Sprache im Bundestag Frauen in AfD-Reden nahezu unsichtbar

Eine neue Studie zeigt, wie sich die Sprache im Parlament über die Jahrzehnte gewandelt hat. Abgeordnete fast aller Fraktionen verwenden immer mehr weibliche Formen – mit Ausnahmen.

Claudia Roth (M.) und Jürgen Braun im Bundestag

Claudia Roth (M.) und Jürgen Braun im Bundestag

Foto: Christoph Hardt / Future Image / imago images

Als Jürgen Braun im März 2021 seine Bundestagsrede beginnt, leitet Vizepräsidentin Claudia Roth die Sitzung. Der AfD-Abgeordnete dreht sich zu ihr, legt sein Manuskript zurecht und setzt zur Begrüßung an. »Frau Präsident, meine sehr verehrten Damen und Herren«, sagt er.

Roth unterbricht und korrigiert ihn, er verweist auf das generische Maskulinum. Daraufhin erteilt ihm die Vizepräsidentin einen Ordnungsruf.

Diese Szene hat sich genau so schon mehrfach ereignet. Obwohl es laut Roth dazu einen »Beschluss« gebe. Dieser sehe vor, die Präsidentinnen auch als Präsidentinnen anzusprechen.

Doch die Debatte über geschlechtergerechte Sprache polarisiert nicht nur den Bundestag. Der Gender-Stern, das Binnen-I, der Doppelpunkt. Versuche, Sprache inklusiver zu machen, spalten die Gesellschaft.

Laut einer Infratest-Umfrage vom Mai halten 65 Prozent der Bevölkerung nichts von einer stärkeren Berücksichtigung unterschiedlicher Geschlechter in den Medien oder bei öffentlichen Anlässen. Das Thema ist vor allem in den sozialen Medien und Polit-Talkshows ein Dauerbrenner.

Frauen lange sprachlich ausgeklammert

Dabei ist geschlechtergerechte Sprache nicht erst seit wenigen Jahren ein Thema, wie oft von Kritikern suggeriert wird. Eine neue Studie  der TU Darmstadt, der HU Berlin und der Universität Duisburg-Essen (»Evolution geschlechter-inklusiver Sprache im Deutschen Bundestag«) zeigt, wie stark sich Sprache insbesondere seit den Achtzigerjahren gewandelt hat.

Die Forschungsgruppe hat hierfür untersucht, wie oft seit der Nachkriegszeit männliche und weibliche Formen in Bundestagsreden vorkommen. Tatsächlich verwenden Abgeordnete nahezu aller Parteien immer mehr weibliche Formen.

Christian Stecker forscht und lehrt an der TU Darmstadt. Gemeinsam mit seinen Kollegen Jochen Müller (Humboldt-Universität zu Berlin), Andreas Blätte und Christoph Leonhardt (beide Universität Duisburg-Essen) hat er alle im Bundestag gehaltenen Reden zwischen 1949 und 2021 untersucht.

Aus dieser Textmenge haben die Forscher die 1600 häufigsten Substantive extrahiert, die sich auf Personen beziehen und sie nach Geschlecht und Gruppen oder Individuen sowie sozialen Feldern kategorisiert.

Dabei wählten sie Substantive aus, für die eine männliche und weibliche Form als symmetrisches Paar vorliegt. »Das Deutsche verwendet hier eine einfache wie mächtige Technik: Mit dem Suffix -in im Singular und -innen im Plural wird aus dem Politiker eine Politikerin oder mehrere Politikerinnen«, erklärt Stecker. Nomen ohne symmetrisches Gegenstück wie beispielsweise Krankenschwester berücksichtigten sie nicht.

»Aus der Wortliste haben wir dann die weiblichen und männlichen Singular-, Plural- und Deklinationsformen gebildet und dann dem Computer gesagt: Such mir sämtliche Vorkommnisse aller dieser Worte aus diesem Korpus raus«, sagt Andreas Blätte. Damit hat das Team dann die Verhältnisse bestimmt, mit denen männliche und weibliche Formen in einer bestimmten Rede genutzt wurden.

Die Ergebnisse zeigen, dass die AfD-Fraktion als Hüterin des generischen Maskulinums mit ihren neun Frauen und 79 Männern relativ allein dasteht. Die Studie legt nahe: Die Verwendung männlicher und weiblicher Formen in der Anrede scheint mittlerweile auch unter konservativeren Unionsparlamentariern selbstverständlich. Doch nach wie vor werden Frauen nicht ihrem gesellschaftlichen Anteil entsprechend genannt.

