Podcast "Stimmenfang" So läuft die Chefsuche bei der SPD

Im neuen Podcast erklärt Christian Teevs, warum die SPD das Rennen um den Parteivorsitz bitter nötig hat und was ihn bei den ersten Regionalkonferenzen überrascht hat.


Stimmenfang #112 - SPD auf Casting-Tour: Erste Tendenzen, erste Überraschungen

Die SPD ist auf Deutschland-Tour. 15 Bewerber wollen den Parteivorsitz übernehmen. Dafür müssen sie sich auf über 20 Regionalkonferenzen den Mitgliedern stellen. Was haben wir aus der ersten Woche Regionalkonferenzen gelernt? Welche Kandidaten überzeugen in dem ungewohnten Format? Und wie groß ist der Einfluss dieser lokalen Castings tatsächlich?

Für die neue Episode von Stimmenfang haben wir mit unserem Kollegen und SPD-Experten Christian Teevs geredet. Er erklärt, warum sich die SPD überhaupt für dieses aufwendige und langfristige Bewerbungsverfahren entschieden hat, welche Kandidaten ihn überrascht haben und weshalb das Rennen um den Vorsitz nicht entscheidend für die Zukunft der Großen Koalition ist.

Der Podcast als Text zum Lesen
Sie wollen lesen, was im Podcast gesagt wird? Dann sind Sie hier richtig.
Das vollständige Transkript

[00:00:02] Matthias Kirsch Willkommen zu Stimmenfang, dem Politik-Podcast von SPIEGEL ONLINE. Ich bin Matthias Kirsch.

[00:00:10] Olaf Scholz (SPD) Ja, liebe Genossinnen und Genossen, das ist eine tolle Sache für den Parteivorsitz der SPD zu kandidieren, es ist eine tolle Partei, die vieles geleistet hat.

[00:00:16] Nina Scheer (SPD) Ja, liebe Genossinnen und Genossen, ich trete mit Karl an für den Parteivorsitz.

[00:00:21] Karl-Heinz Brunner (SPD) Warum will ich als Vorsitzender kandidieren? Weil ich glaube, dass…

[00:00:24] Christina Kampmann (SPD) Moin Bremen, wir sind Christina und Michael und manche sagen das klingt für sie wie ein Schlagerduo.

[00:00:30] Matthias Kirsch Die SPD ist auf großer Deutschland-Tour. Seit letzter Woche stellen sich die Kandidaten für den Parteivorsitz auf Regionalkonferenzen vor. Und es gab schon die ersten Überraschungen. Zum Beispiel, dass gleich bei der allerersten Konferenz eines der Bewerberduos ausgeschieden ist.

[00:00:45] Bevor wir aber in dieses Thema einsteigen, wollen wir in unseren neuen Newscast vorstellen, SPIEGEL Update. Ab sofort können Sie dreimal täglich hören, was wichtig ist - morgens um 6 Uhr, mittags um 12 Uhr und abends um 18 Uhr. Am Wochenende gibt es samstags einen Rückblick und sonntags eine Vorschau auf die Themen der neuen Woche. Sie können SPIEGEL Update ab sofort in Ihrer Podcast-App abonnieren oder auch direkt auf SPIEGEL.de hören. Außerdem können Sie unsere Nachrichten auf Smart Speakern wie Amazon Alexa oder Google Assistant hören. Sagen Sie einfach: "Alexa, spiele die Nachrichten vom SPIEGEL" oder "Okay Google, spiele die Nachrichten vom SPIEGEL".

[00:01:28] Christian Teevs Ich bin jetzt hier in Nieder-Olm, in der Ludwig-Eckes-Festhalle. Es ist die sechste Regionalkonferenz von 23, denen sich die Kandidaten für den SPD-Vorsitz vorstellen.

[00:01:41] Matthias Kirsch Das ist mein Kollege Christian Teevs. Er schreibt für den SPIEGEL über die SPD und hat mir seine Eindrücke von den Regionalkonferenzen in den letzten Tagen immer per Sprachnachrichten geschickt. Jetzt ist Christian aber zurück in Berlin und sitzt bei mir im Studio. Mit ihm rede ich heute über seine ersten Erkenntnisse, über das Bewerbungsverfahren als solches und über die Kandidaten für den SPD-Vorsitz. Hallo Christian.

[00:02:05] Christian Teevs Hallo.

