FDP-Spitzenkandidat in NRW Lindner soll die Liberalen retten

Es ist eine politische Sensation: Nur drei Monate nach seinem überraschenden Rücktritt als FDP-Generalsekretär wird Christian Lindner Spitzenkandidat in Nordrhein-Westfalen. Die schwierige Mission könnte seine politische Karriere beenden - oder ihn zum Chef der angeschlagenen Partei machen.
Ex-FDP-General Lindner: Nach Blitz-Comeback wieder Hoffnungsträger

Ex-FDP-General Lindner: Nach Blitz-Comeback wieder Hoffnungsträger

Foto: Caroline Seidel/ dpa

Berlin/Düsseldorf - Für Überraschungen hatte die FDP zuletzt immer wieder gesorgt, doch kein Schachzug hat größeres Erstaunen hervorgerufen als das, was die Liberalen am späten Donnerstagabend in Düsseldorf verkündeten: Christian Lindner, erst im Dezember als Generalsekretär der Bundespartei zurückgetreten, wird Spitzenkandidat der Liberalen in Nordrhein-Westfalen und übernimmt auch den Landesvorsitz.

"Ich werde mich mit vollem Engagement in den Wahlkampf hineinwerfen", erklärte Lindner. Er habe zwar andere Pläne gehabt. "Aber ich werde nicht in der Reserve bleiben, wenn es darum geht, die FDP wieder in den Landtag zu führen." Es sei eine ernste Wahl, bei der es "um die Zukunft der FDP" gehe.

Es ist ein überraschendes Blitz-Comeback: Erst Mitte Dezember war Lindner als Generalsekretär der Liberalen zurückgetreten. Damals war von einem Zerwürfnis mit dem umstrittenen Parteichef Philipp Rösler die Rede - am Donnerstagabend sagte Rösler nun zum Nominierung Lindners: "Wir schicken unseren besten Mann."

Der 33-Jährige soll die Liberalen nun aus der schwersten Krise ihrer Parteigeschichte führen. Die Neuwahlen in NRW könnten über die Zukunft der FDP entscheiden, die angeschlagene Partei im Umfragetief steht möglicherweise vor ihrer Existenzfrage. Scheitern die Liberalen bei den anstehenden Wahlen im Saarland, in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen, verliert die Partei noch weiter dramatisch an politischem Gewicht.

Lindner gab sich am Donnerstag in Düsseldorf betont selbstbewusst. "Wir spielen nicht auf Platz, sondern auf Sieg", sagte er. Doch die Aufgabe ist extrem schwer: Nach einer ZDF-Umfrage käme die FDP in Nordrhein-Westfalen auf zwei Prozent - die Liberalen liegen deutlich hinter den Piraten (sechs Prozent) und der Linken (vier Prozent). Lindner hat kaum zwei Monate Zeit, diese nahezu unmöglich erscheinende Mission zu erfüllen, die Liberalen in den Düsseldorfer Landtag zu bringen.

Lindner steht vor Alles-oder-Nichts-Aufgabe

Für Lindner ist das Comeback äußerst riskant: Scheitert er in NRW, dürfte ein Rückfahrtticket in die Bundespolitik in weite Ferne rücken. Hat er Erfolg, empfiehlt er sich jedoch für höhere Aufgaben - auch für den Posten des Parteichefs. Der jetzige FDP-Chef Rösler wirkt angeschlagener denn je.

Dass Lindners Comeback auch die Bundespartei beeinflussen wird, deutete FDP-Bundestagsfraktionschef Rainer Brüderle an: "Ich beglückwünsche Christian Lindner. Das ist eine gute Entscheidung - auch für die Bundespartei", sagte Brüderle am Donnerstagabend in Berlin. "Bei seinem Wahlkampf werde ich ihn gern voll und ganz unterstützen", betonte Brüderle.

Dass Lindner die Spitzenkandidatur in seinem Heimatverband übernehmen könne, galt schon im Laufe des Donnerstags als möglich. Doch dass Lindner Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr als FDP-Landesparteichef, der den Verband erst seit 14 Monaten führt, ablösen wird, hatte kaum jemand auf dem Zettel. Doch dann votierte der Landesvorstand laut Parteiangaben einstimmig für den charismatischen Jungstar.

Machtkampf in der einstigen "Boy Group"?

Sogar Rösler war nach Düsseldorf angereist. Das werteten manche Beobachter als Zeichen, der Bundeswirtschaftsminister wolle seinen Kabinettskollegen Bahr stützen und nicht mit seinem Ex-Generalsekretär Lindner in den Wahlkampf ziehen, der ihn durch seinen Rücktritt düpiert hatte.

Doch bei der Vorstellung Lindners zeigte sich das einst als "Boy Group" apostrophierte Trio Bahr, Lindner und Rösler in trauter Harmonie. Rösler sagte, der einflussreiche NRW-Landesverband sei voller starker Charaktere. In der Tat gelten die nordrhein-westfälischen Freidemokraten traditionell als ausgesprochen selbstbewusst. Nach der Pfeife der Bundespartei tanzen sie nicht. Insofern wäre in Düsseldorf kein Spitzenkandidat auf Berliner Geheiß durchzudrücken gewesen.

Tatsächlich habe sich Bundesgesundheitsminister Bahr auch von der Erkenntnis leiten lassen, dass er den Aufwand für die anstehende Pflegereform und die Spitzenkandidatur kaum vereinbaren könne, hieß es in Düsseldorfer Parteikreisen.

Bahr sparte nicht mit Lob für Lindner, der in Jeans und Jackett erschienen war. "Er hat eine große Erfahrung in Nordrhein-Westfalen, eine große Glaubwürdigkeit, großes Standing und Anerkennung", sagte Bahr.

Der Fraktionschef der FDP in NRW, Gerhard Papke, sieht Lindners langjährige Erfahrung in NRW als besonderen Trumpf. Immerhin habe er für die FDP fast zehn Jahre im Landtag gesessen. Von 2004 bis 2010 war er auch Generalsekretär der NRW-FDP. "Er kennt Nordrhein-Westfalen wie seine Westentasche. Er ist einer von uns." Nun habe die FDP für den kurzen Landtagswahlkampf "die optimale Formation gefunden".

Lindner, der noch im Bundestag sitzt, ist Kreisvorsitzender der FDP im Rheinisch-Bergischen Kreis. Zuletzt hat er sich für den Vorsitz des mächtigen Kölner Bezirksverbandes der FDP beworben.

Er war erst Anfang 30, als er Generalsekretär in Berlin und damit das Sprachrohr der FDPwurde. Kurz vor Weihnachten 2011 war er dann im Alter von 33 Jahren überraschend von seinem Amt zurückgetreten. "Es gibt den Moment, in dem man seinen Platz frei machen muss, um eine neue Dynamik zu ermöglichen", hatte er damals gesagt. Bis zu seinem Rücktritt hatte er als Hoffnungsträger der Liberalen gegolten - seit Donnerstag hat er diese Rolle wieder eingenommen.

Lob aus Bayern und von Ehrenvorsitzendem Scheel

Bayerns FDP-Chefin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger unterstützt die Nominierung Lindners. Die Bundesjustizministerin schrieb, er sei "ein überzeugender Spitzenkandidat" und werde die "Herzen" der Bürger in Nordrhein-Westfalen erreichen.

Auch der frühere Bundesinneminister Gerhart Baum zeigte sich erfreut. Lindner sei ein wirkliches politisches Talent, "das mit Überzeugung liberale Inhalte und Zukunftsthemen auch bei anderen Wählern anspricht". Lindner sei zudem jemand, der die FDP für andere Koalitionen öffnen könne. Baum mahnte die Partei zur Geschlossenheit und bat auch die internen Kritiker um Unterstützung. "Lindner muss nun im Existenzkampf für die Gesamtpartei alle die Entfaltungsmöglichkeiten bekommen, die ihm in Berlin versagt waren", so Baum.

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Johannes Vogel, der zu den engen politischen Weggefährten Lindners zählt, forderte ebenfalls Solidarität: "Die Wahl in Nordrhein-Westfalen ist für die FDP entscheidend und die gesamte Partei weiß das." Lindner kenne seine Heimat in- und auswendig, seit fast ein Jahrzehnt lang Landtagsabgeordneter gewesen. "Er bringt alles mit, um die FDP hier zum Erfolg zu führen", hofft Vogel.

Auch der FDP-Ehrenvorsitzende Walter Scheel zeigte sich von der Nominierung Lindners erfreut, wie aus einem Schreiben hervorgeht, das SPIEGEL ONLINE vorliegt. "Ich gratuliere Ihnen dazu und wünsche Ihnen alles, alles Gute - vor allem aber ein Ergebnis von über fünf Prozent", so der frühere Bundespräsident. "Mit großer Freude und Zuversicht habe ich aufgenommen, dass Sie als Spitzenkandidat unserer Partei in Nordrhein-Westfalen in den Wahlkampf ziehen", so Scheel weiter.

Weiter mahnte er die Partei zur Geschlossenheit. "Es ging immer eine Dynamik aus der FDP in NRW hervor. So auch jetzt durch Sie und Ihre Mitstreiter. Dabei werden Sie in der Partei eine große Solidarisierung verspüren. Wir Ehrenvorsitzende können weniger helfen. Aber Guido Westerwelle als Außenminister, Daniel Bahr als Gesundheitsminister und weitere starke Persönlichkeiten aus dem Landesverband werden Sie stützen", schreibt Scheel weiter.

Bundesvorsitzender Rösler und das FDP-Präsidium bräuchten den Aufschwung, "den wir und Sie aus Nordrhein-Westfalen geben werden". Der heute 92-Jährige Scheel schloss sein Schreiben mit den Worten: "Verzeihen Sie mir mein Alter und dass ich nicht mehr helfen kann. Glück auf!"

fab/sev/dpa
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