Spendenaffäre Unicef-Geschäftsführer räumt erstmals Fehler ein

Unicef Deutschland sammelt jährlich rund hundert Millionen für arme Kinder. Nach dem Vorwurf der Spendenverschwendung ist der Imageschaden für das Hilfswerk immens - auch die Kanzlerin ist besorgt. Jetzt gesteht Geschäftsführer Garlichs erstmals Fehler ein.


Hamburg - Es sind Tage des Zornes für Unicef: Tausende Stammspender haben sich von der Hilfsorganisation abgewandt, Unicef musste bereits Millionenverluste hinnehmen. Die langjährige Vorsitzende Heide Simonis ist nach Auseinandersetzungen über die angebliche Verschwendung von Spendengeldern enttäuscht zurückgetreten, Schwimmerin und Unicef-Repräsentantin Sandra Völker tat es ihr gleich. Derzeit wird geprüft, ob man dem populären Kinderhilfswerk das Spendensiegel entziehen soll. Und die treue Basis ist frustiert - die Landesgruppen haben Schwierigkeiten, die über 8000 ehrenamtlichen Mitarbeiter zu motivieren; die Arbeitsgruppe Niederrhein hat sich als Konsequenz auf die Verschwendungsvorwürfe gleich ganz aufgelöst.

^Spende für Unicef: "Viele bunte Bilder, keine verständliche Geschäftsbilanz"
DPA

^Spende für Unicef: "Viele bunte Bilder, keine verständliche Geschäftsbilanz"

Der umstrittene Geschäftsführer der deutschen Unicef-Sektion, Dietrich Garlichs, hat inzwischen erstmals Fehler zugegeben. "Es gibt auf betrieblicher Ebene, was unsere selbst auferlegten Regeln angeht, Schlampereien. Das sind Schlampereien, die wir abstellen müssen. Diese Kritik nehme ich gern an", sagte er der Zeitung "Die Welt". Es habe aber keine rechtlichen Verstöße gegeben.

Garlichs werden zu großzügige Honorare für externe Berater vorgeworfen. "Heute weiß ich, dass die Beauftragung eines Beraters nicht von der Organisation mitgetragen wird", sagte er. "Es war ein schwerer psychologischer Fehler. Das habe ich falsch eingeschätzt."

Auch auf der Internetseite von Unicef zeigt man sich sich reuig. "Ich bin der Ansicht, dass wir eine Wachstumskrise durchmachen, eine Art Modernisierungsschub", schreibt Übergangschef Reinhard Schlagintweit. Doch eine Stellungnahme, in der konkret aufgeschlüsselt wird, was warum wie schief lief, sucht man vergebens. "Ich hoffe, dass es nicht allzu lang dauert, bis Ruhe einkehrt und sich die Lage wieder normalisiert", liest man stattdessen. Zum Rücktritt der Vorsitzenden heißt es lapidar: "Simonis stellt ihr Amt zur Verfügung."

Flexibles Reagieren und schnelle Konsequenzen sind nicht die Stärken einer weltweit vernetzten Uno-Organisation mit über 7000 Mitarbeitern in 160 Ländern. Aber der Skandal ist nicht nur ein Problem von Unicef Deutschland - mangelnde Einblicke in das Alltagsgeschäft des Hilfswerks sind vor allem der kniffligen internationalen Organisationsstruktur geschuldet. Die Ländervertretungen der Unicef, die sogenannten nationalen Kommitees, arbeiten als eigenständige Nichtregierungsorganisationen (NGO) in den Industriestaaten. Gelenkt und entschieden wird jedoch woanders: Die Komitees sammeln Spenden und führen sie an die Hauptverwaltung in New York ab. Von dort aus wird nach festgelegten Kriterien - etwa Kindersterblichkeit oder Landesgröße - das Geld an die Büros der Projektländer verteilt.

"Nicht gerade ein Modell für Transparenz"

Offiziell wirbt Unicef mit Verwaltungskosten von unter zehn Prozent - doch zählt man Presse-, Werbe- und Grußkarten-Etat hinzu, kommt man auf über 18 Prozent, schlüsselte die "Frankfurter Rundschau" auf. Versucht man, den Weg einer Spende nachzuvollziehen, scheitert man an der uneinheitlichen Aufschlüsselung diverser Jahresberichte. Rupert Strachwitz, Mitglied des deutschen Beirats von Transparency International und Stiftungsberater, sagt gegenüber SPIEGEL ONLINE: "Es ist seit längerem bekannt, dass Unicef nicht gerade ein Modellfall für Transparenz ist", kritisiert Strachwitz. "Auf der Internetseite findet man viele bunte Bilder - aber keine einzige verständliche Geschäftsbilanz."