[00:02:06] Matthias Kirsch Letzte Woche hat die Casting-Tour also begonnen, in Saarbrücken, und da hat es dann so geklungen:

[00:02:14] Moderator Regionalkonferenz Klaus Tavor (SPD) Wow, welch ein Bild! Voll besetzt bis in die hinterste Ecke und überall Kameraleute, Fotografen. Kein Wunder, denn die SPD feiert heute Premiere!

[00:02:27] Matthias Kirsch Also, das Bild was hier beschrieben wird - viele Menschen, volle Räume, viel Presse. Für mich klang das ein bisschen, als sei die SPD über den Andrang überrascht. Wie siehst du das?

[00:02:36] Christian Teevs Ja, einerseits schon. Sie hatten es vorher auch sehr runtergespielt und nur gesagt, sie rechnen irgendwie mit 300 Leuten in Saarbrücken. Dann waren es tatsächlich über 700. Und auch der Presse-Andrang war natürlich groß. Andererseits war mir auch persönlich klar, dass es am Anfang schon eine sehr große Nachfrage danach geben wird, weil es einfach etwas Neues ist, weil die Leute nicht wissen, was da kommt. Das wird sich jetzt bei 23 Regionalkonferenzen auch sehr schnell geben und das Interesse wird da relativ schnell nachlassen.

[00:03:06] Matthias Kirsch Was hast du denn bei diesen ersten Regionalkonferenzen für dich mitgenommen, ohne zu viel vorweg zu greifen? Was waren deine ersten Gedanken nach dieser ersten Woche?

[00:03:15] Christian Teevs Zunächst hat mich überrascht, dass es doch funktioniert dieses Verfahren. Also diese Art und Weise dieser Castingshow, in der ja am Anfang 17 Teilnehmer - mittlerweile noch 15 -, jeder einzelne Bewerber eigentlich nur sehr wenig Zeit hat. Und ich mir vorher das schwer vorstellen konnte wie das funktionieren soll, wie sozusagen das durchgepeitscht wird in zweieinhalb Stunden. Das war dann tatsächlich so in Saarbrücken, dass es überraschend viel inhaltlichen Streit gab und man sich schon ein Bild machen konnte von den einzelnen Bewerbern, was sich vielleicht sogar ein bisschen unterscheidet von dem Bild, was man sonst gemeinhin von den Leuten hat.

[00:03:52] Matthias Kirsch Wie läuft das denn eigentlich ab, dieses Verfahren? Wie muss man sich das vorstellen?

[00:03:58] Christian Teevs Am Anfang hat jedes Team und eben der eine Einzelbewerber, Karl Heinz Brunner, fünf Minuten Zeit sich kurz vorzustellen. Dann gibt es eine erste Fragerunde mit dem Moderator, eine zweite Fragerunde mit Fragen aus dem Publikum und am Ende nochmal Schluss-Statements. Und gerade die Fragerunde aus dem Publikum, die ist natürlich nicht vorhersehbar.

[00:04:16] Publikumsfragen Was verstehst du, verdammt nochmal, unter sozialdemokratischer Sicherheitspolitik? Wie wollen Sie als Duo-Vorsitzende eine gesamtdeutsche SPD vertreten, wenn Sie durch solche Aussagen eher spalten? Wie wollt ihr eigentlich sicherstellen, dass es euch nicht genauso geht wie Martin Schulz, der ein super Programm hatte und am Ende von der Partei und von der Führung niedergemacht wurde?

[00:04:40] Christian Teevs Und da sind eigentlich auch die größten Erkenntnisse daraus zu ziehen.

[00:04:43] Matthias Kirsch Das ist ja jetzt ein Verfahren, das ist ganz neu für die SPD. Was hat denn die SPD als Partei dazu bewogen, dieses Verfahren jetzt so wie es momentan stattfindet, durchzuziehen?

[00:04:53] Christian Teevs Eigentlich ist es aus der Not geboren, das Verfahren, weil die Partei ja zum x-ten Mal in relativ kurzer Zeit ihren Vorsitzenden oder Vorsitzende ausgewechselt hat.

[00:05:05] Andrea Nahles (SPD) Ich habe mich hier gerade eben im Parteivorstand der SPD verabschiedet, bin zurückgetreten.

[00:05:13] Christian Teevs Und es gibt ein Führungs-Vakuum in der SPD. Es war wirklich unklar, wie es weitergehen soll. Klar war nur: Die Partei will nicht so weitermachen wie bisher und im Hinterzimmer beschließen, wer denn die Nachfolge von Nahles übernehmen soll. Und da auch die Stellvertreter alle irgendwie nicht in der Lage oder sich nicht in der Lage gesehen haben, das zu übernehmen, wurde dieses doch sehr langwierige und auch etwas komplizierte Verfahren auserkoren, um wirklich den Mitgliedern jetzt mal die Entscheidung zu überlassen, wer die Partei künftig führen soll.

[00:05:44] Matthias Kirsch Bleiben wir noch kurz beim Verfahren. Das erinnert dann doch schon sehr stark an das, was auch bei der CDU letztes Jahr passiert ist. Da gab es ja auch ein Rennen um den Parteivorsitz. Hat sich die SPD das bei der CDU abgekupfert?

[00:05:56] Christian Teevs Einerseits ja, andererseits würden das die Genossen natürlich weit von sich weisen, weil sie sagen immer: Das war Pseudo-Mitglieder-Beteiligung bei der CDU, weil da am Ende ja dann doch der Parteitag entschieden hat. Das ist bei der SPD, sage ich mal so, nur technisch so, weil der Parteitag schon politisch gebunden sein soll an die Mitgliederbefragung. Das heißt, es werden jetzt im Oktober 420.000 Mitglieder gefragt, darüber abzustimmen, wer die Partei künftig führen soll und daran soll sich der Parteitag auch halten. Das heißt, warum ich meinte, einerseits schon, weil die SPD natürlich gesehen hat wie es die CDU im vergangenen Jahr belebt hat, dieses Verfahren. Dass so offen darüber gesprochen wurde, wer die Partei künftig führen soll. Was die SPD halt anders machen will, ist zu sagen, die Mitglieder sagen, wer am Ende künftig vorne steht.

[00:06:48] Matthias Kirsch Das, was du angesprochen hast - bei der CDU dieses Gefühl der Wiederbelebung, neue Energie, neue Kraft in der Partei - spürt man das denn bei der SPD auch schon unter den Mitgliedern? Du warst ja auf den Regionalkonferenzen. Wenn du dich da umgehört hast, welches Gefühl kriegst du da von den SPD-Mitgliedern?

[00:07:06] Christian Teevs Ja, die sind schon alle auch ein bisschen erleichtert, dass das jetzt ganz gut losging in Saarbrücken und hoffen natürlich darüber auch. Die Kommentierung in den Medien ist ja bislang auch, würde ich sagen, recht freundlich und da steckt natürlich eine Hoffnung drin, wo ich noch gespannt bin, wie lange die hält. Weil dieses Verfahren ja einfach mit insgesamt fünf Monaten sehr lange dauert. Und im Moment aber, klar, gibt es eine Anfangseuphorie.

[00:07:37] Matthias Kirsch Neben dem Verfahren gibt es noch eine andere Neuerung. Die SPD will sich zum ersten Mal eine Doppelspitze geben. Wo kommt denn die Idee her? Hat es was damit zu tun, dass mit den Grünen eine prominente Doppelspitze gerade sehr großen Erfolg hat, Robert Habeck und Annalena Baerbock. Hat das damit etwas zu tun?

[00:07:56] Christian Teevs Ja sicherlich, würde ich sagen, dass es natürlich genau beobachtet wurde, wie gut das funktioniert bei den Grünen. Ein weiterer Grund, den zum Beispiel Olaf Scholz nennt, warum er das gut findet mit der Doppelspitze, er sagt: Jetzt ist die Chance durch dieses Führungs-Vakuum, was es gibt eine Doppelspitze zu wählen. Vorher wäre es immer ein Misstrauensvotum gegen den aktuellen oder die aktuelle Vorsitzende gewesen. Wenn man gesagt hätte, wir müssen da jemanden noch an die Seite wählen. Und jetzt ist die Chance, weil es einfach im Moment gar keine gewählte Parteiführung gibt, da wirklich ein Duo an die Spitze zu setzen.

[00:08:32] Matthias Kirsch Also ein bisschen Opportunismus auch. Diese Suche nach der Doppelspitze hat ja aber auch dazu geführt, dass es einige Bewerber gab, die keinen Partner gefunden haben. Ein prominentes Beispiel wäre zum Beispiel Lars Klingbeil, der gesagt hat, er wäre gern dabei, der Generalsekretär der SPD.

[00:08:49] Lars Klingbeil (SPD) Moin, hier ist Lars. Ich möchte gerne etwas mitteilen. Ich selbst habe mich entschieden, dass ich nicht zu denen gehören werde, die auf der Bühne stehen und sich um den Parteivorsitz bewerben.

[00:08:57] Christian Teevs Da gab es wirklich auch kuriose Szenen im Hintergrund, was man so hört, weil einige - gerade einige SPD-Männer - da recht verzweifelt auf der Suche waren nach einer geeigneten Partnerin. Und Lars Klingbeil zum Beispiel hat ja gesagt, er möchte nicht mit irgendjemand antreten, sondern nur mit einer Frau, wo er denkt, dass es auch passt. Und das ist natürlich ein bisschen schwer, wenn man so versucht auf dem Reißbrett so eine Kandidatur zu zimmern. Das sind ja dann immer noch Menschen, wo das dann auch zusammenpassen muss. Und er sich dann auch Absagen eingehandelt hat und dann gesagt hat, dann mache ich es halt gar nicht. Und das wird also auch ein bisschen auch als die Schwäche des Verfahrens gesehen, weil dadurch vielleicht einige andere Kandidaturen nicht zustande kommen, weil man erst sich zusammenfinden musste, um wirklich als Team anzutreten. Es gibt zwar einen Einzelbewerber jetzt, aber dem werden keine Chancen ausgerechnet.

[00:09:52] Matthias Kirsch Das ist doch eine gute Gelegenheit, um jetzt auf einige der Kandidaten zu schauen. Alle werden wir wahrscheinlich nicht schaffen, aber wir geben uns Mühe. Fangen wir mit dem wohl bekanntesten Duo an. Klara Geywitz und Olaf Scholz, der Vizekanzler und Finanzminister.

[00:10:07] Olaf Scholz (SPD) Wir müssen sagen, auch am Beginn dieses Jahrhunderts ist es möglich eine solidarische Gesellschaft zu organisieren. Das gibt es mit der SPD.

[00:10:15] Matthias Kirsch Sie galten, bevor das Verfahren jetzt angefangen hat, als die großen Favoriten. Wie lief es denn bisher für die beiden?

[00:10:21] Christian Teevs Da sieht man halt, dass dieses Verfahren der Regionalkonferenzen den beiden nicht besonders zugutekommt. Olaf Scholz ist eigentlich auch jemand, der ein bisschen Zeit braucht, um Gedanken zu entwickeln, der bei solchen Veranstaltungen gerne länger redet, auch meist allein auf der Bühne stand und Fragen aus dem Publikum dann ein bisschen weitschweifiger beantwortet hat. Der hat jetzt auch nur sehr wenig Zeit, wie die anderen Kandidaten auch. Und dazu kommt noch: Bei fast jeder Konferenz gibt es eigentlich immer Leute, die ihn persönlich angreifen und sagen:

[00:10:56] Publikumsfragen Olaf, wie kann man mit Glaubwürdigkeit jemandem erklären, dass derjenige, der uns letzten Endes, auch maßgeblich beteiligt in Funktion, in dieses Tal der Tränen, in diese Niederungen der heutigen Ergebnisse geführt hat, zukünftig für Glaubwürdigkeit und soziale Gerechtigkeit in der SPD steht? Da habe ich ein Erklärungsproblem.

[00:11:16] Christian Teevs ...Eh, Moment mal. Du bist doch einer von denjenigen, denen wir das hier alles zu verdanken haben. Das macht er natürlich clever. Da ist er sehr souverän, da zieht er sich den Schuh nicht an.

[00:11:26] Olaf Scholz (SPD) Es gehört ein bisschen zu meiner Geschichte dazu, dass ich mich nicht gemeint fühle. Ich habe als Arbeitsminister dafür gesorgt, dass zum Beispiel die ersten Branchen-Mindestlöhne gekommen sind. Ich habe als Bürgermeister in Hamburg dafür gesorgt, dass sozialer Wohnungsbau in Tausender-Kategorien stattgefunden hat, als in ganz Deutschland noch niemand das Wort buchstabieren konnte.

[00:11:45] Christian Teevs Der hat in Saarbrücken gesagt, ich bin ein "echter truly Sozialdemokrat", was ein bisschen für Belustigung gesorgt hat, aber das macht er schon auch überzeugend. Also, er kann diese Kritik schon auch kontern. Nichtsdestotrotz gibt es natürlich dieses Gefühl bei vielen in der Partei, na ja, wo ist eigentlich der Neuanfang, wenn wir jetzt Olaf Scholz an die Spitze wählen.

[00:12:07] Matthias Kirsch Wenn du da von Neuanfang redest... Olaf Scholz, bei den Konferenzen, zitiert ganz oft Helmut Schmidt, er wirkt ein bisschen altbacken. Wie sehr hilft ihm denn sein Bekanntheitsgrad am Ende?

