SPD-Vorsitz Beifall für Platzeck - selbst aus der Union

Das gibt es selten im oft giftigen politischen Geschäft: Die Nominierung von Matthias Platzeck zum neuen SPD-Chef ist über die Parteigrenzen begrüßt worden. Der brandenburgische Ministerpräsident sei gut für die Große Koalition, hieß es aus der Union.


Berlin - Als Ministerpräsident einer Großen Koalition in Brandenburg kenne Platzeck die Probleme und könne so ein stabilisierender Faktor für das Bündnis in Berlin sein, sagte der CDU-Politiker Wolfgang Böhmer, der selbst Regierungschef in Sachsen-Anhalt ist.

Platzeck: Erleichterung in der SPD
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Platzeck: Erleichterung in der SPD

Bei der letzten Wahl habe Platzeck außerdem gezeigt, dass er seine Haltung auch in einer schwierigen Lage mehrheitsfähig machen könne, sagte Böhmer. "Ich denke, dass das keine schlechte Lösung für die SPD sein wird. Er ist ein junger und dynamischer Politiker, der in Brandenburg Erfolg hat."

Ähnlich äußerte sich auch Jörg Schonbohm. Mit Platzeck sei kein Linksruck in der SPD zu befürchten, sagte Brandenburgs CDU-Chef und Innenminister im RBB.

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Erleichtert wurde die Entscheidung für Platzeck auch von vielen SPD-Politikern aufgenommen. "Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir die Chance, die in der Krise steckt (...), wirklich nutzen zu einer sichtbaren und tatkräftigen Verjüngung", sagte Parteivize Wolfgang Thierse im Deutschlandradio. Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Gernot Erler sagte im Südwestrundfunk, durch die sehr schnelle Entscheidung werde "ein politisches Erdbeben zu einer Schrecksekunde".

Bundeskanzler Gerhard Schröder begrüßte die geplante Nominierung. "Das ist eine gute Entscheidung", sagte Schröder der "Sächsischen Zeitung". Inhaltlich und personell sei Platzecks Kandidatur zukunftsweisend. "Ich bedauere den Rückzug von Franz Müntefering vom Amt des Parteivorsitzenden. Gleichwohl, es ist gut, dass eine schnelle Entscheidung getroffen worden ist", sagte Schröder. "Matthias Platzeck kann sich auf meine Unterstützung verlassen."

Platzeck betreibe einen "erfrischend anderen Politikstil", sei offen und könne hervorragend integrieren, sagte lobte auch die SPD-Vize-Vorsitzende Ute Vogt im NDR. Bayerns SPD-Chef Ludwig Stiegler sprach im Bayerischen Rundfunk von "einer guten Wahl". SPD-Vorstandsmitglied Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) sagte der ARD, es sei ein "hervorragender Vorschlag, mit Matthias Platzeck als Parteivorsitzendem auch eine längerfristige Perspektive zu schaffen und dazu beizutragen, dass es einen Generationswechsel an der Spitze gibt".

Kritisch äußerte sich dagegen der langjährige Bundesgeschäftsführers Egon Bahr. In einem mit Interview der "Berliner Zeitung" rief er die SPD auf, sich auf dem Parteitag in zwei Wochen in Karlsruhe auf die Koalitionsvereinbarung mit der Union zu konzentrierten und noch keinen neuen Parteivorsitzenden zu wählen. "Die SPD ist zuerst dem Land verpflichtet und nicht sich selbst gegenüber", sagte Bahr, der ein enger Vertrauter Willy Brandts war.

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