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14. Juli 2009, 06:41 Uhr

SPD-Vorwahlkampf

Mit der RTL-Nanny gegen Übermutter Ursula

Von Franziska Gerhardt

Die SPD liegt in den Umfragen weit zurück und wagt nun ein Experiment: Sie präsentiert mit RTL-Fernsehstar Katharina Saalfrank eine prominente Unterstützerin. Reicht das, um gegen die Familienkompetenz Ursula von der Leyens anzukommen? Ein Besuch beim Auftritt der umstrittenen "Supernanny".

Berlin - Als die Lichter ausgehen, ist es fast wie in der ganz großen Politik, wie im heißen Wahlkampf. Auf dem Podium sitzt der Star, Kameras surren, die Scheinwerfer gehen an. "Dit ist ja ein richtiger Medienrummel", freut sich ein Teenager mit Vokuhila-Frisur. Vor der Bühne zappeln ein paar Kinder. Normalerweise geht es sehr viel ruhiger zu im Bürgerhaus Altglienicke im Südosten Berlins; ein Kirchenladen, eine Bücherei, mittwochs trifft sich eine HipHop-Gruppe.

Doch jetzt unternimmt die SPD hier ein Experiment: Es soll Ruhm übertragen und Kompetenz suggeriert werden. Es geht darum, die Beliebtheit eines TV-Stars für eine Partei zu nutzen, die am Boden liegt.

Deshalb hat die SPD sich Katharina Saalfrank eingeladen. Die CDU kann mit Supermutter und Familienministerin Ursula von der Leyen punkten. Die SPD mit der Supernanny von RTL - wenigstens an diesem Abend.

Dass Saalfrank eine Expertin ist in Familiendingen, das lässt sich nicht bestreiten. Die Diplompädagogin hat in Kindergärten und in der Kinder- und Jugendpsychotherapie gearbeitet. Seit fünf Jahren berät sie in ihrer Reality-Doku-Serie Eltern und Kinder. Saalfrank geht zu Familien, in denen der Vater den ganzen Tag trinkt, in denen Kinder geprügelt werden, in denen es keinerlei feste Strukturen gibt. Sie gibt ihnen Halt. Kann die Supernanny einer Partei Halt geben?

Im Einsatz für die SPD

Das eher politische Format ist noch neu für sie. Auch wenn sie bereits am Vormittag für die SPD im Einsatz war - ein Kita-Besuch mit dem brandenburgischen Bildungsstaatssekretär. Und auch Familienministerin von der Leyen kennt sie bereits von einem gemeinsamen Auftritt in der "Bild"-Zeitung. Dort erklärte sie, dass Schläge in der Erziehung nichts zu suchen haben.

Jetzt ist sie hier, die Supernanny - eine SPD-Mini-Medienoffensive im Sommerloch.

SPD-Wahlkampfchef Kajo Wasserhövel eröffnet den Abend. Er stellt Saalfrank vor, dann Michael Müller, den Fraktions- und Landesvorsitzenden der Berliner SPD. Wasserhövel ist SPD-Direktkandidat des Bezirks Treptow-Köpenick, zu dem auch Alt-Glienicke gehört.

Ein kurzer Film wird gezeigt - richtig aktuell ist er nicht, das ist an den Achtziger-Jahre-Brillen zu erkennen und daran, dass noch über D-Mark-Beträge gesprochen wird. Es geht um Strafe in der Erziehung, darum, dass nicht nur Schläge Gewalt sind. Auch dem Kind die kalte Schulter zu zeigen, es zu ignorieren, sei eine Demütigung. Immer noch bekämen 80 Prozent der Kinder Ohrfeigen von ihren Eltern.

Wasserhövel sagt: "Das hier ist nicht die übliche Fachtagung - wir gehen in die Realität rein." Und das sieht dann so aus: Saalfrank, selbst Mutter von vier Kindern, spricht lange über ihre Arbeit. Sie erklärt, warum Eltern mit ihren Kindern überfordert sind, wie es dazu kommt, dass Konflikte nur noch durch Gewalt gelöst werden. "Eltern haben immer den Anspruch, dass Kinder funktionieren müssen", sagt sie. Und Sätze wie: "Man muss Krisen auch annehmen können." Und: "Beziehung kostet Kraft."

Im Publikum schreien ein paar Kinder "Nanny!", eine Diskussion kommt nicht in Gang.

"Weinen dürfen wir!"

In ihrer TV-Sendung tritt die Nanny meist ruhig und kompetent auf. Als Familiencoach erklärt sie, dass auch Männer weinen dürfen und vermittelt Abhängigen Kontakt zu Therapeuten. Über alles zu reden, nichts zu tabuisieren - das sind meist die ersten Schritte. Nichts Ungewöhnliches für eine Familienberaterin.

Trotzdem hat es in der SPD bereits Kritik an Saalfrank gegeben, nicht alle finden die Nanny so super. Familienexpertin Marlene Rupprecht hatte SPD-Generalsekretär Hubertus Heil zu einer Erklärung aufgefordert, warum die Pädagogin im Wahlkampf eingesetzt werde. Rupprecht wirft der RTL-Sendung vor, Kinder bloßzustellen und für die Einschaltquote zu benutzen. Auch Ex-Familienministerin Renate Schmidt hatte das TV-Format schon kritisiert: Es verletze die Würde von Kindern.

Der Veranstaltung noch etwas Politisches zu geben und gleichzeitig mit der Supernanny zu verbinden, das versucht Wasserhövel, indem er fragt: "Und was kann die Politik leisten?" Der Berliner SPD-Chef Müller sagt: "Die Politik kann Strukturen schaffen." Er redet über Kitas, über Kinder, die dort zu Mittag essen. Dann sagt er noch, dass er selbst Vater ist.

Noch ein paar Fragen an Saalfrank, dann ist der Abend vorbei. Die vereinzelten Gegendemonstranten aus den Reihen der CDU sind schon wieder weg.

Die Lichter im Saal gehen wieder an. Zeit für Autogramme, Zeit für die Fans - ein paar Kinder und viele Mütter stellen sich an.

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