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17. März 2011, 15:57 Uhr

SPD-Wahlkampf im Ländle

Schröder kritisiert schwarz-gelben Atomschwenk

Von , Stuttgart

Der Altkanzler auf Besuch im Ländle: Mit einem launigen Auftritt im Stuttgarter Porsche-Museum hilft Gerhard Schröder den wahlkämpfenden Südwest-Genossen. Schwarz-Gelb bekommt sein Fett weg - doch siehe da: Seine eigene Bilanz hält er auch nur für durchwachsen.

Am Ende gibt es ein schmuckes Modell. Porsche 917, 20 Zentimeter groß, mit roter Schleife drum. "Für deine Kinder", sagt Nils Schmid. "Naja, da hat wieder nur der Bengel was davon", sagt Gerhard Schröder. Der männliche Teil des Publikums klopft sich auf die Schenkel.

Der Altkanzler ist ins baden-württembergische Zuffenhausen gekommen, ins "Museum" des edelsten deutschen Autobauers. Die SPD hat geladen, 300 Zuhörer haben sich versammelt, Schröder soll im Wahlkampfendspurt helfen und Schmid, dem Spitzenkandidaten, ein wenig von seinem Glanz leihen. Der kann das gebrauchen.

Es ist ein Auftritt zur rechten Zeit. CDU-Ministerpräsident Stefan Mappus taumelt durch den Atomstreit, und plötzlich glauben die Sozialdemokraten im Ländle daran, am 27. März die Staatskanzlei zu gewinnen. Erstmals nach 57 Jahren. Oder, wie Schmid vorrechnet, "nach 20.979 Tagen". Knapp viermal Helmut Kohl. Das ist schon was.

Dass Gerhard Schröder kommt, ist ein kleiner Coup des erst 37-jährigen Spitzenkandidaten. Der Niedersachse macht sich rar, seit er nicht mehr im Amt ist, jedenfalls jenseits russischer Grenzen. "Ich hab Wahlkampf ja fast verlernt", witzelt Schröder. "Aber ich kann's ja wieder lernen." Jetzt lachen auch mal die Damen.

Ex-Autokanzler Schröder bei Porsche, das passt

Der Ort ist mit Bedacht gewählt. Porsche ist nicht irgendein Unternehmen. Es ist das Symbol für das industrielle Rückgrat Baden-Württembergs: Die Autoindustrie. Will man als Sozialdemokrat was werden, muss man sich gut stellen mit dieser Branche. Und wer könnte das besser als Schröder, der ehemalige Autokanzler.

Wie er sich denn als Niedersache und VW-Fan im Porsche-Land so fühle, wird Schröder gefragt. "Ihr habt schon ein dolles Unternehmen hier", sagt er in die Runde. Die Zuhörer fühlen sich geschmeichelt. "Aber uns Niedersachsen gehört das ja jetzt." Die Zuhörer fühlen sich nicht mehr so geschmeichelt. Schröder grinst. "Keine Sorge, wir kriegen das schon gut gemeinsam hin." Da ist auch Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück wieder beruhigt. "War ja schließlich eine Verschmelzung", ruft Hück aufs Podium. "Ja, klar", sagt Schröder.

Es ist ein kurzweiliger Auftritt, wenn auch kein klassischer Wahlkampftermin. Natürlich nutzt Schröder ihn auch, um ein paar grundsätzliche Dinge zu sagen. Zur SPD zum Beispiel. Die findet er gerade gar nicht so unattraktiv. Seit dem Hamburg-Sieg vor zwei Wochen kümmern sich die Genossen wieder ein wenig mehr um Wirtschaftspolitik, und bei der Entwicklung will er nicht fehlen. Auch die Südwest-SPD mit Schmid an der Spitze gibt sich pragmatisch. Deshalb sein Besuch. "Die SPD braucht neben ihrer ursprünglichen sozialpolitischen Kompetenz auch wirtschaftspolitische Kompetenz", sagt Schröder. "Nils ist einer, der das erkannt hat." Der Angesprochene rutscht etwas unruhig auf seinem Sitz herum.

