SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

17. April 2018, 18:06 Uhr

Kampf um SPD-Spitze

Frau Lange macht Ärger

Von und

Sie hat keine Chance, und die will sie nutzen: Auf dem SPD-Parteitag kandidiert Oberbürgermeisterin Simone Lange für den Chefposten - gegen Andrea Nahles. Die Führung beobachtet ihr Auftreten mit Unmut.

Geradezu euphorisch ist die Stimmung rund um die designierte Verliererin, die hinten links sitzt. Immer wieder erklingt lautes Lachen in dem silbernen Kleinbus, der sich seinen Weg durch die frühe Nacht in Hannover bahnt. Das kleine Team aus Flensburg tauscht Eindrücke, Albernheiten und Süßigkeiten aus. Es herrscht Klassenfahrt-Atmosphäre. Alles ist jetzt größer als Alltag.

Simone Lange wird am kommenden Sonntag auf dem SPD-Parteitag gegen Andrea Nahles verlieren. Doch darum geht es nicht. Es geht darum, dass sich Lange, die Oberbürgermeisterin von Flensburg, überhaupt traut, für den SPD-Vorsitz zu kandidieren. Schon ihre Ankündigung war eine Sensation, rasch erhoben weitere Kommunalpolitiker Anspruch auf den Chefposten. Lange war die Einzige, die ihre Kandidatur durchzog.

Sie ist es nun, die Nahles und gewissermaßen auch den SPD-Vorstand herausfordert. Dieser hatte sich klar für Nahles ausgesprochen und hoffte damit auf Ruhe. Für die Partei, aber auch für den Vorstand selbst.

Doch Ruhe gibt es nicht für die SPD. Die Partei, ausgezehrt nach all den großkoalitionären Regierungsjahren und all den Wahlverlusten, ist verunsichert. Langes Kandidatur, im Grunde ein Aufstand der Basis, ist Symbol für diese große Verunsicherung: So wie gehabt kann es nicht weitergehen.

Für die Parteiführung ist Langes Kandidatur in klassischen Taktikdenkmustern ein echtes Problem: Denn ein nur knapper Sieg würde Nahles den Start verderben. Zwar wurde ihr auch ohne Gegenkandidat kein 90-Prozent-Ergebnis zugetraut. Doch weniger als 70 Prozent sollen es möglichst auch nicht werden.

Mit wachsendem Ärger beobachten führende Genossen, wie sich Simone Lange als Underdog gegen das Parteiestablishment profiliert. Als etwa Generalsekretär Lars Klingbeil in der vergangenen Woche mit ihr den Ablauf des Parteitags am kommenden Sonntag besprach, stand am nächsten Tag in der Zeitung, er habe sie mit einem zehnminütigen Auftritt abspeisen wollen. Lange aber will mindestens 30 Minuten reden.

Die Parteispitze weist den Vorwurf zurück. "Simone Lange sollte keine Verschwörungstheorien in die Welt setzen", sagt ein führender Sozialdemokrat. "Sie wird auf dem Parteitag genauso behandelt wie Andrea Nahles." Offen kritisieren will die Herausforderin aber niemand. Damit würde man ihre Erzählung von der angeblich so unterdrückten Außenseiterin noch verstärken.

Noch bis Mitte Februar war Lange in der SPD völlig unbekannt. Sie hat keine bundespolitische Erfahrung und saß lediglich vier Jahre im Landtag von Schleswig-Holstein. Dann folgte der Umzug ins Flensburger Rathaus. Vor dieser politischen Karriere hatte Lange, aufgewachsen in der DDR, 15 Jahre lang bei der Kriminalpolizei in Flensburg gearbeitet.

Lange nutzt die Stimmung gegen die Agendapolitik

Um für sich zu werben, tourt sie in den Wochen vorm Parteitag durch Deutschland. In Hannover steht sie in einem abgelegenen Sitzungszimmer des Kurt-Schumacher-Hauses unter verregneten Oberlichtern. Der kleine Raum ist mit etwa 70 Gästen schon überfüllt. Lange steht nah an der ersten Reihe, gestikuliert viel, geht immer wieder vor und zurück. Sie braucht nicht viel Zeit, um den Raum für sich zu gewinnen.

