SPD-Vize Schwesig im Interview "Frau Schröder lässt sich vorführen"

Kommt jetzt bald die Frauenquote? Am Montag trifft sich Familienministerin Schröder mit der Wirtschaft, die Opposition sieht darin eine "Schaufenster-Veranstaltung". Im Interview kritisiert SPD-Parteivize Schwesig die geplante freiwillige Regelung - und fordert ein strenges Gesetz.

SPIEGEL ONLINE: Familienministerin Schröder will auf einem Spitzentreffen am Montag führenden Dax-Konzernen abermals eine Frauenquote abringen. Holt sie nach, was die SPD in ihrer Regierungszeit versäumt hat?

Schwesig: Nein. Frau Schröder kämpft nicht für die Frauenquote, sondern lässt sich von den Dax-Unternehmen vorführen. Ihr Modell ist keine Quote, es ist ein zahnloser Tiger.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie darauf?

Schwesig: Wenn Unternehmen wie VW oder BASF ankündigen, den Frauenanteil in ihren Führungsetagen bis 2020 gerade mal auf elf beziehungsweise 15 Prozent erhöhen zu wollen, dann ist das ein schlechter Witz. Im Ergebnis wird es darauf hinauslaufen, dass die Europäische Union Deutschland eine verbindliche Quote aufzwingen wird. Das ist peinlich für die Bundesfamilienministerin und für die Bundesregierung.

SPIEGEL ONLINE: Was erwarten Sie von dem Spitzentreffen zwischen Schröder und den Konzernen?

Schwesig: Viel Lärm um Nichts. Das ist eine Schaufenster-Veranstaltung, die Frau Schröder sich da hat organisieren lassen.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin scheinen einige Unternehmen bereit, mit konkreten Zielvorgaben für mehr weibliches Personal in ihren Chefetagen zu sorgen. Ist das nicht ein schöner Erfolg der Bundesregierung?

Schwesig: Erfolg sieht anders aus. Frau Schröders butterweiche "Flexiquote" ist gescheitert, bevor sie startet. Selbst in den eigenen Reihen ist dieses Modell der freiwilligen Selbstverpflichtung umstritten - wenn schon die Frauenunion eine gesetzliche Regelung fordert, weiß man, wie rückständig die Pläne von Schröder sind. Die Koalition ist völlig uneins auch bei diesem Thema. Es zeichnet sich schon jetzt ab, dass die Zielvorgaben der meisten Unternehmen weit hinter dem Notwendigen zurückbleiben werden. Leidtragend sind nicht nur die Frauen, sondern die deutsche Wirtschaft insgesamt.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Schwesig: Noch nie gab es eine so gut ausgebildete Frauengeneration. Wir können es uns - auch angesichts des Fachkräftemangels - nicht länger leisten, auf diese hochqualifizierten Führungskräfte zu verzichten. Andere Wirtschaftsnationen haben das längst begriffen.

SPIEGEL ONLINE: Um den Druck zu erhöhen, plant Schröder Bußgelder für Quoten-Sünder. Es scheint Ihr offenbar ernst zu sein.

Schwesig: Im Gegenteil. Das zeigt erst recht: Die Konzerne führen Frau Schröder vor. Ein Bußgeld von 25.000 Euro ist lächerlich. Wir sprechen von milliardenschweren Konzernen. Es zeigt sich einmal mehr die Naivität der Familienministerin. Was wir brauchen, sind klare Gesetze.

SPIEGEL ONLINE: Warum soll eine gesetzliche Quote besser sein, als eine freiwillige Selbstverpflichtung der Unternehmen?

Schwesig: Die Zeit für freiwillige Selbstverpflichtungen ist vorbei, auf die wir zunächst auch gesetzt hatten. Seit der Vereinbarung zwischen Wirtschaft und Bundesregierung vor zehn Jahren hat sich nichts verändert. Ich bin nicht bereit, weitere zehn Jahre zu verschwenden. Wir brauchen eine verbindliche gesetzliche Quote für Aufsichtsräte und Vorstände der großen Unternehmen von mindestens 40 Prozent. Denn es ist nachgewiesen, dass gemischte Führungsteams erfolgreicher sind als rein männliche. Wenn in Unternehmen viele Frauen arbeiten, müssen sie auch an der Spitze sichtbar sein.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie Frauen verstehen, die ungern über das Quotenticket statt allein über ihre Qualifikation in Führungspositionen rutschen würden?

Schwesig: Nein, wir sollten selbstbewusst mit der Quote umgehen. Niemand soll etwas geschenkt bekommen - ausschlaggebend ist immer und vor allem die Qualifikation für den Job. Doch bei gleicher Qualifikation sollen endlich auch einmal die Frauen eine Chance in den Führungsetagen erhalten.

SPIEGEL ONLINE: Die Familienministerin will auch das von der Koalition geplante Betreuungsgeld für Eltern, die für ihre Kinder keine Krippe in Anspruch nehmen, halbieren. Hat Frau Schröder dafür Ihre Zustimmung?

Schwesig: Nein. Denn jede Form dieser Fernhalteprämie geht an den Bedürfnissen der Kinder vorbei. Wir sollten die dafür veranschlagten zwei Milliarden Euro lieber in gute Bildungs- und Betreuungsangebote investieren.

SPIEGEL ONLINE: Kinder sollten aus Ihrer Sicht also möglichst wenig Zeit mit Ihren Eltern verbringen?

Schwesig: Das ist Unsinn. Kinder brauchen Zeit mit ihren Eltern, sie sind die wichtigsten Bezugspersonen. Sie brauchen aber auch das Lernen und Spielen mit anderen Kindern von früh an. Das eine schließt doch das andere überhaupt nicht aus. Es muss endlich Schluss sein mit dem Vorwurf der Rabenmutter. Kitas sind wichtige Bildungsstätten. Eltern dafür zu bezahlen, dass sie ihre Kinder davon fernhalten oder gar abmelden, ist der absolut falsche Weg.

Das Interview führte Veit Medick
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.