Simone Lange vs. Andrea Nahles "Ich würde mich freuen, wenn sich noch andere trauen"

Simone Lange will SPD-Chefin werden - und fordert damit Andrea Nahles heraus. Die Flensburger Oberbürgermeisterin erklärt, warum sie antritt und wie sich die SPD erneuern soll.
SPD-Politikerin Simone Lange

SPD-Politikerin Simone Lange

Foto: Michael Staudt/ dpa

SPIEGEL ONLINE: Andrea Nahles soll nach dem Willen der SPD-Führung Parteichefin werden, zunächst kommissarisch, später soll sie ein Parteitag bestätigen. Warum kandieren Sie jetzt auch für den Posten?

Simone Lange: Mir geht es um eine Haltung: Ich finde es falsch, dass die Basis über den Koalitionsvertrag abstimmt, aber nicht über das höchste Amt der Partei. Ich fordere also einen Mitgliederentscheid - und dafür muss es eine innerparteiliche Auswahl geben.

SPIEGEL ONLINE: Was können Sie, was Andrea Nahles nicht kann?

Lange: Ich stehe für eine offene, transparente Politik, die die Basis einbezieht. Und ich stehe für Teamgeist. Ständig wird die Geschlossenheit der SPD angemahnt, das soll disziplinierend wirken. In Wahrheit wird damit nur Druck ausgeübt. Ich glaube nicht, dass das wirklich zur notwendigen Befriedung der Partei führt, die kann nur aus einem Team heraus eingeleitet werden.

Zur Person
Foto: Carsten Rehder/ dpa

Die SPD-Politikerin Simone Lange, geboren 1976 in Thüringen, ist seit Anfang 2017 Flensburgs Oberbürgermeisterin. Sie gewann das Rennen um das Amt als gemeinsame Kandidatin von SPD, CDU und Grünen gegen den Amtsinhaber vom Südschleswigschen Wählerverband. Von 2012 bis 2016 war Lange SPD-Landtagsabgeordnete in Kiel. Davor war sie 13 Jahre Kriminalbeamtin in Flensburg. Die 41-Jährige trat 2003 in die SPD ein.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst aber bringen nun neue Unruhe in die Partei, indem Sie gegen Nahles antreten.

Lange: Diese Annahme ist doch schon Teil des Problems: Warum wird jede Kandidatur als Kampfkandidatur begriffen? Ich will ein zusätzliches Angebot machen und kann mir auch gut vorstellen, damit nicht alleine zu bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen andere animieren, sich ebenfalls zu bewerben?

Lange: Ich würde mich freuen, wenn sich noch andere trauen, für den Parteivorsitz zu kandidieren. Je größer die Auswahl, desto besser für die SPD und deren Mitglieder.

SPIEGEL ONLINE: Wie muss sich die SPD inhaltlich aufstellen, um als Volkspartei bestehen zu können - oder überhaupt wieder eine zu werden?

Lange: Wir müssen das Thema Umverteilung inhaltlich ausgestalten. Höhere Steuern sind dabei nur ein Aspekt. Wir brauchen den Mut zu neuen Ansätzen. In Flensburg haben wir mit den Bürgern eine Debatte über das bedingungslose Grundeinkommen geführt. Ob das des Rätsels Lösung ist, weiß ich auch noch nicht, aber die Menschen wollen darüber reden. Sie sind auf der Suche nach einem wirksamen Instrument, das der Spaltung zwischen Arm und Reich entgegenwirkt. Mir ist wichtig, diese Debatte nicht vorwegzunehmen, sondern gemeinsam mit den Bürgern Ideen zu entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach einer Partei ohne klare Führung.

Lange: Führung heißt nicht, den Menschen zu sagen, was richtig und was falsch ist. Man kann auch Prozesse führen und lenken. Entscheidend für die Partei sind die Strukturen: Wie können wir die Basis so einbinden, dass deren Beschlüsse verbindlich bis in oberste Gremien gelangen?

SPIEGEL ONLINE: Kann sich die SPD in einer Großen Koalition erneuern?

Lange: Ich werde nicht verraten, ob ich für oder gegen die Große Koalition bin. Ich halte die Mitglieder für mündig, selbst zu entscheiden. Entscheidend ist, dass die Parteiführung das Votum am Ende anerkennt und mitträgt.

SPIEGEL ONLINE: In dieser Logik müssten Sie die No-GroKo Kampagne der Jusos kritisch sehen.

Lange: Ich finde es in Ordnung, dass Kevin Kühnert für seine Position wirbt. Aber ich, die ich als Parteichefin kandidiere, möchte mich in dieser Frage zurückhalten.

SPIEGEL ONLINE: War es ein Fehler, dass Martin Schulz entgegen früherer Beteuerungen doch ins Kabinett eintreten wollte?

Lange: Es wäre gut gewesen, wenn die Partei erst über den Koalitionsvertrag abgestimmt hätte und erst danach die ganze Personalfrage diskutiert worden wäre.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es den Menschen vermittelbar, dass der nach außen beliebte Sigmar Gabriel künftig keine herausgehobene Rolle mehr spielt?

Lange: Gabriel wird aufgrund seiner Persönlichkeit immer eine Rolle in der SPD spielen. Wir brauchen seine Erfahrung.