Start der SPIEGEL-Reihe "Wir seit '89" Wächst jetzt zusammen, was zusammengehört?

Die Mauer trennte Millionen Menschen - vor 30 Jahren fiel sie. Bis heute wirkt die deutsche Teilung nach. Sie ist abzulesen in Statistiken und im Wahlverhalten, sie ist zu spüren, wenn wir übereinander reden. Start der großen SPIEGEL-Reihe.

CHUTE DU MUR BERLIN/ Gamma-Rapho via Getty Images

Der frühere Generalsekretär der SED und kurzzeitige Staatsratsvorsitzende Egon Krenz beklagte kürzlich im SPIEGEL, Medien würden "pauschale Urteile treffen", wenn es um Ostdeutschland gehe. "Es gibt nicht den Ostdeutschen."

"Die Menschen im Westen interessieren sich nicht für uns", sagte die in der ehemaligen DDR populäre Sängerin Uschi Brüning im Frühjahr in einem Interview. Der SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Sascha Lobo stellte fest, in der Debattenöffentlichkeit kämen Ostdeutsche hauptsächlich in zwei Dimensionen vor: "als Bundeskanzlerin und als Nazis".

Und der Sänger der Chemnitzer Band Kraftklub, Felix Kummer, erzählte, wie ihm ganz übel geworden sei, als er Wahlergebnisse für Ostdeutschland bei der Europawahl im Fernsehen gesehen habe: ziemlich viel blau - die Farben der AfD. "Ich weiß aber auch nicht, was die Konsequenz ist, was jetzt zu tun ist", so Kummer.

Ja, was ist zu tun? Wie beschreibt man den Osten richtig? Muss man überhaupt ein besonderes Augenmerk auf den Osten legen? Die Fragen lassen sich wohl kaum abschließend beantworten.

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In diesem Jahr wird in Deutschland noch dreimal gewählt. Am 1. September 2019 in Sachsen und Brandenburg, am 27. Oktober 2019 in Thüringen. Und am 9. November jährt sich zum 30. Mal der Tag des Mauerfalls. Ein Einschnitt, der fast überall in Deutschland bis heute nachwirkt. DER SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE werden diese Ereignisse intensiv begleiten. Wir wollen ergründen, warum sich der Eindruck von Egon Krenz, Uschi Brüning oder Sascha Lobo so verfestigt hat - und wir wollen ihm entgegenwirken.

In der Artikelserie "Wir seit '89" veröffentlichen wir in den kommenden Wochen und Monaten eine Vielzahl von Texten und Videos.

Willy Brandt auf einem historischen Teil der ehemaligen Berliner Mauer in Teltow (Brandenburg)
DPA

Willy Brandt auf einem historischen Teil der ehemaligen Berliner Mauer in Teltow (Brandenburg)

Der frühere Bundeskanzler Willy Brandt prägte die Tage und Monate des Mauerfalls und der anschließenden Wiedervereinigung mit seinem inzwischen legendären Zitat: "Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört". Wächst jetzt zusammen, was zusammengehört? Ist es längst zusammengewachsen?

Die Beiträge werden zurückblicken und zum Beispiel die Rolle der Treuhand nach der Wende beschreiben - für viele Grund eines Traumas und noch heute Gegenstand von Wahlkämpfen. Und sie schauen nach vorn und erzählen, welche Region besonders viele Start-ups versammelt.

Wir beobachten den Westen und fragen, was Saarländer und Thüringer gemeinsam haben, was die Menschen in dem kleinen Bundesland von der Vereinigung halten, wo sie doch vor Jahrzehnten selbst eine kleine Wiedervereinigung erlebten. Und wir schauen nach Osten. Erzählen, warum überdurchschnittlich viele junge Bundestagsabgeordnete aus Sachsen oder Thüringen kommen. Oder was es für Schüler bedeutet, wenn sie jeden Tag drei Stunden Fahrzeit zur Schule haben, weil es keine mehr in ihrer Nähe gibt.

SPIEGEL TV und das ZDF haben für eine zweiteilige Dokumentation Menschen in ganz Deutschland befragt, für wie gelungen sie den Vereinigungsprozess halten. Neben Prominenten wie Günther Jauch, Oliver Welke, Katja Riemann oder Alexander Gauland kommen auch zahlreiche Bürger zu Wort, für die der Mauerfall entweder direkte Konsequenzen hatte oder eben gar keine (Sendetermine: Dienstag, 6. August, 21.00 Uhr und Donnerstag, 8. August, 22.15 Uhr im ZDF).

Christiane Paul
Carsten Rehder/ picture alliance/dpa

Christiane Paul

Zudem wird DER SPIEGEL in seiner Reihe SPIEGEL live seine Gäste künftig auch ins Dresdner Staatsschauspiel einladen. Den Auftakt am 22. August macht die Schauspielerin Christiane Paul, die ihre Karriere nach der Wende startete und die über das schnelle Ende der DDR sagt: "Es war für mich sehr ernüchternd." All die Möglichkeiten, über die zuvor noch diskutiert worden sei, "ein Land mit anderen Vorzeichen und anderen Werten, waren plötzlich weg."

