrea Nahles nicht mehr mit Gabriel zusammenarbeiten möchte. Den kommissarischen Vorsitzenden und vielleicht baldigen Finanzminister Olaf Scholz soll Gabriel ebenfalls vergrätzt haben. Wie die "Süddeutsche Zeitung" kürzlich berichtete, habe Gabriel vor Jahren "eine konspirative Sitzung" einer Arbeitsgruppe zur Ausarbeitung eines Rentenkonzepts geleitet - unter Ausschluss des damals zuständigen SPD-Rentenexperten Scholz.

Beifall für Koalitionsvertrag

Auch hier in München stehen sie hinter Gabriel - "mit eindeutiger Mehrheit", wie Florian Post betont. Und Ludwig Hoegner, Urenkel des einzigen SPD-Ministerpräsidenten im Nachkriegs-Bayern, findet: "Wir haben nicht genug charismatische Führungsfiguren, als dass wir sie regelmäßig abschießen können."

Tatsächlich erntet Gabriel Beifall, als er den Koalitionsvertrag anpreist - etwa das geplante Verbot des Exports von Kleinkaliberwaffen in Staaten, die nicht der Nato angehören. Die SPD habe zudem etwa elf Milliarden Euro für Bildung, mehrere Milliarden für Wohnungsbau sowie die Mindestrente durchgesetzt.

Punkten kann der ehemalige Parteichef auch, als er über die EU spricht. So sei die Europapolitik eines der "entscheidenden Kapitel in diesem Koalitionsvertrag". Man beende "die Politik des Wolfgang Schäuble".

Ziel sei eine "konsequentere Europäisierung der Politik". Gabriel spricht sich gegen eine Kürzung der EU-Mittel im Kampf gegen die insbesondere in Südeuropa grassierende Massenarbeitslosigkeit aus.

Die SPD müsse in die Regierung, sagt Gabriel, "weil sie die Herausforderung einer immer komplexer werdenden Welt annehmen will". Nicht aus Angst vor Wahlen sollten die SPD-Mitglieder für eine GroKo votieren, sondern weil sie sicher sind, "dass das, was da kommt, besser wird, wenn die Sozialdemokraten dabei sind".

Was er nicht sagt: Nur, wenn die Genossen mit Ja stimmen, bleibt zumindest eine kleine Chance, dass auch der künftige Außenminister Sigmar Gabriel heißt.

Wer steckt hinter Civey?

Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Das Start-up arbeitet mit unterschiedlichen Partnern zusammen, darunter sind neben SPIEGEL ONLINE auch der "Tagesspiegel", "Cicero", der "Freitag" und Change.org. Civey wird durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung