Jakob Augstein

S.P.O.N. - Im Zweifel links Die halbe Merkel

Wenn die Kanzlerin die Wahl gewinnt, ist nach der Halbzeit Schluss. Das behauptet "Bild"-Zeitungs-Redakteur Nikolaus Blome in einem Buch. Für die SPD ist das die letzte Hoffnung: Diese Kanzlerin ist unschlagbar - sie muss schon freiwillig zurücktreten.

Die SPD kann aufatmen: Spätestens 2015 löst sich das Problem Merkel von selbst. Dann tritt die Kanzlerin nämlich zurück. Das behauptet jedenfalls "Bild"-Zeitungs-Redakteur Nikolaus Blome in seinem neuen Buch über die Kanzlerin. Bevor die Prognose eintrifft, muss Angela Merkel zwar noch die Wahl gewinnen. Aber wer zweifelt daran im Ernst? Obwohl ihr Mangel an politischer Phantasie den Euro gefährdet. Obwohl ihr die soziale Gerechtigkeit gleichgültig ist. Obwohl ihre Wähler in Wahrheit immer noch nicht wissen, wer sie eigentlich ist.

Diese Kanzlerin scheint unschlagbar. Was für ein Armutszeugnis für die deutsche Demokratie!

Das war ein schönes Wochenende für die SPD: In Augsburg war Parteitag, und Peer Steinbrück teilte mit, dass er Kanzler werden will. Das war neu für die Genossen. Das hatten sie nicht gewusst. Darum applaudierten sie im Stehen. Gleichzeitig wurde bekannt, dass Angela Merkel ihr Amt nach der nächsten Halbzeit freiwillig räumen könnte. Das bedeutet, entweder schafft es der Kandidat - manchmal hilft ja auch das Wünschen - oder die Kanzlerin gibt freiwillig auf.

Bisher hat sich Steinbrück wie jemand verhalten, der jeden Verdacht ausräumen will, er strebe nach Höherem. Vom verpatzten Start (Nebenverdienst!) über die peinlichen Etappen (Pinot Grigio! Kanzlergehalt! Italienische Clowns!) bis zum jüngsten Patzer (Getrennter Sportunterricht!) hat sich Steinbrück die großen und kleinen Fettnäpfchen gesucht, so gut er konnte. Die Kanzlerin hingegen tut - nichts.

Merkels roter Faden

"Er strampelt sich ab, sie wartet einfach ab", sagte Günther Jauch am Sonntagabend in seiner Sendung über Kandidat und Kanzlerin. Diese Talkrunde war ein Spiegel des sonderbaren Schauspiels, das die deutsche Demokratie zurzeit bietet. Da saßen die Experten und berieten darüber, wer die Frau eigentlich sei, die das Land seit fast acht Jahren regiert. Aber sie konnten die Frage nicht beantworten. Sie drehten sich im Kreis, und in der Mitte war - ein Nichts.

"Der rote Faden von Angela Merkels Regieren ist - das Regieren", schreibt Talk-Gast Blome in seinem Merkel-Buch. Auch dem "Bild"-Zeitungs-Mann ist inzwischen aufgegangen, Merkel besteht nur aus Macht. "Sie hätte auch zur SPD gehen können. Aber dann sähe auch die SPD ganz anders aus", schreibt Blome. Inhalt? Prinzipien? Werte? Das sind alles nichts als Akzidenzien. Nur die Macht ist reine Substanz. Und die Kunst der Macht ist das Warten. Es ist Steinbrücks Schwäche, dass Merkel warten kann und er nicht. "Die Zauder-Künstlerin" hat Blome sein kluges Merkel-Buch genannt, das die Unerklärbare besser erklärt als alle Bücher zuvor.

Nach einer neuen Umfrage liegt die SPD bei 26 Prozent, die Union bei 41 Prozent. Was sollen die Genossen gegen diese schier unschlagbare Kanzlerin unternehmen? Sie bemühen sich um sozialdemokratische Politik und kündigen höhere Steuern an, mehr Kontrolle für die Banken und den flächendeckenden Mindestlohn. Man tut, was man kann als Sozialdemokrat, um sich von der Kanzlerin abzugrenzen. Aber die ist wie der Igel im Märchen, und immer wenn die SPD eine gute Idee hat, ruft Merkel: "Ick bün all dor."

Merkel beherrscht die Kunst, politische Inhalte so zu verwässern und zu verwischen, dass das Publikum den Eindruck hat, sie kümmere sich - während sie in Wahrheit versagt. Steinbrück hatte ja recht, als er in Augsburg sagte, Merkel sei eine Kanzlerin, bei der der Finger nicht etwa die Richtung angebe, sondern "lediglich die Windrichtung misst".

Das ist zynisch. Aber erfolgreich

Das Paradox der deutschen Politik liegt darin, dass die Leute in Wahrheit wenig über Merkel wissen - aber das stört sie gar nicht. Selbst bei der sozialen Gerechtigkeit trauen die Menschen Merkel mehr zu als Steinbrück. Und das will schon was heißen, weil Merkel der soziale Zusammenhalt in Deutschland und in Europa ziemlich schnuppe ist. Die Kanzlerin hat längst begriffen, dass die sozial Schwachen nur noch einer Partei zustreben: der Partei der Nichtwähler. Und die ist im Herbst keine Konkurrenz. Merkel betreibt Politik wie Physik, irrelevante Größen können vernachlässigt werden. Das ist zynisch. Aber erfolgreich.

Zukunft ist nicht vorhersehbar. Aber nach aller Wahrscheinlichkeit wird die Kanzlerin im Herbst Angela Merkel heißen. Die Genossen können nur darauf hoffen, dass sich dann Blomes Prognose bewahrheitet und Merkel freiwillig ihr Amt abgibt. Es hat seit Karl V. nicht viele Mächtige gegeben, die von selbst losgelassen haben. Der Habsburger zog sich ins Kloster von Yuste zurück. Auf Merkel wartet ihr Haus in der Uckermark. In Ursula von der Leyen hätte sie eine Nachfolgerin, die das Machthandwerk ebenso gut beherrscht. Ob sie darüber hinaus Interessen hat, ist nicht bekannt. Aber das stört ja nicht.