SPIEGEL ONLINE Exklusiv Der Truppe laufen die Soldaten weg

Eine Analyse des Verteidigungsministeriums belegt: Die Bundeswehr kann nicht mehr genügend Nachwuchs gewinnen, die große Armeereform droht zu scheitern.

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Bundeswehrsoldaten: "Fehl an Personal"
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Bundeswehrsoldaten: "Fehl an Personal"

Berlin - Schmutzige Großküchen, dreckige Duschen, schlecht gewartete Panzer - die Liste des Verteidigungsministeriums über die Mängel in der Bundeswehr ist lang. Darum kehren immer mehr Soldaten der Bundeswehr den Rücken.

Vor allem so genannte "Soldaten auf Zeit" kann die Truppe kaum noch gewinnen, heißt es in dem Bericht "zur Nachwuchslage in der Bundeswehr", der SPIEGEL ONLINE vorliegt. Sie gehören meist den Rängen der Offiziere und Unteroffiziere an. Besonders viele Zeitsoldaten traten in den Jahren 1988 bis 1993 in die Bundeswehr ein. Deren Verträge liefen in den letzten Jahren aus, kaum einer verlängert seine Dienstzeit.

25.600 Zeitsoldaten schieden allein im vergangenen Jahr aus. Erneut sei es nicht gelungen, "das während der letzten Jahre aufsummierte Fehl an Personal signifikant abzubauen", stellen die Bundeswehr-Planer fest. Dadurch habe sich das Defizit "nochmals verstärkt".

Neue Bewerber sind rar. Für die einfachen Soldaten, die Mannschaftsdienstgrade, verbuchten die so genannten Zentren für Nachwuchsgewinnung im vergangenen Jahr 1,5 Prozent weniger Bewerbungen. Noch schlechter sieht es in den Offiziersrängen aus. Seit 1997 gehen dort die Zahlen zurück. Im vergangenen Jahr erreichten sie einen vorläufigen Tiefpunkt. Nur 8528 Kandidaten drängten in die Offizierslaufbahn - zehn Prozent weniger als im Vorjahr.

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Auch Wehrpflichtige sind immer weniger bereit, freiwillig ihren Dienst zu verlängern. Mit 21.700 Freiwilligen erreichte die Bundeswehr im Millenniumsjahr nur 92,3 Prozent der im Haushalt vorgesehenen Stärke. Das Verteidigungsministerium rechnet mit einer weiteren Verschärfung der Nachwuchslage. Denn noch kommt gut jeder dritte Bewerber aus Ostdeutschland. Das ist viel gemessen an der Bevölkerungszahl von 16 Millionen, die nicht mal einem Fünftel aller Deutschen entspricht.

Noch kommt jeder dritte Bewerber aus dem Osten

Der Osten wird jedoch als Rekrutierungsbasis schwinden, fürchten die Militärs und warnen: "Mit einer Annäherung an das Bewerbungsaufkommen in den alten Bundesländern ist zu rechnen." Als Gründe nennen die Militärs die "wirtschaftliche Entwicklung", das "künftig geringere Wehrpflichtigenaufkommen" und die "Veränderungen in der Meinungs- und Motivlage junger Menschen". Damit ist vor allem die zunehmende Attraktivität des Zivildienstes gemeint.

Damit droht Scharpings Bundeswehrreform schon im Ansatz zu scheitern. Zwar verringert sich nach dem Plan des Wehrministers die Truppenstärke insgesamt, jedoch vor allem dadurch, dass weniger Wehrdienstleistende eingezogen werden. Die Zahl der Berufs- und Zeitsoldaten soll dagegen steigen, und zwar von 187.800 auf 200.000 in zehn Jahren. "Das erfordert einen Nettozuwachs von über 12.000 in den kommenden 10 Jahren, der zusätzlich gewonnen werden muss", heißt es in dem Bericht des Ministeriums.

Gerade die Bundeswehrreform macht aber den Soldatenjob unattraktiv. Die öffentliche Diskussion über Standortkürzungen und wachsende Anforderungen wirke sich "erschwerend" auf die Nachwuchsgewinnung aus, so die Militärs. Dadurch habe sich die Konkurrenz mit der freien Wirtschaft um Arbeitskräfte "deutlich verstärkt".

Argumentationshilfe für die Soldaten im Intranet

Zumindest rhetorisch passen sich die Streitkräfte der Industrie an: Im truppeninternen Intranet ist bereits vom "Unternehmen Bundeswehr" die Rede. Wegen der jüngsten Hiobsbotschaften finden die Soldaten dort Argumente für den Armeedienst.

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Allen Angehörigen der Streitkräfte wird empfohlen, "deutlich herauszustellen, dass die Bundeswehr jährlich über 20.000 jungen Menschen langfristige Arbeitsverhältnisse mit interessanten Tätigkeiten, mit fordernden Aufgaben und zivilberuflicher Qualifizierung bietet". In den kommenden Jahren sollen jährlich zwischen 300 und 600 Millionen Mark für reizvollere Jobs bereit gestellt werden. Mit einem "Attraktivitätsprogramm" sollen Beförderungen und bessere Eingangsgehälter finanziert werden.

Aber Finanzminister Hans Eichel blockiert die dafür notwendige Finanzspritze. Der Sparkommissar ist grundsätzlich nicht bereit, für dieses oder nächstes Jahr zusätzliches Geld für den Verteidigungshaushalt bereit zu stellen. Im Gegenteil: Eichels Beamten haben in einem internen Vermerk sogar das Ende der "freien Heilfürsorge" für Soldaten erwogen, also die Gratisbehandlung beim Truppenarzt.

Die Spitzenmilitärs sind ratlos. Wenn das Attraktivitätsprogramm nicht umgesetzt wird, so fürchtet einer der Planungsoffiziere, komme bald niemand mehr zur Bundeswehr.



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