SPD-Spitzenkandidat Olaf Scholz Angreifer mit dem Charme einer Vorlagenmappe

Ausstrahlung, Charisma, Esprit? Wer solche Eigenschaften von einem Spitzenkandidaten erwartet, ist bei Olaf Scholz an der falschen Adresse. Der Ex-Arbeitsminister ist ein Aktenmensch. Wofür er inhaltlich steht: unklar. Trotzdem hat er gute Chancen, bald Deutschland zweitgrößte Stadt zu regieren.
Olaf Scholz, Spitzenkandidat der SPD in Hamburg: Britta statt Fila

Olaf Scholz, Spitzenkandidat der SPD in Hamburg: Britta statt Fila

Foto: CHRISTIAN CHARISIUS/ REUTERS

"Ordentlich" ist sein Lieblingswort - eine ordentliche Haushaltsführung und ordentliche Politik müsse her, und klar, er freue sich über ein ordentliches Umfrageergebnis. Nur abheben, sagt er, während andere schon vom fulminanten Wahlergebnis träumen, dürfe man doch nicht. Und lächelt.

Der 52-Jährige verströmt den Charme einer Vorlagenmappe: Im Wahlkampf pflegte Scholz beständig das Profil des Sanierers, des vielleicht unglamourösen, aber verlässlichen Stadthüters. Vergessen scheint, dass sich die Hamburger SPD jahrelang intern fetzte und 2001 mit Karacho abgewählt wurde. Inzwischen sind die Umfragewerte so gut, dass Scholz sogar allein regieren könnte - er profitiert dabei vor allem von der Schwäche seiner Gegner. In Hamburg herrscht Wechselstimmung.

Als Ende 2010 die schwarz-grüne Koalition in Hamburg zerbrach, meldete Scholz seine Kandidatur an. Nach einer Polit-Karriere mit vielen Tiefschlägen will er die SPD in der Hansestadt wieder an die Macht bringen.

Für viele Hamburger scheint Scholz der richtige Mann am richtigen Ort zu sein: 58 Prozent wollen ihn als Bürgermeister sehen - eine klare, wenn auch keine überwältigende Mehrheit.

Wahlversprechen

Scholz will der Stadt einen strikten Sparkurs verordnen: Der Betriebshaushalt soll in den kommenden zehn Jahren jährlich nur noch um ein Prozent steigen. Die im Grundgesetz verankerte Schuldenbremse will er ab 2020 einhalten. Er will die Elbvertiefung vorantreiben.

Wie genau das funktionieren soll, ist unklar. Denn trotz des angeblich geplanten Sparkurses sind neue Ausgaben vorgesehen: Geplant sind ein Wegfall der Kitagebühren, die Abschaffung der Studiengebühren, außerdem sollen bessere Straßen, Grünanlagen, Ganztagsschulen, jährlich 6000 neue Wohnungen und höhere Sicherheit im Nahverkehr finanziert werden.

Die SPD will unter anderem pro Jahr rund 250 Stellen in der Verwaltung abbauen, angemietete Büroflächen reduzieren und Zinsen sparen durch eine geringere Kreditaufnahme. Bei der Kürzung des Weihnachtsgeldes für Beamte hat sich Scholz noch nicht festgelegt.

Scholz gibt Bekenntnisse zur Kulturförderung ab, räumt aber ein, diese vom Spardruck nicht ausnehmen zu können: "Jeder muss seinen Beitrag leisten." Sollte er Bürgermeister werden, wird sich Scholz nicht der Klage gegen den Länderfinanzausgleich anschließen, die Bayern, Baden-Württemberg und Hessen anstrengen wollen. Der SPD-Spitzenkandidat will die Hälfte der Hamburger Senatorenposten an Frauen vergeben. Zumindest da besteht die versprochene Klarheit.

Auftreten im Wahlkampf

Die SPD verzichtete auf ihren Großplakaten gänzlich auf inhaltliche Aussagen, druckte neben Scholz' Konterfei nur Wörter wie "Vernunft", "Klarheit" oder "Verlässlichkeit". Dem Minimalismus gegenüber steht eine überbordende Siegesgewissheit: Selbstbewusst verkündet Spitzenkandidat Scholz, nicht nur diese, sondern auch gleich die nächste Wahl gewinnen zu wollen.

