SPD sucht Parteivorsitzende Das Wimmelbild

Die SPD auf der Suche nach sich selbst: Beim ersten Treffen der Kandidaten für den Parteivorsitz geht es ordentlich durcheinander, ein Team ist bereits raus. Die Castings könnten die Partei beleben.
Die Kandidaten für den SPD-Parteivorsitz in Saarbrücken

Die Kandidaten für den SPD-Parteivorsitz in Saarbrücken

Foto: Ralph Orlowski / REUTERS

Gerade mal eine halbe Stunde läuft die Regionalkonferenz in Saarbrücken, da kommt es zur ersten großen Überraschung: Am Ende ihrer Vorstellung ziehen die beiden Oberbürgermeister Simone Lange und Alexander Ahrens ihre Kandidatur zurück. Sie wollen künftig ein anderes Duo beim Rennen um den Parteivorsitz unterstützen.

Da waren es nur noch 15. Natürlich sind das immer noch ganz schön viele Kandidaten für die Nachfolge von Andrea Nahles, sieben Teams und ein Einzelbewerber. Und natürlich verlief das Auftaktcasting auch ein wenig chaotisch. Es war schließlich eine Premiere. Und bei so vielen Menschen auf einer Bühne, die Vorsitzender einer 156 Jahre alten Partei werden wollen, ist ein Durcheinander wohl auch kaum zu verhindern. Dennoch hinterließ das Treffen in Saarbrücken vor allem einen Eindruck: In der SPD steckt noch Leben.

Zweieinhalb Stunden diskutierten die Genossen über Grundrente, Klimaschutz und Steuerpolitik. Mehr als 700 Besucher, sicher vor allem Sozialdemokraten, waren gekommen, deutlich mehr als vom saarländischen Landesverband erwartet. Die Stühle im Congress Centrum reichten nicht aus, auch die Gäste, die stehen mussten, blieben bis zum Ende.

Der Abend ähnelte einem Wimmelbild. Es war so viel los, dass man zeitweise nicht wusste, worauf man zuerst schauen sollte. Olaf Scholz wurde aus dem Publikum mangelnde Glaubwürdigkeit vorgeworfen - der Vizekanzler konterte und verteidigte sich als "echter, truly Sozialdemokrat". Das Team Christina Kampmann und Michael Roth umarmte sich gleich zweimal nach einer Antwort. Und das Duo Karl Lauterbach und Nina Scheer? Sicherte sich den Titel als entschlossenste Befürworter eines Ausstiegs aus der Großen Koalition.

Insgesamt fiel auf: Die Kandidaten gingen sehr fair miteinander um - und hielten sich an die Spielregeln. Fast ein wenig überrascht stellte der Moderator irgendwann fest, dass alle die Zeitvorgaben beachteten: fünf Minuten Redezeit beim Eingangsstatement, jeweils eine Minute bei den Antworten im zweiten und dritten Teil.

"Das geht alles von meiner Zeit ab"

Trotz der Castingsituation nahmen die Kandidaten sich und das Format nicht immer allzu ernst. Sie wolle "ihrem Boris nicht die Redezeit stehlen", sagte Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping, die mit Boris Pistorius antritt, dem niedersächsischen Innenminister. Und Gesine Schwan bat die Genossen darum, nur am Ende zu klatschen: "Das geht alles von meiner Zeit ab."

Die meisten Fragen aus dem Publikum gingen an das Duo Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken. Sie scheinen vor allem bei den Jusos viele Anhänger zu haben und haben ab sofort zudem die Unterstützung des abgesprungenen Duos Lange/Ahrens. Wie kein anderes Duo kämpften die beiden für Steuergerechtigkeit und mehr Demokratie, sagte Lange. Deshalb spiele man künftig im Team Esken/Walter-Borjans und bitte "alle, die uns bis heute gestärkt haben, dies auch zu tun". Ob der ehemalige nordrhein-westfälische Finanzminister und die Digitalexpertin damit aber automatisch in den Kreis der Favoriten aufsteigen, lässt sich derzeit noch nicht abschätzen.

Denn auch das häufig belächelte Duo Schwan/Stegner hatte gute Momente. Der Schleswig-Holsteiner Ralf Stegner zeigte, dass ihm solche Veranstaltungen liegen. Für seine Attacken auf CDU und CSU sowie Appelle an die innerparteiliche Solidarität bekam er viel Applaus.

Auch Lauterbach und Scheer konnten punkten - vor allem mit Attacken auf die Große Koalition. Der SPD fehle es nicht an Konzepten, sagte Lauterbach: "Wir wollen die Bürgerversicherung, die Erbschaftsteuer, eine Politik gegen den Klimawandel." Doch die Partei sei nun mal in eine Koalition gegangen, die nichts davon umsetze. Lauterbachs Fazit: "Ich glaube nicht, dass wir uns in der GroKo jemals erholen können."

Einzelbewerber tapfer, aber wohl chancenlos

Kein ganz einfacher Abend war es für die beiden Favoritenduos Klara Geywitz/Scholz und Köpping/Pistorius. Beide Teams traten zwar routiniert auf und bekamen soliden Applaus, Begeisterung lösten sie allerdings nicht aus.

Das galt auch für den einzigen Einzelbewerber, Karl-Heinz Brunner. Der bayerische Bundestagsabgeordnete schlug sich zwar tapfer. Doch wie gering seine Aussichten sein dürften, zeigte sich bei der offenen Fragerunde: Aus dem Publikum kam keine einzige Frage an Brunner.

Im Willy-Brandt-Haus, in der SPD-Zentrale, wird die erste Regionalkonferenz nun ausgewertet. Viel Zeit bleibt nicht. Schon am Freitag geht es weiter. Dann stellen sich die Kandidaten in Hannover vor.

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