Sprache und Diskriminierung Die sollen erst mal anständig Deutsch lernen!

Integration gelingt über die Aneignung der Landessprache - dieser Satz ist Allgemeingut. Doch welche Logik steckt hinter dieser Forderung? Ist Sprache tatsächlich ein Hauptmerkmal "nationaler Identität"?

Deutschkurs für Flüchtlinge
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Deutschkurs für Flüchtlinge

Ein Gastbeitrag von


Die Startrainer des FC Bayern aus Spanien oder Italien sind berühmt für ihre Pressekonferenzen: komplett unverständlich Pep Guardiola, zum Kult geworden, kabarettreif, der Wutausbruch eines seiner Vorgänger, Giovanni Trappatoni: "Was erlaube Strunz. Ich habe fertig."

Was man den erfolgreichen Prominenten nachsieht, was etwa an den Universitäten gang und gäbe ist, dass das Deutsche den internationalen Gastwissenschaftlern nach ein oder zwei Jahren kaum zum Brötchen kaufen reicht, weil sich Englisch als Lingua franca bewährt hat, das wird für weniger privilegierte Gruppen von Einwanderern zum "Integrationshindernis" erklärt. Wenn sich diese nicht sofort um den Erwerb der deutschen Sprache kümmern (können), kann das nach dem aktuell auf den Weg gebrachten Integrationsgesetz das Aufenthaltsrecht gefährden, beziehungsweise sie können erst gar nicht einreisen, wie etwa Heiratsmigranten aus den meisten sogenannten Drittstaaten, die nicht zuvor in ihrem Heimatland einen Sprachnachweis erbringen.

Zur Autorin
  • Irene Götz
    Irene Götz ist Professorin für Europäische Ethnologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie beschäftigt sich unter anderem mit Identitätspolitik, nationalen Fremd- und Selbstbildern und dem neu aufkommenden Nationalismus in Europa. 2011 erschien ihr Buch "Deutsche Identitäten. Die Wiederentdeckung des Nationalen nach 1989".

Dies gilt aber laut Zuwanderungsgesetz nur für solche, die nicht aus den USA, Japan, England und anderen Ländern kommen, denen freiwilliger Spracherwerb unterstellt wird.

Die Rolle von Sprache wird in unserer Gesellschaft diskriminiert. Dies gilt nicht nur für die unterschiedliche Kompetenz im Deutschen, die bereits in den Grundschulen für diejenigen Einwandererkinder, die aus sozial benachteiligten Familien stammen, den weiteren Bildungsweg vorsortiert. Sprache ist hier bereits im Vorschulalter ein soziales Distinktionsmerkmal, das angesichts der zu geringen Plätze für Kleinkinderbetreuung die Chancenungleichheit in Deutschland und die soziale Spaltung für die Zukunft von Generationen fortschreibt, und dies nicht erst, seitdem eine große Anzahl von geflüchteten Kindern und Jugendlichen im schulpflichtigen Alter Lehrer und Schulen vor neue Herausforderungen stellt.

Das neue Sprachprekariat

Es ist und bleibt ein Problem angesichts von Facharbeitermangel und Überalterungsszenarien, wenn eine frühkindliche sprachliche und dann bildungsmäßige Schlechterstellung in die entsprechend prekäre Berufsentwicklung weiter mitgeschleppt wird. Fehlende Deutschkenntnisse führen auch zu fehlender Teilhabe.

Die Kosten für intensive Sprachförderung im Kindergarten- und Schulalter amortisieren sich langfristig, oder aber, im Gegenteil, sie führen zu Folgekosten der Daueralimentierung eines neuen Sprachprekariats, das ohne ausreichende Beherrschung des Deutschen nicht nur, aber insbesondere Einwanderer in manchen Stadtteilen schon lange abhängt. Diese Situation wird mittelfristig keinesfalls besser, wenn hier nicht von Seiten der Kommunen und Länder Geld in die Hand genommen wird: für den Ausbau der Kitas und Schulen sowie vor allem für die Nachrüstung derselben durch Lehrkräfte, die in kleinen Klassen mit Zeit und Geduld Deutsch als Fremdsprache unterrichten können.

Die Rolle von Sprache in unserer Gesellschaft diskriminiert jedoch nicht nur entlang dieser bildungs- und familienpolitisch mit Geld und gutem Willen (von beiden Seiten, Politik und Zuwandererfamilien sind gefragt!) verringerbaren sozialen Gräben, wo Sprachekompetenz die Kompetenz meint, sich im Bildungssystem und damit mit den Standards von Wissen gleichberechtigt, mit gleichen Chancen in unserer Gesellschaft, bewegen zu können.

