Spenden-Affäre Neuer Unicef-Vorstand soll Strukturreform anpacken

Unicef will durchstarten: Die Hilfsorganisation hat nach dem Verschwendungs-Skandal einen neuen achtköpfigen Vorstand bestimmt. Mit vertreten: eine Ex-Dressurreiterin, ein Unternehmer und mehrere Grünen-Politiker. Der Vorstandsvorsitzende wird am Freitag gewählt.


Hamburg - Neue Führungsspitze bei Unicef: Die Hilfsorganisation hat wieder einen Vorstand. Acht neue Mitglieder sind von der Mitgliederversammlung gewählt worden. Gewählt wurden

  • die Grünen-Politikerin Ekin Deligöz, seit vielen Jahren Mitglied von Unicef
  • der Unternehmer Jürgen Heraeus von der Heraeus Holding
  • der frühere Staatssekretär im Auswärtigen Amt und Uno-Botschafter in New York Dieter Kastrup
  • der Uno-Beauftragte und Grünen-Politiker Tom Koenigs
  • der Hamburger Reeder Peter Krämer
  • die Ex-Dressurreiterin Ann Kathrin Linsenhoff
  • die frühere schleswig-holsteinische Justizministerin Anne Lütkes (Grüne)
  • und die Direktorin des NDR-Landesfunkhauses Hamburg Maria von Welser, die früher das ZDF-Frauen Magazin "ML Mona Lisa" moderierte.

Mit der neuen Führungsspitze will Unicef den Neuanfang versuchen nach dem monatelangen Skandal um die vermeintliche Verschwendung von Spendengeldern und hoch dotierte Beraterverträge.

Unicef-Büro in Düsseldorf: Mitglieder fürchteten zu viel Oberflächlichkeit
DDP

Unicef-Büro in Düsseldorf: Mitglieder fürchteten zu viel Oberflächlichkeit

Viele Unicef-Mitglieder waren vor der Aussprache allerdings skeptisch. Kritiker sorgten sich, dass nun "schöne neue Gesichter" oder ein "Businessclub" gewählt würden. Manche befürchteten gar, Unicef könnte zu einer Spendensammel-Veranstaltung im amerikanischen Stil werden. "Nach dem Motto: Feiern für Afrika", sagte einer.

Unicef-Botschafterin Sabine Christiansen mahnte deshalb schon vor der Krisensitzung, es gehe nicht allein um eine personelle Erneuerung. Auch die Strukturen müssten zur Diskussion stehen

Nach der Wahl allerdings machte sich Erleichterung breit. "Die Wahl zeigt, dass Unicef vor allem eine Kinderrechts- und Entwicklungsorganisation ist und keine Charityveranstaltung", sagte ein Insider.

Die neue Führungsriege hat allerdings einiges vor sich. Der Skandal hat Unicef Deutschland schwer getroffen. Die Vorsitzende Heide Simonis legte ihr Amt nieder und erklärte in einem Interview, sie sei "tieftraurig und ein wenig frustriert". Der langjährige Geschäftsführer Dietrich Garlichs musste wegen des Skandals schließlich zurücktreten. Nach Ansicht vieler Mitglieder hinterlässt er eine große Lücke, immerhin habe er die Einnahmen der Organisation in den 18 Jahren seiner Tätigkeit vervielfacht.

Auf dem Höhepunkt der Krise entzog das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen der Organisation das Spendensiegel - den Garant für Seriosität. Die Begründung: Falsche Angaben und Verstöße gegen den Grundsatz der Sparsamkeit.

Zahl der Fördermitglieder gravierend gefallen

Inzwischen ist die Zahl der Unicef-Fördermitglieder, die einen Monatsbeitrag von 12 Euro leisten, von 200.000 auf 163.000 gefallen. Die Gesamteinnahmen der Organisation sind seit November so um rund 20 Prozent eingebrochen - ein Ausfall von rund sieben Millionen Euro.