So zeigt die Studie, dass Frauen lange Zeit sprachlich ausgeklammert wurden. »Wir haben herausgefunden, dass das generische Maskulinum und der Mann absolut dominant waren im Deutschen Bundestag«, sagt Jochen Müller. Dies habe sich im Sprachgebrauch ebenso wie unter den Abgeordneten gezeigt. »Erst mit den Achtzigerjahren, auch mit dem Eintritt der Grünen in den Bundestag, hat sich der Sprachgebrauch im Bundestag radikal modernisiert.«

Einzug der Grünen

Die Forscher haben beispielsweise Konrad Adenauers Redebeiträge nach 1949 untersucht. Sie zählen insgesamt 1211 personenbezogene Substantive. Die weiblichen Formen lassen sich an einer Hand abzählen. Insgesamt bleibt ihr Anteil in den Debatten bis zur zehnten Wahlperiode deutlich unter fünf Prozent. Seitdem geht es bergauf.

Besonders deutlich zeigt sich: Weibliche Abgeordnete verwenden weibliche Formen öfter als ihre männlichen Kollegen. »Wir konnten hier sehr deutliche Unterschiede beobachten, was aus meiner Sicht die Wichtigkeit von angemessener Repräsentation verdeutlicht«, sagt Jochen Müller.

Durch die Grünen und die Linke seien weibliche Abgeordnete präsenter geworden. »Sie beförderten wohl auch indirekt ihre linguistische Repräsentation durch die Kolleginnen und Kollegen aus anderen Fraktionen. Zudem nutzten die Grünen selbst häufiger geschlechterinklusivere Formen in ihren Reden«, sagt Stecker.

Einerseits sind das politikbezogene Nomen, wie sie die Forscher nennen. Also direkte Anreden, die etwa Ministerinnen oder Staatssekretärinnen betreffen. Sie steigen, natürlich auch durch die erhöhte Anzahl von Amtsträgerinnen.

Andererseits betrifft das aber auch sogenannte gesellschaftsbezogene Nomen. Das sind Begriffe wie Bürgerin, Soldatin, Ärztin. Sozusagen aus der vollen Breite der Gesellschaft. Auch sie werden im Laufe der Jahre öfter in Reden eingesetzt. »Die Zunahme weiblicher Formen bei Substantiven mit Bezug zur Gesellschaft steigt aber langsamer und erreicht nie das Niveau der Substantive zum Politikbetrieb«, sagt Müller.

Doch hier gibt es eklatante Unterschiede. Während die Soldatinnen seit der Öffnung der Bundeswehr für Frauen immer öfter genannt werden, bleibt die Erwähnung von Ärztinnen und Professorinnen deutlich unter ihrem gesellschaftlichen Anteil.

»Da Sprache nicht nur Wirklichkeit abbildet, sondern zum Teil auch prägt, vermute ich, dass eine stärkere Berücksichtigung weiblicher Formen auch damit korreliert, wie die Interessen von Frauen debattiert und auch berücksichtigt werden«, sagt Stecker.

Regionale Unterschiede?

Zurück zu Jürgen Braun und der AfD. Die Studie zeigt, dass lediglich 2,7 Prozent der personenbezogenen Substantive in den Reden der Rechtsaußen weiblich sind. »Dies entspricht in etwa der Sprachpraxis der vierten Wahlperiode zwischen 1961 und 1965, kurz vor der Einführung des Farbfernsehens«, sagt Stecker.

Wie die Forscher herausfanden, unterbieten Alice Weidel und Tino Chrupalla diesen Anteil sogar um einen Prozentpunkt. Die anderen Fraktionen haben Frauen mehr und mehr berücksichtigt. »Die Auswertung macht deutlich, dass Sprachwandel ein politisches Projekt ist«, sagt Stecker.

Die Analyse der Nomen mit Gesellschaftsbezug zeigt: Während die Grünen in den Achtzigern die sprachliche Berücksichtigung von Frauen in den Bundestag trugen, zog die SPD erst in den Neunzigerjahren nach. Die Union und die FDP verharrten noch länger auf niedrigem Niveau. Tendenziell verwenden sie auch heute häufiger männliche Formen, haben aber deutlich aufgeholt.

Die Forscher möchten sich nun auch Landtagsreden vornehmen, um regionale Unterschiede festzustellen. Zudem wollen sie die konkreten Gründe erforschen, die zum Sprachwandel geführt haben.

Nichtbinäre Geschlechterbezeichnungen, auf die sich die Sprachdebatte derzeit zu fokussieren scheint, haben die Forscher in ihrer Studie nicht berücksichtigt. Nach der Sichtung von neutralen Formen wie Arbeitnehmende oder Studierende kam heraus, dass sie nicht oft vorkommen.

Gegenderte Varianten, etwa mit Sprechpause, mussten die Forscher ebenfalls weglassen. Der Grund: Sie werden von den Stenografen nicht notiert. Bis vor Kurzem wurden sie in Anträgen und Dokumenten als Fehler behandelt. Erst seit 2021 werden sie nicht mehr gelöscht.