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11. September 2019, 15:08 Uhr

SPD-Kandidatenrennen

Der doppelte Scholz

Aus Nieder-Olm berichtet

Ein Viertel der SPD-Castingtour ist gelaufen, Zeit für eine Zwischenbilanz: Wie versuchen die Kandidaten, die Basis von sich zu überzeugen? Und warum tut Vizekanzler Olaf Scholz sich so schwer?

Sechs Regionalkonferenzen in einer Woche. Wer an die Spitze der SPD will, muss ordentlich Kilometer machen. Bis Mitte Oktober stehen noch 17 Termine an: Erfurt, Filderstadt, Oldenburg, Duisburg, München und so fort - fast jede Ecke des Landes wird besucht.

Das SPD-Kandidatenrennen läuft. Und es kostet Kraft. Klara Geywitz nennt es den "Ironman der SPD", in Anlehnung an den berüchtigten Triathlon auf Hawaii. Wer das durchstehe, sei auf alles vorbereitet, sagt Geywitz, die zusammen mit Olaf Scholz kandidiert.

Zu ihrem sechsten Auftritt haben sich die Kandidaten in Nieder-Olm versammelt, einer Kleinstadt südlich von Mainz. Die Castingroutine wird an diesem Dienstagabend kurz durchbrochen: Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, hat am Vormittag ihre Krebserkrankung öffentlich gemacht und ihren Rückzug von der kommissarischen Parteispitze erklärt.

Die SPD sei mit dem Herzen und den Gedanken bei Schwesig, sagt Gastgeberin Malu Dreyer zum Auftakt. Die rheinland-pfälzische Regierungschefin wird die Partei in den kommenden Wochen zunächst mit Thorsten Schäfer-Gümbel kommissarisch führen, ab dem 1. Oktober allein - bis eine neue Spitze gefunden ist.

Zwei Bewerber fehlen in Nieder-Olm. Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius muss im Landtag in Hannover sprechen, auch der Einzelbewerber Karl-Heinz Brunner hat sich entschuldigen lassen. Bleiben immer noch 13 Kandidaten.

Das Bewerberfeld ist groß, dennoch funktioniert das Format, auch in der Partei kommt es gut an. Zweieinhalb Stunden diskutieren die Genossen über Bildungs- und Steuerpolitik, Klimaschutz und Große Koalition. Es gibt so viele Fragen an die Kandidaten, dass der Moderator einige Teilnehmer enttäuschen muss. Das größte Interesse gilt drei Teams: Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans, Christina Kampmann und Michael Roth sowie Klara Geywitz und Olaf Scholz.

Das Format kommt Scholz nicht entgegen

Der Finanzminister und Vizekanzler ist spät ins Rennen um den Parteivorsitz eingestiegen. Nun zählt er zu den Favoriten, allein schon, weil ihm seine Ämter Gewicht verleihen.

Zwar rechnet kaum jemand damit, dass Scholz gleich in der ersten Mitgliederbefragung gewählt wird. Dafür müsste er mehr als 50 Prozent der Stimmen bekommen. Aber zumindest in der Stichwahl sehen ihn selbst jene Genossen sicher, die nicht zu seinen Anhängern zählen.

Einfach wird es allerdings nicht, das haben die ersten Basistreffen gezeigt. Das Format mit den einminütigen Redebeiträgen kommt Scholz nicht entgegen. Wohlwollend formuliert: Er braucht Zeit, um seine Gedanken zu entwickeln. Der knallige Slogan, die leidenschaftliche Pose, das liegt dem 61-Jährigen nicht, der von seinen innerparteilichen Gegnern als "Scholzomat" und "Mann von der Hamburg-Mannheimer" verspottet wird.

Dazu kommt: Scholz steht für die alte SPD, für die Dauerkrise, für die GroKo. Seit 2005 haben die Sozialdemokraten zehn Jahre zusammen mit CDU und CSU regiert. "Junge Menschen kennen uns nur noch als Juniorpartner der Union", sagt die Bundestagsabgeordnete Saskia Esken. "Das müssen wir ändern." Am deutlichsten sprechen sich Nina Scheer und Karl Lauterbach dafür aus, die Koalition zu verlassen - und sie bekommen dafür regelmäßig viel Applaus bei den Regionalkonferenzen.

Scholz versucht es mit einer Doppelstrategie. Zum einen gibt er sich so links, so sozialdemokratisch, wie man es in den vergangenen Jahren selten von ihm gehört hat. Er verspricht die Finanztransaktionssteuer, warnt vor der Spaltung der Gesellschaft und will den Sozialstaat stärken, um die Rechtspopulisten zu bekämpfen.

Auf der anderen Seite will Scholz betonen, dass es sich lohne zu regieren. Er verweist auf seine Zeit als Erster Bürgermeister in Hamburg und sagt, es reiche nicht, Probleme nur anzusprechen. Etwa in der Bildungspolitik. Darüber werde zu viel in Talkshows geredet - ohne dass etwas davon umgesetzt werde. "Es geht nicht um Schlager, sondern um junge Leute", sagt Scholz.

Er habe in Hamburg versucht, den gleichen Weg wie die rheinland-pfälzische Landesregierung zu gehen: gebührenfreie Kitas, Ganztagsbetreuung in Schulen, Jugendberufsagenturen, Abschaffung der Studiengebühren. Das alles könnten Sozialdemokraten tun - wenn sie denn regieren.

Viel Zustimmung für GroKo-Gegner

Scholz bemüht sich also, die sozialdemokratische Seele zu streicheln - und zugleich die Vorteile pragmatischen Regierungshandelns zu betonen. Kann das funktionieren?

Die Gegner der Großen Koalition erhalten auf der SPD-Tour große Zustimmung. Weil mit der Union viele sozialdemokratische Ideen nicht umsetzbar seien, müsse man raus, sagen Lauterbach und Scheer. Auch Hilde Mattheis und Dierk Hirschel sind klare GroKo-Gegner. Weniger plakativ, aber doch vernehmbar äußern Ralf Stegner und Gesine Schwan sowie Esken und Walter-Borjans ihre Zweifel am Bündnis mit der Union.

Scholz' Chance könnte sein, dass die Teams der Parteilinken sich gegenseitig die Stimmen wegnehmen. Derzeit wird nicht erwartet, dass noch ein Duo zurückzieht. Wer die Partei künftig führt, darüber entscheiden am Ende rund 420.000 Mitglieder. Und die haben noch einen Monat Zeit, sich zu entscheiden. Am 14. Oktober beginnt die Abstimmung.

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