"Als Bundesvorsitzende würde ich mich als erstes bei den Menschen entschuldigen, die wir im Stich gelassen haben." Es erklingt der lauteste Applaus des Abends. Die 41-Jährige macht sich die in der Partei verbreitete Stimmung gegen die Agendapolitik zunutze. Lange ist in den letzten Wochen zur Projektionsfläche für den Frust und den Protest vieler Mitglieder geworden, die unzufrieden sind mit "denen da oben" in Berlin.

In der Partei gefällt das längst nicht allen. In SPD-Kreisen fallen Worte wie "unbekümmert", "naiv" oder gar "absurd". Als "wohlfeil" wird ihre Kritik an den Arbeitsmarktreformen des früheren SPD-Kanzlers Gerhard Schröder bezeichnet: Lange habe keine Ideen, was die Partei in der Sozialpolitik anders machen solle.

Geht es bei der Kandidatur in Wirklichkeit um Schleswig-Holstein?

Es gibt auch einen ganz konkreten Vorwurf: Lange wolle sich durch ihre Kandidatur nur profilieren, um in Schleswig-Holstein höhere Ämter zu übernehmen. Es ist eine Einschätzung, die auf Bundesebene durchaus verbreitet ist. Schon im Oktober soll Lange - so heißt es aus SPD-Kreisen - mit dem damaligen Vorsitzenden Martin Schulz telefoniert und gesagt haben, sie wolle im Jahr 2019 gegen Ralf Stegner antreten, den Landesvorsitzenden der SPD Schleswig-Holstein.

Lange beruft sich auf die Vertraulichkeit des Gesprächs, Schulz ist für eine Stellungnahme nicht zu erreichen gewesen. "Bin ich dann Bundesvorsitzende, kann ich gar nicht mehr Landesvorsitzende werden", sagt Lange nur.

Die Sozialdemokratin wirbt mit neuen Strukturen für sich: Digitale Abstimmungsverfahren in den Ortsvereinen sollen her, genauso wie mehr Hauptamtlichkeit, Konferenztechnik für jedes SPD-Büro und Urwahlen für die wichtigen Personalien der Partei.

Bei politischen Inhalten jedoch bleibt sie sehr vage. Sie mache das bewusst, sagt Lange. Wenn sie die Mitglieder ernsthaft und umfassend beteiligen wolle, müsse sie sich eine inhaltliche Offenheit bewahren.

Erwarten das die Delegierten des Parteitags wirklich von einer künftigen SPD-Vorsitzenden?

Zwei von ihnen sind auch bei dem Treffen in Hannover vor Ort. Sie sind noch unschlüssig, für wen sie stimmen werden. Schon das kann als kleiner Erfolg für Lange gewertet werden. "Sie tut der Basis gut und kann den Weg für eine Erneuerung frei machen", sagt einer der Delegierten. Ein Rest Skepsis aber bleibt: "Sie wird an der Spitze aber auch führen müssen", sagt der zweite Delegierte.

"Ich kann führen", sagt Lange dazu. Sie wolle aber eben die Prozesse führen und "nicht regieren, sondern moderieren".

Nahles und der SPD-Vorstand haben viel zu verlieren. Lange hingegen bleibt auch bei einer deutlichen Niederlage Oberbürgermeisterin von Flensburg. "Ich habe jetzt schon so viele Einladungen für nach dem Parteitag", sagt sie. Natürlich werde sie nicht verschwinden.

Wer steckt hinter Civey?

Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Zur Erhebung seiner repräsentativen Umfragen schaltet die Software des 2015 gegründeten Unternehmens Websites zu einem deutschlandweiten Umfragenetzwerk zusammen. Neben SPIEGEL ONLINE gehören unter anderem auch der "Tagesspiegel", "Welt", "Wirtschaftswoche" und "Rheinische Post" dazu. Civey wurde durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung