Sportschütze Frank T. Der Waffenhändler des Innenministers

Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Caffier hat Anfang 2018 eine Glock-Pistole vom Schießexperten Frank T. erworben. Dieser gehört zum Umfeld der rechtsextremen Gruppe "Nordkreuz". Was über den Mann bekannt ist.
Stacheldraht und Deutschlandfahne: Der Güstrower Schießplatz, auf dem Baltic Shooters-Inhaber Frank T. seine Waffentrainings anbietet

Stacheldraht und Deutschlandfahne: Der Güstrower Schießplatz, auf dem Baltic Shooters-Inhaber Frank T. seine Waffentrainings anbietet

Foto: Gordon Welters / laif

Ein Totenschädel mit rot glühenden Augen, dahinter zwei gekreuzte Maschinenpistolen: Zur zehnten Auflage des "Special Forces Workshop" hatten sich die Veranstalter ein ganz besonderes Logo überlegt. Fotos im Netz zeigen T-Shirts mit dem entsprechenden Emblem. Seit 2009 trafen sich auf einem Schießplatz im kleinen Güstrow in Mecklenburg-Vorpommern Spezialkräfte aus ganz Deutschland und aller Welt zu den Schießtrainings mit dem martialisch anmutenden Schädel.

Schirmherr des "Special Forces Workshop" war lange Jahre Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU). Ausrichter dieses Trainings war Frank T., Waffenexperte, mehrfach ausgezeichneter Sportschütze – und möglicher Verbindungsmann in die rechtsradikale Gruppe "Nordkreuz".

Der Jäger und der Waffennarr

Die Verbindung zwischen Caffier und T. beschäftigt nun die Republik – denn Caffier hat vom Waffenexperten T. Anfang 2018 eine Waffe erworben und es bis heute verheimlicht. Nach SPIEGEL-Informationen handelt es sich bei der Waffe um eine Pistole der Waffenschmiede Glock. Als Inhaber eines Jagdscheins darf Caffier eine solche legal erwerben.

Der CDU-Politiker und Jäger war am Donnerstag bei einer Pressekonferenz von einer Journalistin der "taz" gefragt worden, ob er eine Waffe bei einer Person mit möglicher Nähe zur Gruppe "Nordkreuz" gekauft habe. Caffier wich der Frage aus, der Waffenkauf sei "Privatsache".

Im SPIEGEL-Interview räumte Caffier nun den Erwerb ein . Zum Zeitpunkt des Kaufs habe er von den möglichen Verbindungen T.s zu "Nordkreuz" nichts gewusst: "Meinen Behörden und mir lagen Anfang 2018 keine Verdachtsmomente zu der Firma vor. Deshalb war ich beim Kauf auch arglos." Ihm eine Nähe zur Gruppe andichten zu wollen, sei "kompletter Unsinn und ehrverletzend".

Die Bundesanwaltschaft ermittelt bereits seit August 2017 gegen Männer aus dem Netzwerk – knapp ein halbes Jahr bevor Caffier seine Waffe bei T. gekauft hat.

Tatsächlich gilt T. in Sicherheitskreisen als renommiert. Der 53-Jährige leitet die Firma Baltic Shooters und betreibt einen Schießplatz in Güstrow, gut 70 Kilometer von Schwerin entfernt. Er hat eine Lizenz zum Waffenverkauf.

Die "Crème de la Crème der Eliteeinheiten" ausgebildet

Aber er ist nicht nur Waffenhändler. T. gehört zu den wenigen Zivilisten in Deutschland, die Polizisten und Militärs an der Waffe ausbilden. SEK-Einheiten mehrerer Bundesländer und Elitekommandos aus aller Welt standen schon auf seinem Schießplatz. Er habe die "Crème de la Crème der Eliteeinheiten" ausgebildet, schwärmt das Branchenmagazin "Caliber" .

Auf Bildern im Netz sieht man einen bulligen Mann mit Pferdeschwanz, tätowiert, bodenständig. T. könnte auch gut auf eine Ranch in Texas passen. Auf seinem Facebook-Profil postet er Bilder gegen die "EU-Diktatur" und posiert mit Waffen. In seiner aktiven Zeit als Sportschütze holte er 42 Deutsche Meister-Titel, er gilt als Talent im Mehrdistanzschießen.

In Polizeikreisen bekannt wurde der Waffenexperte vor allem für seinen alljährlichen "Special Forces Workshop". Die Güstrower Schießanlage bietet, was vielen staatlichen Ausbildern fehlt: Platz und Abgeschiedenheit. Polizistinnen und Polizisten können hier in verwinkelten Landschaften und Autowracks taktisches Schießen und Schießen aus der Bewegung üben.

Stelldichein der Elitekommandos

Auf Initiative des SEK Sachsen-Anhalt lud T. ab 2011 für drei Tage im Sommer zu dem Stelldichein der Eliteeinheiten: GSG-9-Teams, EKO Cobra aus Österreich, SWAT-Teams aus den USA, KSK-Soldaten, Spezialeinsatzkommandos und Bereitschaftspolizisten. Mit vertreten waren regelmäßig auch Rüstungsfirmen wie Heckler & Koch, Rheinmetall und Ruag.

Innenminister Caffier war bis September 2018 Schirmherr des "Special Forces Workshop" und schaute regelmäßig auch selbst vorbei. Über den Besuch Caffiers sei T. besonders erfreut, sagte er der Branchenseite Sek-einsatz.de  noch 2016.

Das Problem: Spätestens seit August 2017 gab es sehr konkrete Hinweise, dass der Schießplatz von T. ein Treffpunkt für Rechtsextreme sein könnte. Damals durchsuchten Ermittler im Zuge der Ermittlungen gegen "Nordkreuz" die Wohnung von Marko G., den T. regelmäßig als Ausbilder auf seiner Schießbahn einsetzte.

G. galt zwar damals nur als Zeuge. Gleichwohl müsste die Durchsuchung auch im Innenministerium für Aufmerksamkeit gesorgt haben, schließlich arbeitete der frühere Bundeswehrsoldat beim Spezialeinsatzkommando in Mecklenburg-Vorpommern. ​Zudem hatten die Ermittler bei G. schon damals neben legalen auch illegal erworbene Waffen sichergestellt, die Staatsanwaltschaft Schwerin eröffnete daraufhin ein Ermittlungsverfahren wegen Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz. 

"Genaue Einblicke in polizeiliche Interna" erlangt

Im Zuge der Ermittlungen tauchte mit dem Grabower Kriminaloberkommissar Haik J. auch ein weiterer Polizist aus Caffiers Bundesland auf. Auch er war regelmäßig mit Gleichgesinnten auf dem Schießplatz in Güstrow. Dass Schießtrainer T. durch seine Ausbildungstätigkeiten über Jahre "genaue Einblicke in polizeiliche Interna" erlange, bezeichnete eine Expertenkommission in Mecklenburg-Vorpommern später als "besonderes Problem".

Erst im Juni 2019 wurde im Zuge der Ermittlungen auch sein Güstrower Schießstand durchsucht. Daraufhin beendete das LKA Mecklenburg-Vorpommern seine Zusammenarbeit mit T., auch andere Polizeibehörden wollen dort nicht mehr trainieren. Auch Caffier ist nun nicht länger Schirmherr für den "Special Forces Workshop".

Die Gruppe "Nordkreuz" war ab Anfang 2016 aktiv . Sie soll sich unter anderem mit dem Anlegen von Waffendepots auf schwere Krisen des Staates vorbereitet haben. Zudem wurden bei Mitgliedern der Prepper-Gruppe Chats mit rechtsradikalem Inhalt entdeckt. Insgesamt soll "Nordkreuz" rund 40 Mitglieder angehört haben. Die Mitglieder organisierten sich über eine Chatgruppe.

40.000 Schuss für den "Tag X"

Vor allem "Nordkreuz"-Initiator und T.s Co-Ausbilder, der SEK-Beamte Marko G., war kein Unbekannter: Bereits 2009 waren anderen Polizisten während eines Trainings in Güstrow die Parolen aufgestoßen, die Marko G. von sich gab. In einem Vermerk an dessen Vorgesetzten hieß es anschließend, G. interessiere sich auffällig für den Nationalsozialismus und insbesondere für die SS, "ohne die nötige Distanz" erkennen zu lassen.

Die Notiz blieb folgenlos. G. bestreitet, rechtsextrem zu sein.

T. sieht sich als "Bauernopfer"

Schießplatzbesitzer T. will von all dem nichts bemerkt haben. In einem Interview mit der "Ostsee-Zeitung"  bezeichnete er sich 2019 als "Bauernopfer". Er räumt zwar ein, die verdächtigten SEK-Polizisten zu kennen – von einem rechtsextremen Hintergrund will er aber nichts mitbekommen haben. 

Nach Angaben eines Zeugen soll T. jedoch zeitweise selbst Mitglied der "Nordkreuz"-Chatgruppe gewesen sein, sich dann aber abgemeldet haben. Außerdem sollen sich mehrere der "Nordkreuz"-Mitglieder alle paar Wochen zum Schießen in Güstrow getroffen haben. Auf dem Schießstand hätten sie teils auch ihre Munition gekauft.

Auf eine Anfrage des SPIEGEL reagierte T. nicht. Die Ermittler im Fall "Nordkreuz" führen ihn als Zeugen, nicht als Beschuldigten.

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