Wir wollen Sie ständig auf dem Laufenden halten. Wenn Sie mögen, informieren wir Sie ab Freitag, den 9. August bis Ende November einmal pro Woche per Newsletter, welche neuen Beiträge wir unter dem Motto "Wir seit '89" im SPIEGEL, auf SPIEGEL ONLINE, auf SPIEGEL+ oder bento veröffentlicht haben.

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Hier finden Sie eine Auswahl bereits veröffentlichter Texte aus der Reihe. Wir freuen uns über Anregungen und Kritik gleichermaßen.

jat

insgesamt 102 Beiträge
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Seite 1
echtermünchner 01.08.2019
1. Vermögensbildung
Hyperinflation Anfang des 20.Jahrhunderts, die Zerstörungen des 2.Weltkriegs, Flucht und Vertreibungen,die ärmlichen Verhältnisse in der DDR, all das waren Gründe oder sind Gründe weshalb man keinen Spielraum für Vermögensbildung hat. Und deshalb hat man hierzulande eine niedrige Eigenheimquote und im Schnitt ein Vermögen pro Kopf von 45.000? im Median. Während Italiener, Spanier und Franzosen durchschnittlich 125.000? pro Kopf haben, jeweils im Median. Nach 30 Jahren Wiedervereinigung immernoch arm wie eine Kirchenmaus. Und seit Generationen nichts zum weitergeben gehabt. Das wird auch die nächsten 30 Jahre so sein. Nichtsdestotrotz, es wächst was zusammenwachsen soll. Prostit Deutschland.
brunellot 01.08.2019
2. Gravierende Unterschiede gibt es auch sonstwo!
Dieser ganz Hype über das Ost-West Gefälle ist m.E. maßlos übertrieben. Gefühlte und reale Unterschiede gibt es auch sonstwo ohne dass die Welt unter geht. Beispiele gefällig? 1.) Nord-Süd: Ganz klare Unterschied in Mentalität, Sprache und politischer Orientierung 2.) Stadt-Land: Diese Unterschiede sind regional schon extrem ausgeprägt und möglicherweise viel stärker als das "Ost-West" Gefälle 3.) Regionale Unterschiede: Oberbayern und Franken (beides Bayern) sind wie Feuer und Wasser. In gleicher weise sind sich die Schwaben und Badener fremd obwohl sie ein gemeinsames Bundesland haben. Gibt's übrigens im Osten und Leute aus Mäckpomm ticken völlig anders als Leute aus, z.B. Sachsen. Trotz all diesen Unterschieden ist es bis jetzt erstaunlicherweise noch nirgends zum Desaster gekommen... Regionale Unterschiede und Eigenheiten sind doch toll und wünschenswert!
hausfeen 01.08.2019
3. Da war die Sehnsucht nach westlichen Konsummöglichkeiten.
Aber andererseits auch eine seit 1933 mehr als nur erduldete oder gwohnte Sicherheit durch den autoritären Staat. Das wirkt nach. Nach den ersten Enttäuschungen der Paradiesvorstellungen kroch langsam wieder die alte Sehnsucht nach starker politischer Führung durch das aufgegebene Land. Die PDS und später die verwestlichte Linke konnten das nicht mehr geben. So ist die Hinwendung zur AfD nur logisch. Was soll da zusammenwachsen? Diese Frage stellt sich so doch gar nicht!
muellerthomas 01.08.2019
4.
"Die Menschen im Westen interessieren sich nicht für uns" Mein Eindruck ist eher, dass über den Osten überproportional viel berichtet wird. Und welche Erwartung hat Frau Brüning da eigentlich?
PTerGun 01.08.2019
5. Wie war das denn damals vor dem Krieg?
Mich würde an dem Thema interessieren, als jemand, der geboren ist, als die Mauer schon stand, ob denn Deutschland vor der Mauer, oder sagen wir, vor dem Krieg, so ein homogenes Gebilde war, oder ob es nicht schon damals ein Ost-West-Unterschied gab, so etwas, wie die Mauer in den Köpfen. Haben sich beispielsweise die Sachsen-Anhaltiner und die Thüringer und deren Verhältnis zu den westlichen Bundesländern durch die DDR so nachhaltig geändert? Oder ist das Verhältis der westlichen Bundesländer in manchen Bereichen halt so, wie es vor der Mauer oder vor der DDR war? Waren manche östlichen Bundesländer früher eigentlich sehr strukturstark und industriell, oder die wirtschaftlich starken blühenden Landschaften und sind es heute eben nur durch die DDR und die Wende nicht mehr? Oder ist eigentlich alles beim Alten? Waren Sachsens Provinzen schon im 19 Jahrhundert dafür bekannt, nicht besonders fremdenfreundlich zu sein oder ist das ein Klischee, das sich erst nach der Wende gebildet hat? Ich finde diese Aspekte vor dem Hintergrund solcher Betrachtungen unerlässlich. Man liest nur nichts darüber. Wenn politisch über das Ost-West-Gefälle gesprochen wird, dann hört sich das so an, als sei früher in Deutschland jedes Bundesland gleich gewesen und nur durch die DDR sei alles unterschiedlich geworden. Das glaube ich so nicht.
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