[00:12:21] Christian Teevs Ja, der zahlt sich natürlich bei diesen Regionalkonferenzen nicht so aus, aber man darf nicht vergessen, am Ende entscheiden die Mitglieder. Und da ist einfach Scholz der Bekannteste.

[00:12:29] Matthias Kirsch Olaf Scholz und Klara Geywitz, die gehören ja auch zu den Unterstützern der Großen Koalition, der Regierung. Das ist ja eine der großen Konfliktlinien in diesem Bewerberfeld - die Pro-GroKo- und die Anit-GroKo-Fraktion. Das Bewerber-Duo Karl Lauterbach und Nina Scheer zum Beispiel, die sind klar gegen die GroKo. Lauterbach sagt zum Beispiel das hier:

[00:12:49] Karl Lauterbach (SPD) Wir sollten aus meiner Sicht, an Glaubwürdigkeit nicht weiter verlieren, indem wir weiter in der Großen Koalition bleiben. Wir haben das jetzt 14 Jahre gemacht, 14 Jahre und wir können nicht immer ein besseres Steuersystem, mehr Verteilungsgerechtigkeit, mehr Spitzensteuersatz verlangen, aber diese Konzepte dann nicht umsetzen. Daher: Ich war ein Befürworter der Großen Koalition, Nina war klar dagegen. Sie hat recht gehabt.

[00:13:18] Matthias Kirsch Wie wichtig ist denn für die Kandidaten diese Positionierung in dieser GroKo-Frage, dafür oder dagegen?

[00:13:25] Christian Teevs Einerseits ist das ein Thema, was irgendwie alle beschäftigt, was auch alle in der Partei beschäftigt. Andererseits würde ich nicht sagen, dass es wirklich das wahlentscheidende Thema ist. Zum einen gibt es sowieso noch die Halbzeitbilanz und der Parteitag wird am Ende darüber abstimmen, ob es mit der Großen Koalition weitergehen soll oder nicht. Und zum anderen gibt es so richtige GroKo-Fans offenbar auch gar keine mehr unter den Kandidaten. Also ich meine, selbst Olaf Scholz sagt, diese Große Koalition wird die letzte gewesen sein. Und nach der nächsten Bundestagswahl soll es keine weitere Große Koalition geben. Und auch die anderen Kandidaten mäandern so ein bisschen um dieses Thema herum, aber eher GroKo kritisch. Ich glaube, dass für die Zukunft der Koalition, eher andere Fragen entscheidend sind. Wie geht es weiter mit der Grundrente, kommt die jetzt? Kommt ein Klimaschutz-Gesetz, was den Namen verdient? Sodass ich nicht glaube, dass es am Ende wirklich nur davon abhängt, wer wird SPD-Vorsitzender, sondern eher davon, was kriegt die Koalition noch hin.

[00:14:30] Matthias Kirsch Wir haben jetzt ein bisschen mehr über zwei Teams geredet. Gibt es denn abgesehen von den beiden, anderen Teams, die dich bisher überrascht haben?

[00:14:40] Christian Teevs Ich fand, dass eigentlich alle Teams bei diesen Regionalkonferenzen ihre Momente hatten. Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken sind ein Team, was, glaube ich, durchaus Chancen hat. Die wurden vom NRW-Landesvorstand unterstützt. Die haben eine relativ breite Unterstützung bei den Jusos, Kevin Kühnert hat sich sehr klar für die ausgesprochen. Also auch ein Team, was nicht zu vernachlässigen ist.

[00:15:05] Matthias Kirsch Bleiben wir kurz einmal bei Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken. Die sind - du sagst zwar, man sollte es nicht am Applaus messen - aber die sind zumindest in Saarbrücken zum Beispiel sehr gut angekommen, geben sich auch sehr selbstbewusst. Und sie reden sehr viel über Verteilung, Ungleichheit. Hören wir einmal Saskia Esken, die folgendes gesagt hat:

[00:15:25] Saskia Esken (SPD) Wie kein anderer steht Norbert Walter-Borjans für Steuergerechtigkeit, Steuerehrlichkeit und er stellt eine ganz wichtige Frage, das ist die Verteilungsfrage. Und Ich finde, damit ist er wie kein anderer, wie gesagt, geeignet, mit euch gemeinsam, mit mir gemeinsam die Glaubwürdigkeit und die Erkennbarkeit der SPD zu entwickeln.

[00:15:45] Matthias Kirsch Damit bedienen Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken ja so sehr klassische SPD-Themen, Ungleichheit, Verteilung. Wieso kommt das denn so gut an?