Diese Diskriminierung von Sprache und Sprechern meint nicht nur, dass man den auf Zeit zugewanderten Kosmopoliten und gemeinhin bestimmten Landsleuten wie den Franzosen, Spaniern, Engländern und US-Amerikanern hierzulande keine Sprachnachweise abverlangt, sondern Diskriminierung meint eben auch, dass nicht alle Einwanderergruppen die gleichen Startbedingungen im Erlernen der deutschen Sprache durch eine entsprechende Beschulung erhalten.

Ist Sprache der Schlüssel zur "nationalen Identität"?

Diese Rolle von Sprache als Verständigungswerkzeug und Bildungsinstrument betrifft ein modernes, aufgeklärtes Verständnis von Integration in einer Öffentlichkeit, die trotz EU und globalisierter Medien in vielen Teilen noch im nationalstaatlichen Rahmen stattfindet. Teilhabe aller Bürger an gesellschaftlicher Gestaltung und öffentlichen Debatten setzt eine gemeinsame Verkehrssprache voraus, die zugleich auch die Sprache der Institutionen und Schulen, Ämter und Medien ist, ohne die eine kritische Öffentlichkeit und demokratische Debattenkultur nicht möglich wäre.

Sprache diskriminiert darüber hinaus auch in einer subtileren, weniger offensichtlichen Dimension. Insofern, als ihr in einer nationalromantischen Tradition eine "wesenhafte" Rolle für die "nationale Identität" im Sinne einer Homogenisierung der Gesellschaft und Kultur zugeschrieben wird. Nur wer akzentfrei Deutsch spreche, so gab ein großer Prozentsatz von Befragten in der Berliner Migrationsstudie von 2015 an, könne wirklich Deutscher sein.

Dies verkennt die Gegebenheiten von Einwanderungsgesellschaften, in denen die Landessprache zunächst Verkehrssprache ist. Ein funktionales Instrument der Verständigung, ein Mittel, um sich in einer (neuen) Gesellschaft mit deren Institutionen und Menschen zu orientieren, sich auszutauschen, dann aber auch sich deren kulturelles Erbe anzueignen: Bücher, Bildung, Geschichten und Geschichte. Also ist Sprache doch weit mehr als ein solches Werkzeug, Schlüssel zu der oft beschworenen "nationalen Identität"?

Von Kindheitssprachbildern zu Volksgeist-Vorstellungen

Ja und Nein. Schriftsteller im Exil leiden bekanntlich darunter, sich in einem Umfeld bewegen zu müssen, das ihre Muttersprache nicht versteht - Thomas Mann ist ein berühmtes Beispiel dafür. Als Schriftsteller sind sie besonders auf deren differenzierte, nur einem Muttersprachler zur Verfügung stehende Feinheiten, sich ausdrücken zu können, angewiesen. Dies gilt auch für all jene, die weniger mit der Sprache arbeiten, aber sich in einer neuen Umwelt ihrer vertrauten Sprechgemeinschaft beraubt sehen und all die Dinge vermissen, die durch ihre Muttersprache oft unübersetzbar eine besondere Bedeutung für sie haben.

Hier zeigt sich: Sprache hat viel mit der persönlichen Identität zu tun, mit den Sprachbildern der Kindheit, auch mit der Differenziertheit des Denkens, das stets durch die jeweilige Semantik und Grammatik der Sprache mit konstruiert wird. Die Spezifik einer eigenen Kultur lebt und entsteht im sprachlichen Ausdruck. Die Muttersprache ist ein besonders feines Werkzeug des Aneignens der Welt. Dies steht außer Frage.

Daraus wurde und wird gegenwärtig jedoch im Sinne eines aus dem späten 18. und dem 19. Jahrhundert stammenden Nationalismus Weitreichendes abgeleitet: Sprache wird hier, wie es der Historiker Thomas Nipperdey einmal ausdrückte, als unmittelbarer "Schlüssel zum Geist des Volkes" verstanden, als vordinglichstes Merkmal und Kern einer angeblich unveränderbaren "ethno-nationalen Identität".

Diese Volksgeist-Vorstellungen, wie sie Johann Gottfried Herder oder die Brüder Grimm verbreiteten, waren Teil der in ganz Europa sich vollziehenden Nationalbewegungen: Von Lettland bis Serbien, Schottland bis Katalonien entwickelten die Dichter und Denker im 19. Jahrhundert ihre emanzipatorischen Vorstellungen von einer aus den Großreichen herausgelösten eigenen Nation, die sie an der sogenannten Volkssprache und Volksdichtung festmachten.

Eine solche eigene Nationalsprache, die zunächst vor allem eine Sprache des "einfachen Volkes" war, sollte gepflegt und durch entsprechende Nationaldichtung als Grundlage und Legitimationsbasis nationaler Einigung aufgewertet und verbreitet werden. Aus dieser Zeit stammt die Vorstellung der Exklusivität eines Volkes, das sich als vordinglichstes Merkmal durch eine gemeinsame Sprache auszeichne, eines Volkes, das nun auch eine eigene Staatlichkeit erhalten müsse.