Mit jährlich etwa hundert Millionen an Spendeneinnahmen - im Tsunami-Jahr war es fast doppelt so viel - ist Unicef Deutschland einer der wichtigsten Spendensammler für das Kinderhilfswerk. "Was die gesetzliche Verpflichtung angeht, Spenden offenzulegen, liegen wir hierzulande aber sehr weit hinten", kritisiert Strachwitz. Eingetragene Vereine müssen in Deutschland keine Rechenschaft über den Umgang mit Spenden ablegen. "Das ist weltweit einzigartig."

Spendenexperte Lothar Schruff von der Universität Göttingen räumt gegenüber SPIEGEL ONLINE ein, dass es selbst für Fachleute schwierig sei, Interna von Unicef zu durchschauen: "Unicef gibt über das, was hinter den Kulissen passiert, nur spärliche Auskunft." Das Motiv der Organisation seien klar: "Man will sich nicht in die Karten gucken lassen."

Was genau versteht Unicef unter Verwaltungskosten?

Doch hat, wer sein Kartenblatt nicht offen zeigt, zwangsläufig etwas zu verheimlichen? Darüber könne man nur spekulieren, sagt Schruff, verweist aber auf "andere namhafte Hilfsorganisationen, die vorbildlich Bericht erstatten", etwa "Ärzte ohne Grenzen" oder "Brot für die Welt". Bei Unicef sei etwa nicht nachzuvollziehen, welche Posten unter die sogenannten Overheadkosten fallen, also Kosten der Geschäftsleitung, für Kampagnen oder die Verwaltung. "Es gibt zum Beispiel zwischen der Zentrale in New York und den einzelnen nationalen Kommitees keine Einigung darüber, wie etwa Verwaltungskosten zu definieren sind", sagt Schruff.

In der Europazentrale von Unicef in Genf zeigt man sich indes besorgt über den "Imageschaden". Man habe jahrelang gut zusammengearbeitet" heißt es aus dem Pressebüro. Zwar dürfe "Missmanagement keinesfalls toleriert" werden, sagte Sprecherin Véronique Taveau zu SPIEGEL ONLINE. Konsequenzen für Unicef Deutschland oder Überprüfungen der anderen Unicef-NGOs seien aber nicht geplant. "Wir müssen jetzt nach vorne schauen", sagt Taveau.

Vorwürfe sorgen auch intern für Aufruhr

Umstritten bleibt Unicef-Geschäftsführer Dietrich Garlichs, der unter Verdacht steht, externe Berater zu großzügig honoriert zu haben. Laut Vereinssatzung hat er weitreichende Vollmachten und ist bis auf Darlehensgeschäfte "alleinverfügungsberechtigt". Vereinsmitglied Edith von Welser-Ude warf Garlichs heute vor, dass in den Rechenschaftsberichten und Bilanzen die betreffenden Beträge nie aufgetaucht seien. Die ehemalige Geschäftsführerin Katharina Schippers forderte ihren Nachfolger zum Rücktritt auf. Und die mit 400 ehrenamtlichen Mitarbeitern größte deutsche Unicef-Landesgruppe in Hamburg sprach sich gegenüber SPIEGEL ONLINE dafür aus, die Kompetenzen des Geschäftsführers grundsätzlich einzuschränken.

Doch Garlichs will nicht zurücktreten. Zugleich kündigte er Konsequenzen aus den Vorwürfen an. "Wir müssen zeigen, dass wir die Kritik ernst nehmen", sagte er im Interview mit dem WDR. Als Konsequenz aus den Vorwürfen verspricht das Kinderhilfswerk nun also, seine Strukturen umzubauen. Es werde Veränderungen in der Geschäftsstelle und bei der Arbeit des Vorstandes geben.

Tatendrang tut Not - denn Druck auf Unicef kommt mittlerweile von ganz oben: Auch die Kanzlerin verfolge die Diskussion, ließ Angela Merkel heute über Vize-Regierungssprecher Thomas Steg ausrichten. Um den Ruf des Hilfswerks zu retten, müssten die Vorwürfe vollständig aufgeklärt werden.

mit Material von dpa und afp



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