[00:15:53] Christian Teevs Na ja, ich glaube, es gibt einfach in der SPD im Moment ein Verlangen danach, wieder klare, linke Positionen zu vertreten. Und dafür ist natürlich Walter-Borjans, der bekannt dafür geworden ist, die Steuer-CDs gekauft zu haben und scharf gegen Steuersünder vorzugehen da in Nordrhein-Westfalen - dafür steht er einfach und auch überzeugend. Was gerade an diesem Statement von Saskia Esken auch noch, finde ich, bemerkenswert war, dass die beiden sich schon sehr stark gefunden haben als Team. Die haben bei ihrer Vorstellung sich gegenseitig vorgestellt. Die wirken gleichberechtigt, die haben einen gewissen Teamspirit. Und das merkte man auch schon, dass da die Leute auch drauf achten.

[00:16:32] Matthias Kirsch Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken haben dann bei der allerersten Regionalkonferenz gleich unerwartete Unterstützung bekommen.

[00:16:40] Simone Lange (SPD) Wir haben uns nach langer intensiver Debatte entschieden, dass wir unsere Kraft aus unserer Kandidatur mit all unseren Unterstützern übergehen lassen wollen in das Team von Norbert und Saskia.

[00:16:54] Matthias Kirsch Das war Simone Lange, die Bürgermeisterin von Flensburg, die gemeinsam mit Alexander Ahrens angetreten war - jetzt eben schon nicht mehr dabei ist, sondern die Unterstützung abgegeben hat. Und du hattest es vorhin angesprochen: Auch die Jusos um Kevin Kühnert haben diesem Team ihre Unterstützung zugesprochen. Sind die beiden denn allein schon von den Zahlen und von den Unterstützerzahlen her so ein bisschen unter dem Radar zu Favoriten geworden?

[00:17:18] Christian Teevs Das ist unheimlich schwer zu beurteilen, weil - wie gesagt - am Ende die Mitglieder entscheiden. Wenn es jetzt um eine Wahl auf einem Parteitag gehen würde, würde ich das sofort unterschreiben. Dann hätten die NRW hinter sich, hätten die Jusos hinter sich - oder einen Großteil der Jusos - hätten damit eine gewisse Zahl an Delegierten. Aber hier weiß man halt nicht so genau, was diese Empfehlung wirklich bewirken kann. Ich würde immer noch nach wie vor sagen, es ist unter diesen sieben Teams relativ offen, wer es in die Stichwahl schaffen wird. Das einzige, was man mit ziemlicher Sicherheit sagen kann, ist, dass es in der ersten Runde kein Team geben wird, was über 50 Prozent erreicht und dass wir damit wohl auch auf jeden Fall eine Stichwahl sehen dürften.

[00:17:57] Matthias Kirsch Es ist ja so, bei diesem Verfahren, dass in der ersten Runde die Mitglieder wählen und wenn kein Team über 50 Prozent der Stimmen bekommt, dann wird es eine Stichwahl geben aus den beiden bestplatzierten Teams der ersten Runde. Wir waren jetzt kurz bei Kevin Kühnert, der hat ja lange überlegt, ob er antreten soll.

[00:18:15] Kevin Kühnert (SPD) Wenn man kandidiert, dann muss man das in allerletzter Konsequenz auch wollen, dann muss man sich auf den Gedanken eingelassen haben, dieses Amt auch mindestens zwei Jahre auszufüllen. Und man muss sich sicher sein, genügend Unterstützung zu haben. Das alles wäre, glaube ich, gar nicht so leicht geworden. Und aus all diesen Gründen zusammen bin ich zu dem Schluss gekommen, keine Kandidatur zu erklären.

[00:18:36] Matthias Kirsch Christian, du hast ja Kevin Kühnert, nachdem er das verkündet hat, auch noch interviewt. Wie schätzt du denn seine Begründung, nicht zu kandidieren, ein?

[00:18:44] Christian Teevs Einerseits kann ich es nachvollziehen, weil - wie er gesagt hat - hätte seine Kandidatur zu einer krassen Polarisierung geführt mit Olaf Scholz. Also das wären die klaren Lager gewesen - pro GroKo und gegen die GroKo. Andererseits hat er sich damit auch versteckt. Also hat er sich selbst aus dem Rennen genommen damit. Gerade er, in den vergangenen anderthalb, knapp zwei Jahren wirklich die lauteste Stimme in der Partei war gegen die Große Koalition, sagt jetzt: Na ja, ich habe wohl nicht genug Unterstützung und deswegen trete ich nicht an. Damit unterschätzt er, glaube ich, zum einen die Hoffnung, die viele in ihn gesetzt haben und zum anderen, enttäuscht er damit natürlich auch viele Leute, die gesagt haben: Mensch, Kevin, du hättest aber antreten sollen.

