SPIEGEL ONLINE exklusiv PDS-Punkerin war Stasi-Informantin

Bislang unbekannte Dokumente belegen, dass sich die PDS-Bundestagsabgeordnete Angela Marquardt vor der Wende als Schülerin verpflichtete, konspirativ für den DDR-Geheimdienst zu arbeiten. Die PDS-Politikerin streitet dies ab, obwohl die Unterlagen das Gegenteil aussagen.

Von Holger Kulick


Die PDS-Bundestagsabgeordnete Angela Marquardt (l.) neben ihrer Fraktionskollegin Petra Bläss im Bundestag
DPA

Die PDS-Bundestagsabgeordnete Angela Marquardt (l.) neben ihrer Fraktionskollegin Petra Bläss im Bundestag

Berlin - Mindestens einen Spitzel pro höherer Schulklasse, pro Kasernenstube, pro Betriebsabteilung - das war die Zielvorgabe der DDR-Staatssicherheit (Stasi). Die Mehrzahl der für diesen Zweck Angesprochenen hat sich den Stasi-Werbern widersetzt, das lässt sich heute aus den Unterlagen des ehemaligen DDR-Geheimdienstes ersehen.

Angela Marquardt, Bundestagsabgeordnete der PDS aus Greifswald, ging diesen Weg nicht. Sie hat sich am 3. April 1987 unter dem Decknamen Katrin Brandt freiwillig zur Mitarbeit beim DDR-Geheimdienst verpflichtet. Das ergibt sich aus erst kürzlich ausgewerteten Dokumenten der Stasi-Unterlagenbehörde in Rostock. Mitarbeiter der Behörde stießen bei der Erforschung von Schüleranwerbungen auf diese Dokumente, die SPIEGEL ONLINE vorliegen. Die Redaktion hatte zu diesem Komplex einen Forschungsantrag gestellt.

Einer Akte mit der nüchternen Kennziffer "IM-Vorgang I 612/87" liegt die handschriftliche Verpflichtungserklärung der damals 15-jährigen Angela Marquardt bei. In diesem Alter wurden Schüler gezielt als mögliche Perspektivagenten angeworben. Die Tochter geschiedener Eltern lebte seinerzeit alleine in Greifswald nachdem ihre Mutter nach Frankfurt an der Oder verzogen war. Damals schrieb Angela Marquardt für die Stasi handschriftlich nieder:

"Ich möchte, dass Feinde unschädlich gemacht werden..." - Verpflichtungserklärung oder nur Schweigeverpflichtung vom 3.4.1987?
SPIEGEL ONLINE

"Ich möchte, dass Feinde unschädlich gemacht werden..." - Verpflichtungserklärung oder nur Schweigeverpflichtung vom 3.4.1987?

"Ich, Angela Marquardt, verpflichte mich freiwillig, das MfS in seiner Arbeit zu unterstützen. Meine Entscheidung beruht auf meiner politischen ideologischen Überzeugung... Ich möchte, dass Feinde unschädlich gemacht werden und Menschen, die auf dem falschen Weg sind, geholfen wird.... Ich werde für alle das MfS interessierende Fragen den mir bekannten Mitarbeiter informieren. Zur Wahrung der Konspiration wähle ich das Pseudonym "Katrin Brandt". Über die inoffizielle Zusammenarbeit mit dem MfS und alle damit zusammenhängenden Probleme werde ich gegenüber jedermann Stillschweigen bewahren. Ich wurde zur Wahrung der Konspiration Wachsamkeit und Geheimhaltung eingewiesen und belehrt. Angela Marquardt 3.4.87".

Dementi von Marquardt

Bislang war über eine solche Spitzeltätigkeit Marquardts in der Öffentlichkeit nichts bekannt, auch nicht in der PDS-Fraktion, teilte Pressesprecher Rainer Oschmann mit.

Angela Marquardt dementierte am frühen Dienstagabend die Vorwürfe. Sie habe "zu keinem Zeitpunkt wissentlich mit der Stasi zusammengearbeitet". Sie habe auf Geheiß ihrer Mutter nur "eine Art Schweigeverpflichtung" geschrieben. Denn ihre Eltern hätten "inoffiziell" mit dem Ministerium für Staatssicherheit zusammengearbeitet, teilte sie in einer schriftlichen Erklärung und auf ihrer Homepage mit. "Diese Treffen begannen, als ich 9 oder 10 Jahre alt war" (Siehe Dokumentation).

Im Rahmen eines Interviews wollte sie zunächst nicht öffentlich Stellung nehmen, ein PDS-Sprecher stellte SPIEGEL ONLINE aber ein Gespräch mit ihr in Aussicht. Zuvor wolle sie jedoch die Akten studieren. Auch eine schriftliche Anfrage von SPIEGEL ONLINE war im Vorfeld unbeantwortet geblieben. Das Motiv dafür liegt womöglich weniger in ihrer ursprünglichen Verstrickung mit dem Spitzeldienst. Schließlich war sie gerade 15 Jahre alt, als sie in die Fänge des MfS geriet - ein Alter, in dem nur wenige Jugendliche über einen gefestigten Charakter und solide politische Überzeugungen verfügen. Marquardts Schweigen geht wohl eher darauf zurück, dass sie in all den Jahren danach als erwachsene Politikerin zahlreiche Chancen verstreichen ließ, sich zu der aus den Akten herauslesbaren Jugendsünde zu bekennen.

