SPIEGEL-Forum über den Krieg Helfen die Lehren aus der Nazizeit weiter?

"Darf Deutschland wieder Krieg führen?" Unter dieser Frage lud der SPIEGEL in der Berliner Humboldt-Universität zu einer Podiumsdiskussion mit Historikern, Studenten und Bundestagspräsident Wolfgang Thierse. Der SPD-Politiker forderte zu einer neuen Weltinnen- und Weltsozialpolitik auf.
Von Holger Kulick

Berlin - Die Deutschen gelten als besonders sensibel, wenn es um die Frage künftiger Kriegseinsätze der Bundeswehr geht. "Nie wieder Krieg!" wurde einer der deutschen Leitsätze nach dem Dritten Reich und dem Holocaust. Das Leben jedes Einzelnen wurde zum allerhöchsten Gut.

Aber gilt das noch heute? Und taugt es als Leitlinie deutscher Politik im Zeitalter der Globalisierung? Das war die Frage, als am Donnerstagabend der SPIEGEL zu einer öffentlichen Diskussionsrunde in das Audimax der Humboldt-Universität geladen hatte, um unter anderen mit Bundestagspräsident Thierse und den Historikern Heinrich August Winkler und Bernhard Schlink zu debattieren: "Die Gegenwart der Vergangenheit: Darf Deutschland wieder Krieg führen?" Oder sich an einem "hoffentlich gerechten Krieg" beteiligen? So spitzte Diskussionsleiter Martin Doerry, stellvertretender SPIEGEL-Chefredakteur, das Thema gleich zu Beginn noch weiter zu - und erntete prompt ein Murren des Publikums.

Thierse: Gleichberechtigung verpflichtet

Den Umstand, dass die Mehrheit der Deutschen nicht vergessen habe, was Krieg bedeute, nannte Thierse "sympathisch". Es sei gut, dass sie dem Leitbild folge: "Wir wollen nie wieder Täter sein."

Doch nach der Wiedervereinigung sei die Bundesrepublik "gleichberechtigtes und gleichverpflichtetes" Mitglied der internationalen Staatengemeinde geworden. Daher verbiete es sich, weiterhin auf einem deutschen "Sonderweg" zu bestehen, sagte Thierse. Nun herrsche der Verteidigungsfall der Nato, den die Uno ausdrücklich als "kollektive Selbstverteidigung" gebilligt habe. Deutschland könne zwar nicht Nein sagen, aber müsse die Diskussion vorantreiben, ob mit den angewandten Mitteln der eigentliche Zweck erfüllt werde. Für ihn "persönlich" sei die Grenze überschritten, "wenn Streubomben geworfen werden", sagte Thierse.

"Den Humus bekämpfen"

Die eigentliche Aufgabe sei jedoch, "den Humus zu bearbeiten und zu bekämpfen", auf dem Terrorismus immer wieder nachwachse, so Thierse. Die jetzt notgedrungene Maßnahme Krieg dagegen könne "bestenfalls ein kurzes Kapitel sein". Gerade die geschichtliche Erinnerung der Deutschen verpflichte sogar dazu, "Lösungen nicht aufs Militärische zu reduzieren, sondern leidenschaftlich zivile Lösungen" zu entwickeln, forderte Thierse. Zu dem "Humus" gehöre für ihn zum einen "der seit 50 Jahren ungelöste Nahost-Konflikt".

Zum anderen räche sich, nicht auf Willy Brandt gehört zu haben, die gravierenden "Ungerechtigkeiten zwischen Nord und Süd" auszugleichen. Nun gelte es eine "vernünftige Weltsozialpolitik zu entwickeln, die mehr ist als Entwicklungspolitik", forderte Thierse. Auch eine neue Form von "Weltinnenpolitik" gehöre dazu, die in Afghanistan jedoch zunächst abschreckend wirke.