[00:19:27] Matthias Kirsch Lass uns doch zum Abschluss ein bisschen auf den tatsächlichen Einfluss dieser Regionalkonferenzen gucken. Unser Kollege Veit Medick, der auch über die SPD beim SPIEGEL schreibt, hatte letzte Woche nach dem Auftakt, folgende Einschätzung gegeben.

[00:19:42] Veit Medick Bei jeder dieser Regionalkonferenzen sind so zwischen 500 und 1000 Sozialdemokraten wahrscheinlich. Am Ende rechnet die Partei damit, dass sie über diese Konferenzen zwischen 10.000 und 15.000 Personen erreicht. Das ist gar nicht so viel, weil die Partei ja 430.000 Mitglieder hat. Das heißt, am Ende sind diese Regionalkonferenzen gut, um sich zu präsentieren und auch mal auszuprobieren. Aber wie viel Einfluss sie auf die letztendliche Wahlentscheidung der Parteimitglieder haben, das kann man ganz, ganz schwer sagen.

[00:20:12] Matthias Kirsch Du hast das jetzt auch schon angesprochen, die Unberechenbarkeit dieser Regionalkonferenzen, dieser Bewerberwahl. Was ist denn deine Einschätzung, wie groß ist der tatsächliche Einfluss dieser Casting-Tour auf die Wahlergebnisse am Ende?

[00:20:27] Christian Teevs Also, wie Veit gesagt hat: Von den Mitgliedern erreicht man nur ein Bruchteil direkt da live. Man darf aber nicht vergessen, es wird noch übertragen. Also nicht nur von der SPD, sondern auch zum Teil von Fernsehsendern live, in Saarbrücken, zum Beispiel, wurde komplett live übertragen. Also das können schon viel mehr Mitglieder auch schauen, als da wirklich vor Ort sind. Dazu kommt natürlich die Berichterstattung, dass sich viele wirklich auch über die Berichterstattung informieren. Und deswegen hat das gewissermaßen schon eine Bedeutung. Ich glaube, für die SPD ist vor allen Dingen wichtig, sich da so zu präsentieren und zu zeigen, dass man mal etwas anders machen will, wirklich Modernes machen statt - wie ich es am Anfang gesagt habe - Hinterzimmerpolitik.

[00:21:10] Matthias Kirsch Du hast vorhin gesagt, das ganze Verfahren, das dauert sehr lange, knapp fünf Monate. Der Parteitag ist am Ende erst im Dezember. Würdest du dir eine Prognose zutrauen?

[00:21:20] Christian Teevs Lieber nicht. Es ist wirklich... Ich könnte vielleicht drei, vier Teams im Moment nennen, die ich für aussichtsreich halte, aber wirklich keine Prognose wagen, wer sich am Ende durchsetzt. Klar ist natürlich: Wenn Olaf Scholz nicht gewinnt, dann steht die Partei wirklich vor einem großen Umbruch, weil dann ist unklar, wie geht es mit ihm weiter als Vizekanzler und Finanzminister dieser Koalition. Und wie geht es auch mit der Koalition weiter. Ob es mit Scholz weitergeht oder ob die Partei wirklich etwas ganz anderes wagt.

[00:21:51] Matthias Kirsch Keine Prognose von dir. Also, ich glaube, was man aber sicher sagen kann, ist: So unterhaltsam war keine Suche nach einem SPD-Vorsitz in den letzten Jahren.

[00:21:58] Christian Teevs Das kann man auf jeden Fall sagen.

[00:21:59] Matthias Kirsch Vielen Dank, Christian, dass du da warst.

[00:22:04] Christian Teevs Danke dir.

[00:22:04] Matthias Kirsch Das war Stimmenfang, der Politik-Podcast von SPIEGEL ONLINE.

[00:22:08] An dieser Stelle wollen wir Ihnen noch einmal unsere neuen Newscast SPIEGEL Update vorstellen. Ab sofort können Sie dreimal täglich hören, was wichtig ist - morgens um 6 Uhr, mittags um 12 Uhr und abends um 18 Uhr. Am Wochenende gibt es samstags einen Rückblick auf die vergangene Woche, sonntags dann eine Vorschau auf die kommende Woche. Sie können SPIEGEL Update ab sofort in Ihrer Podcast-App abonnieren oder direkt auf SPIEGEL.de hören. Außerdem können Sie unsere Nachrichten auf Smart Speakern wie Amazon Alexa oder Google Assistant hören. Sagen Sie einfach: "Alexa, spiele die Nachrichten vom SPIEGEL" oder "Okay Google, spiele die Nachrichten vom SPIEGEL".