Eigenlob in epischer Breite

Dann der Themenwechsel zu Europa, zur Finanzkrise, zur "wirklichen Tragödie" in Japan und dem daraus entstandenen innenpolitischen Atomstreit. Schröder gibt sich auffallend moderat, doch er rüffelt die Bundesregierung für ihren überraschenden Schwenk, was die AKW-Laufzeiten angeht. Glaubwürdig sei das nicht gerade. Er sei erstaunt über die "Fähigkeit zur Wandlung" der Bundesregierung. " Die Frage ist: Können wir ihr unterstellen, dass sie es jetzt ernst meint?" Es sei kein Frevel, dies im Wahlkampf zu erörtern.

Er "hoffe", dass die Koalition angesichts der Debatte nun endgültig zum rot-grünen Atomkonsens zurückkehre, sagt er.

Sich selbst lobt er natürlich in aller Ausführlichkeit. Oder besser: Die Politik in seiner Amtszeit. Er hält sie für ziemlich großartig, vor allem natürlich den rot-grünen Atomausstieg. Dass er schon als Kanzler die Fühler Richtung Russland ausgestreckt habe, hält er für wenig verwerflich. Wenn man energiepolitisch unabhängiger werden wolle, könne man an diesem Land nicht vorbei. Dort lagerten eben wichtige fossile Brennstoffe. "Die kann man sich ja nicht backen."

Von dieser Weitsicht seien Politik und Unternehmen heute leider ein Stück entfernt, sagt er. "Das strategische Denken ist - diplomatisch gesagt, wie das jetzt so meine Art ist - unterentwickelt." Vor allem von Politikern wünsche er sich, dass sie auch mal Fehler eingestehen könnten. "Man muss nicht Angst haben vor Politikern, die Fehler machen, sondern vor Politikern, die den Eindruck erwecken, sie würden nie welche machen." Er lächelt. Er findet, dass ihm dieser Satz ziemlich gelungen ist.

Und dazu ein ordentliches Maß Selbstkritik

Wäre hier Schluss gewesen, wäre es ein ziemlich eitler Auftritt geworden. Aber Schröder kriegt tatsächlich noch die Kurve. Er selbst habe auch Fehler gemacht, sogar bei der Agenda 2010, jenem Reformprojekt, das so sehr mit seinem Namen verbunden ist. "Ich habe immer die Ansicht vertreten, dass das Menschenwerk war", sagt er. "Ich bin ja nicht Moses, das ist ja erkennbar." Den Arbeitsmarkt habe man wohl ein bisschen zu sehr flexibilisiert, jedenfalls sei der Missbrauch der Leiharbeit "nicht im Sinne des Erfinders" gewesen.

Auch in der Europapolitik hätte die Bilanz seiner Regierung besser ausfallen können, gestand er ein. "Wir haben es nicht geschafft, der gemeinsamen Währung auch ein gemeinsames Dach zu geben." Sein vielleicht größter Fehler sei aber gewesen, die Mitsprache des Bundes in der Bildungspolitik zu beschränken. "Ich hatte das immer skeptisch gesehen, mein damaliger Staatssekretär und heutiger Fraktionsvorsitzender auch", sagt er. "Aber wir konnten uns gegen den damaligen Parteichef Franz M. nicht durchsetzen." Die Genossen kichern, sie wissen, wer gemeint ist.

Schröder muss jetzt weg. Aber er kann nicht. Seine Fans wollen noch ein paar Fotos mit ihm. "Kann ich auch noch eins haben?", ruft ein junger Genosse. Er sieht lustig aus, hat einen braunen Bart und ist vor allem ziemlich groß. "Hat mal jemand einen Hocker, damit ich mithalten kann", scherzt Schröder, schiebt aber rasch hinterher: "Ach, quatsch, brauchste nicht holen. Geht auch so."

Knips. Das war's.

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