Um den Weg für einen Neuanfang frei zu machen, trat vor wenigen Tagen der gesamte Vorstand zurück. Nun soll unter anderem über strukturelle Fragen wie eine Begrenzung von Amtszeiten und die Festlegung der künftigen Befugnisse der Geschäftsführung diskutiert werden.

Nach Auffassung des Interimsvorsitzenden Reinhard Schlagintweit - der das Amt von Simonis übernahm - muss der künftige Vorstand eine größere Aufsichtsfunktion bekommen. Es müsse zudem genauere Haushaltspläne geben. "Es sind bei Unicef echte Fehler gemacht worden", sagte er - betonte aber, dass es sich trotzdem nicht um eine "Affäre" handele.

Es gehe um eine Erneuerung nach innen und außen, sagte Christiansen. Die Kinder der Welt bräuchten dringend Hilfe von Unicef. Für sie sei wichtig, dass keine Spendengelder veruntreut worden seien. Darum habe sie ihr Engagement für das Hilfswerk fortgesetzt. Dennoch sei sie zu Beginn der Krise wütend und enttäuscht gewesen. Die Führungskrise sei nicht rechtzeitig eingedämmt worden.

Der oder die Vorstandsvorsitzende wird am Freitagmorgen gewählt. Im Gespräch waren bisher unter anderem Anne Lütkes und Ann-Katrin Linsenhoff. Der Gründer der Werbeagentur Scholz&Friends Thomas Heilmann, der zwischenzeitlich sogar für den Vorstandsvorsitz im Gespräch war, wurde nicht einmal in die Mitgliederversammlung gewählt.



insgesamt 177 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Klo, 04.02.2008
1.
Zitat von sysopDie Wirtschaftsprüfer der KPMG unterstellen der deutschen Sektion des Kinderhilfswerks, bewusst zu lügen. KPMG hat Unregelmäßigkeiten unter anderem bei Honoraren und Provisionen festgestellt, nun gerät der Geschäftsführer Dietrich Garlichs zunehmend unter Druck. Welche Konsequenzen müssen gezogen werden?
Wenn es stimmt, dann müssen Köpfe rollen. So einfach ist das. Das Klo.
Betonia, 04.02.2008
2.
Zitat von sysopDie Wirtschaftsprüfer der KPMG unterstellen der deutschen Sektion des Kinderhilfswerks, bewusst zu lügen. KPMG hat Unregelmäßigkeiten unter anderem bei Honoraren und Provisionen festgestellt, nun gerät der Geschäftsführer Dietrich Garlichs zunehmend unter Druck. Welche Konsequenzen müssen gezogen werden?
Da haben es sich ein paar Leute anscheinend zu bequem gemacht. Und man hat sie dabei in Ruhe gelassen. Konsequenzen: Wo es um Gelder geht, muss immer kontrolliert werden, und zwar von unabhängiger Seite, das ist doch nichts neues.
LibertyOnly 04.02.2008
3. SPD-Politiker nichts neues
Tja, nichts neues, diese Sozialdemokraten konnte noch nie mit Geld umgehen.
Sascha_N 04.02.2008
4. Go ahead...
Sehr geehrter Herr Hans-Ulrich Klose, wenn Sie möchten, dass die deutsche Bundeswehr in Afghanistan mehr Einsatz zeigt und presenter wird, dann bitte ich Sie bester Herr: GEHEN SIE VORWEG! Dieser Mensch weiß doch gar nicht, wie es in Afghanistan ausschaut. Den Russen wurde der Hintern versohlt, den Amerikanern ebenso - was soll dann die Bundeswehr da unten? Außer sterben, weil sie sich in Dinge einmischt, die Deutschland nichts angehen. Die USA haben wenigstens Gründe dafür: Die Ausbeutung der Rohstoffe...
Think-Smart 04.02.2008
5. Kleinere Organisationen sind effektiver
Wer viel in der dritten Welt unterwegs ist, wird bald bemerken, Unicef gibt es nur auf dem Papier. Wenn es wirklich mal brennt und die Leute gefragt sind, dann glänzen sie mit Abwesenheit. Gut hier nachzulesen: http://prohumane.org/hilfe.htm
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.