[00:22:46] Die nächste Episode von diesem Podcast, dem Stimmenfang, gibt es wie gewohnt ab nächstem Donnerstag auf SPIEGEL ONLINE, bei Spotify und in allen gängigen Podcast-Apps. Wenn Sie uns Feedback schicken möchten, schreiben Sie uns einfach eine Mail an stimmenfang@spiegel.de oder nutzen Sie unsere Stimmenfang-Mailbox unter 040 380 80 400. An die gleiche Nummer, also 040 380 80 400, können sie uns auch eine WhatsApp-Nachricht schicken. Diese Folge wurde produziert von Yasemin Yüksel und mir, Matthias Kirsch. Danke für die Unterstützung an Johannes Kückens, Wiebke Rasmussen, Thorsten Rejzek, Matthias Streitz und Philipp Wittrock. Die Stimmenfang-Musik kommt von Davide Russo.

Wie abonniere ich den Podcast?

Sie finden "Stimmenfang - der Politik-Podcast" jeden Donnerstag auf SPIEGEL ONLINE (einfach oben auf den roten Play-Button drücken) und auf Podcast-Plattformen wie Apple Podcasts, Google Podcasts, Spotify, Deezer oder Soundcloud. Unterwegs, auf dem Weg zur Arbeit, beim Sport: Sie können unser neues Audioformat hören, wo Sie wollen und wann Sie wollen. Abonnieren Sie unseren kostenlosen Podcast "Stimmenfang", um keine Folge zu verpassen.

Sie können "Stimmenfang" entweder über den Player in diesem Artikel hören oder ihn herunterladen auf Ihr Smartphone, Tablet oder Ihren Computer. So können Sie ihn jederzeit abspielen - selbst wenn Sie offline sind.

Falls Sie diesen Text auf einem iPhone oder iPad lesen, klicken Sie hier, um direkt in die Podcast-App zu gelangen. Klicken Sie auf den Abonnieren-Button, um gratis jede Woche eine neue Folge direkt auf Ihr Gerät zu bekommen.

Falls Sie ein Android-Gerät nutzen, können Sie "Stimmenfang" auf Google Podcasts hören oder sich eine Podcast-App wie Podcast Addict, Pocket Casts oder andere herunterladen und dort "Stimmenfang" zu Ihren Abonnements hinzufügen.

Sie können Stimmenfang auch mit Ihren Alexa-Geräten hören. Installieren Sie dafür einfach die Stimmenfang-Alexa-App.



insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
lozenz 12.09.2019
1. Hauptsache,
man kann sich selbst noch schön feiern, auch wenn schon längst klar ist, dass es vorüber ist. Die GroKo wird mit allerlei Aktionen am Leben gehalten, damit ja jeder Posten zumindest bis 2021 gesichert ist. Danach wird man sehen. Ich persönlich gehe davon aus, dass insbesondere die nun kritische Parteienfinanzierung zur Vernunft zwingt. Sollten die GroKo-Parteien einen ähnlichen Abrutsch bei der kommenden BTW erfahren, wie in den Ländern, dürften die Kassen bald leer sein. Das Prassen und Rauschschmeißen des Geldes, ist dann vorbei. Nur noch das Goldene Kalb wird übrig bleiben und die Luft verpesten. Auf der anderen Seite, bei der AfD, weiß man nicht wohin mit all dem Geld, dass ja eigentlich für die eigenen Taschen gedacht war und deshalb so großzügig bemessen wurde. So schießt man sich im Rausch der unendlichen Macht ins All. Roger Waters würde sagen, amused to death. In diesem Album liegt sehr viel Gegenwart. Erschreckend.
spiegkom 12.09.2019
2. Trotzdem nicht
Diese ganz Begeisterung mit den Kandidaten, gabs das nicht vor Kurzem schon mal? Dass sich SPdler dran erfreuen können, ist ja schon mal gut. Aber: Wenn ich in meinem Verein eine Runde schmeiss, steh ich auch ganz oben. Trotzdem würde ich nicht Bundeskanzler werden können. Need Help: Was stimmt da nicht, in meinem Verein? Evtl. ist der ja schon wie die SPD. Gott bewahre.
dingsbings1 13.09.2019
3. Es ist Schade das die Ehemalige Volkspartei
sich so schwer tut aus Fehlern zu lernen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.