Von Anfang an machte Scholz deutlich, dass er als Chef im Rathaus auch Repräsentant des einflussreichen Bürgertums sein wolle. Geschickt setzte er auf einen akribisch durchorganisierten Wirtschaftswahlkampf - und klaute der CDU damit eines ihrer Kernthemen. Scholz wirkte überdies authentisch, dem Aktenliebhaber nahm man die Rolle des Haushaltssanierers sofort ab.

Ansonsten setzte Scholz auf Understatement - und Altbewährtes. Er trägt in der Öffentlichkeit Anzüge und stets eine weinrote Krawatte. Olaf Scholz' Gattin Britta Ernst, parlamentarische Geschäftsführerin, war im Wahlkampf kaum präsent, Scholz trat als Solo-Figur und "Mann für die Aufräumarbeiten" nach monatelangem politischen Chaos auf. Günter Grass und Gerhard Schröder, beides alte Hasen im SPD-Wahlwerbegeschäft, unterstützten Scholz bei Veranstaltungen.

SPD-Innenexperte Andreas Dressel beleidigte öffentlich FDP-Spitzenkandidaten Katja Suding ("Hinter ihr tun sich Abgründe auf"). Altbürgermeister Henning Voscherau (SPD) und Jusos forderten eine sozialliberale Koalition, sollte der FDP der Einzug in die Bürgerschaft gelingen, obwohl Scholz mit den Grünen zusammengehen will. Die Geisterdebatte war parteiintern wohl nicht abgesprochen, wirkte unkoordiniert - oder soll vielleicht einfach nur Druck auf den de-facto-Koalitionspartner Grüne ausüben.

Ausrutscher und Glanzmoment

Ausrutscher: "Ich sag' es gern auch zehnmal", zischte Scholz eine Dame bei einer Wahlkampfveranstaltung an, die mehr über die Sparpläne wissen wollte und den Zeitrahmen zu sprengen drohte.

Glanzmoment: Die Nominierung des Handelskammer-Präses Frank Horch als Schatten-Wirtschaftssenator - die CDU wollte ihn auch, blitzte aber ab.

Zukunftsperspektive

Die absolute Mehrheit ist drin. Schaffen aber FDP und Linke den Einzug in die Bürgerschaft, wird Scholz koalieren müssen. Offiziell hat er sich auf Grün festgelegt, die FDP bietet ihm eine zweite Perspektive, auch wenn ein sozialliberales Bündnis als unwahrscheinlich gilt - die Liberalen sind in Hamburg heillos zerstritten, es würde allein schon an Spitzenpersonal mangeln.

Mit den Grünen gibt es aber reichlich Konfliktpotential: Die Knackpunkte Stadtbahn, Elbvertiefung und strikter Sparkurs könnten die Koalitionsverhandlungen zum zähen Ringen machen. Auch das Regieren wäre danach wahrscheinlich ein zähes Geschäft - auch wenn Scholz jetzt natürlich einen anderen Eindruck erweckt.

Der Comeback-Spezialist steht vor seinem bislang größten Coup. Mit dem Amt des Ersten Bürgermeisters in Hamburg könnte Scholz seine wechselvolle Karriere krönen. Einst wurde er als "Scholz-O-Mat" verspottet, weil er als SPD-Generalsekretär immer so viele phrasenhafte Sätze verlautbarte. Da schien er schon gescheitert. Doch dann arbeitete er sich als Arbeitsminister zurück in die erste Liga der SPD-Politiker. Als Erster Bürgermeister wird er diese Position festigen und ausbauen können.

SPIEGEL-ONLINE-Kopfnoten

Fleiß/Mitarbeit: Gut. Sein Konkurrent stand bei Wind und Wetter auf den Wochenmärkten, Scholz hatte es stets warm und lud die Wähler zur "Olaf Scholz im Gespräch"-Veranstaltungsreihe in die Gemeindezentren - das war aber sicher nicht minder anstrengend.

Betragen/Konfliktverhalten: Befriedigend. In Debatten war ihm sein zuweilen sprödes Image von Vorteil, so schuf er den Eindruck von Verlässlichkeit. Mit Verbalangriffen hielt er sich zurück. Manchmal argumentierte er etwas zu kompliziert; er wirkte zudem wie jemand, der sich selbst gern reden hört.

Politstar-Faktor: Ausreichend - und damit ziemlich ausbaufähig.

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