Ziehkind von Gregor Gysi

Innerparteilich gilt die Genossin mit der Punk-Optik (zeitweise grünrot gefärbtes Haar und Irokesen-Schnitt) als Ziehkind der SED-Umformer Gregor Gysi und Lothar Bisky. Durch beide gefördert, erfuhr sie nach der Wende einen kometenhaften Aufstieg innerhalb der PDS. Bereits von Dezember 1990 bis Januar 1995 gehörte die 1971 geborene Marquardt dem PDS-Parteivorstand an. Von Januar 1995 bis Januar 1997 war sie stellvertretende PDS-Parteivorsitzende und ist seitdem Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft "Junge Genossinnen in und bei der PDS". 1998 wurde sie in den Bundestag gewählt. Dort ist sie medien-, technologie- und jugendpolitische Sprecherin der PDS-Fraktion.

Geheimniskrämerei über Politkarriere

Über ihre politische Karriere schrieb sie bislang eher geheimnisvoll. So heißt es in einem Aufsatz auf ihrer Homepage: "Ich glaube nicht, dass sich irgendjemand auch nur annähernd vorstellen kann, wie ich mich gefühlt habe, als ich aus einer Kleinstadt in eine Funktion katapultiert wurde, von der ich kurz zuvor noch nicht einmal gewusst habe, dass es sie gibt. Und das in einer Partei, die staatstragend und diktatorisch gewesen war. Manche haben mich auch deswegen gewählt, weil Gregor Gysi mich vorgeschlagen hatte. Mit der Wahl wurden Erwartungen in mich gesetzt. Aber welche? Ich glaube, ich habe es bis heute nicht ganz herausfinden können."

Stasi-Perspektive Theologiestudium?

Die Marquardt-Akte mit der Stasi-Registraturnummer "IM-Vorgang I 612/87" ist ein Fundstück aus 180 Kilometer Stasi-Akten, die zum Teil noch unerforscht sind
DDP

Die Marquardt-Akte mit der Stasi-Registraturnummer "IM-Vorgang I 612/87" ist ein Fundstück aus 180 Kilometer Stasi-Akten, die zum Teil noch unerforscht sind

Warum Marquardt der Stasi diente, ergibt sich nicht eindeutig aus den Unterlagen. In einem Aktenvermerk vom 8. September 1989 über zwei Treffs "im Pkw (Helmshagen)", ist nachzulesen, dass die Staatssicherheit offensichtlich eine Perspektivagentin aus ihr machen wollte, deren "op Perspektive", also operative Perspektive, es sei, "eine Entwicklung zum theologischen Studenten anzustreben". Dafür habe sie ihr Wort gegeben. Am Ende des Protokolls wird der Auftrag festgehalten, "ab jetzt die kirchlichen Kontakte anzugehen und dabei den Semesterbeginn der ESG (Evangelischen Studenten Gemeinde) zu nutzen".

Tatsächlich beschreibt Marquardt in ihrem Buch "Was ich bin, was mir stinkt, was ich will" (Kiepenheuer, Köln 1999), dass sie zum Ende ihrer Schulzeit ab 1988 den Kontakt zur ESG regelmäßig suchte. Als Anstoß dazu nennt sie jedoch die Kontakte durch eine befreundete Pfarrerstochter, über die Staatssicherheit schreibt sie dagegen kein Wort. Und in ihrer schriftlichen Erklärung vom Dienstagabend schreibt sie die "Idee eines Theologiestudiums" Gesprächen mit ihren Eltern zu.

Wunschlaufbahn beim Militär

Das Stasi-Protokoll vom 8. September 1989 berichtet auch über einen "längeren Disput" mit dem Führungsoffizier. Denn zu diesem Zeitpunkt waren die schulischen Leistungen Marquardts so gesunken, dass die Zuweisung eines Studienplatzes für zu viel "Wirbel" gesorgt hätte. Nur die Klassenbesten erhielten die Studienberechtigung. Der IM habe, so berichtet der Stasi-Mann, "aus unerfindlichen Gründen sein Leistungsniveau in der 11. Klasse bewusst gedrückt, um eine beabsichtigte Laufbahn als NVA-Offiziers-Bewerber infrage zu stellen, weil diese ihm wegen der gebotenen Spezialisierung nicht zusagte (er wollte etwas wie Truppenkommandeur werden - für Frauen nicht möglich)".

Dass Angela Marquardt tatsächlich zunächst eine Militärlaufbahn anstrebte, hat sie in einem offenen Brief an ihren "Opa" erwähnt, mit dem sie ihr Buch von 1999 einleitet. Darin heißt es: "Du erinnerst dich bestimmt, dass ich einmal Offizier der NVA in einem Staat werden wollte, mit dem mich heute nicht mehr viel verbindet". In ihrem Buch begründet sie das mit Ambitionen, Sportlerin zu werden, und erwähnt in einer Jugendweiherede das Ziel "Judoweltmeisterin".

Dass sie jedoch politisch mit dem System so weit konform ging, dass sie sich einer Zusammenarbeit mit dem MfS nicht verweigerte, ergibt sich nicht aus ihren Selbstbeschreibungen.

© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.