"Nicht auf Gesprächstherapie setzen"

Widerspruch vom Podium erntete Thierse nicht. Der Historiker Heinrich August Winkler betonte, "das Wesentliche" sei, dass dies kein Angriffskrieg ist. Die deutschen Kriegsleiden des Dritten Reichs dürften nicht bis zur "Banalisierung" instrumentalisiert werden, um die Verpflichtung zu negieren, Freiheit heute gemeinsam zu verteidigen. Hier dürfe keine neue "Übermoral" entstehen, die sich in neuer Weise an dem Leitspruch orientiere, "am deutschen Wesen soll die Welt genesen". Für ihn sei ein "aufgeklärter Patriotismus statt Hurrapatriotismus" gefragt.

Aus Winklers Sicht sei der Militäreinsatz "legitim", denn die fanatischen Taliban hätten explizit den Juden und Christen den Krieg erklärt. "Wer will bestreiten, dass der Krieg gegen Hitler gerecht war?", fragte Winkler. Nun gehe es um "angemessene Gewalt", und das schließe "leider militärische Mittel nicht aus". Es helfe schließlich nicht, bei Osama Bin Laden und seinen Strategen "auf Gesprächstherapie zu setzen".

Winklers Berufskollege, Bernhard Schlink, bestritt ebenfalls die Berechtigung der Frage, ob Deutschland "wieder Krieg führen darf". Einen Bezug zum Dritten Reich sehe er nicht, denn "das Böse" habe seit dem 11. September "ein neues Gesicht, und nicht mehr das von KZs und Angriffskriegen". Der Einsatz der USA würde auch nicht im Sinne eines Krieges geführt, es gebe keine Flächenbombardements, und die Amerikaner versuchten, "so gezielt und polizeilich wie möglich vorzugehen". Das Publikum sah das in seinen Reaktionen weitgehend anders.

Für verwerflich halte er die weit verbreiteten Debatten, die Angriffe der Taliban auf die USA zu rechtfertigen, weil diese verantwortlich wären für alle Ungerechtigkeit auf der Welt, kritisierte Schlink. Mit der Parole "Hass kommt von Ungerechtigkeit, Terror kommt von Hass" sei der Terrorismus der reichen Taliban-Führer nicht zu entschuldigen und zu erklären.

Perspektiven? Fehlanzeige

Im Auditorium nutzten etliche Redner die Chance, mit eher schlichten Weltbildern Gut und Böse zu erklären, gipfelnd im Satz eines sich selbst so definierenden Langzeitstudenten: "Sie reden vom gerechten Krieg, den sehe ich eher in der Bombardierung des Pentagon."

Während Wolfgang Thierse "ideologische Verblendung durch Vulgärmarxismus" ausmachte, kam die besonnenste Antwort von der Geschichtsstudentin Ines Langelüddecke, die als fünfte Diskutantin mit auf dem Podium saß. "Sag mir, wo du stehst... du musst dich entscheiden", diese Liedparole aus der DDR gelte heute zum Glück nicht mehr, meinte sie, denn gerade jetzt sei es fatal, sich nach plumpen Rezepten auf die Kategorien Gut und Böse zu beschränken. Ihre Mitstudenten sollten das entschuldigen, aber einfache Antworten habe sie im Gegensatz zu vielen ihrer Mitstreiter nicht.

Nach dem Ende der Veranstaltung schimpfte das Publikum über die oberflächlichen Diskutanten, die Diskutanten ihrerseits mokierten sich über das oberflächliche Publikum.

Ob es nicht müßig sei, rückwärtsgewandt zu fragen, stritten sich vor allem jüngere Studenten. Lenke nicht die Fragestellung "Darf Deutschland wieder Krieg führen" von der viel wichtigeren Aufgabe ab: Was sollte Deutschland nach diesem Krieg in Gang setzen, um Afghanistan zu helfen? Außer der Minenräumung und dringenden Hungerbekämpfung, so hieß es am Rande, wäre ein ausgefeilter Marshallplan mehr als eine Debatte wert.

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