Irrationale, antiaufklärerische Überhöhung

Diese herausragende Bedeutung, die Sprache zur Bestimmung von "Ethnizität" auch heute noch zugeschrieben wird, entstammt jedenfalls einem in dieser Form irrationalen, antiaufklärerischen Denken, das dem modernen Nationsverständnis zuwiderläuft, das den Nationalstaat als Gemeinschaft freier und gleicher Bürger mit entsprechenden Rechten und Pflichten konzipiert.

In der Überhöhung der Bedeutung von Sprache als direkter Zugang zum "Volksgeist" ist jedenfalls kein Platz für die eher nüchterne Vorstellung einer gelebten Zwei- oder Mehrsprachigkeit, einem Nebeneinander von kontextspezifischer Nutzung von Sprache als Kommunikationsmittel in einem multikulturellen Alltag, der gerade in den Großreichen vor der Zeit der Nationalstaatsgründungen gar nicht so schlecht funktioniert hat. Unter Verkennung dieser gelebten Mehrsprachigkeit hat insbesondere dann in der Zeit des Nationalsozialismus die irrige Vorstellung, dass Sprachgrenzen immer auch eindeutige Kultur- und vor allem Territorialgrenzen markieren (sollten), als Vorwand für die Eroberungsfeldzüge und ethnischen Säuberungen gedient.

In gewisser Weise hat sich die große Bedeutung, nach der primär die Muttersprache die Volkszugehörigkeit ausmacht, bis heute im Alltagswissen erhalten. Die in den aktuellen Debatten verwendeten Argumentationsfiguren, die das Erlernen der deutschen Sprache durchaus vernünftig und pragmatisch als Eintrittsbillett in die deutsche Gesellschaft und als Integrationsvoraussetzung begreifen, sind nicht zuletzt häufig auch von solchen emotionalen, romantischen Vorstellungen unterlegt.

Dies ist jedenfalls immer dort der Fall, wo die Bedeutung der Sprache als Primärmerkmal einer kulturellen Zugehörigkeit oder "ethno-nationalen Identität" überschätzt und essenzialisiert wird. Gilt dies in vielen unterschiedlichen Zusammenhängen für das Verständnis über das Deutschsein, so trifft diese Beobachtung für die alltägliche Wahrnehmung der "Fremden" allemal zu: Wer (neben dem Deutschen) eine von der Mehrheitsgesellschaft als "fremd" wahrgenommene Sprache, wie vor allem das Türkische oder Arabische, spricht, kann dem Alltagsbewusstsein nach nicht "wirklich" dazugehören, wie Cem Özdemir einmal anmerkte.

Ein Akzent gilt als Stigma

Integration ist jedenfalls dort, wo die hochemotionalen Vorstellungsmuster dieses die Sprache überbewertenden romantischen Konzepts wirken, nicht wirklich möglich: Ein Volk bleibt ein Volk, bleibt ein Volk...; durch die Muttersprache ist es exklusiv, ein wirklicher Beitritt nur mit Einschränkungen möglich - der Akzent als nicht ablegbares Stigma des Fremdbleibens.

Dabei werden auch hier Unterschiede gemacht: Die Sprache der europäischen Nachbarländer haben einen hohen Distinktionswert - Englisch, Spanisch, Französisch sind in den Schulen vermittelte Zweitsprachen, kulturelles Kapital der gebildeten kosmopolitischen Eliten. Doch wie sieht es mit Türkisch oder Polnisch aus? Auch hier spiegeln sich althergebrachte Hierarchisierungen und Diskriminierungen.

Wechselseitige Anerkennung einer Sprachenvielfalt im Privatraum bei einer gleichzeitigen kompetenten Nutzung einer gemeinsamen Verkehrssprache - hierzulande des Deutschen - bedeutet eine zu erbringende Leistung aller. "Fordern und Fördern" - auch die Einwanderer sollten in diesem Sinne fordern dürfen, dass sie respektvoll und differenziert in ihrer persönlichen Kultur und Sprache wahrgenommen werden. Und es gilt auch die Voraussetzungen zu schaffen, dass wirklich alle Deutschkurse, an denen es schließlich immer noch fehlt, besuchen können. Hängt man überdies die überkommene Vorstellung der Muttersprache als "Identitätskern" tiefer, ist dies ein weiterer Schritt eines unaufgeregten, aufgeklärten Umgangs mit gelebter Mehrsprachigkeit im Alltag einer Einwanderungsgesellschaft.




insgesamt 142 Beiträge
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Seite 1
El pato clavado 02.07.2016
1. Nein
Ist Sprache tatsächlich ein Hauptmerkmal "nationaler Identität"? Nein muss sie nicht. aber wenn ich in einem fremden Land lebe und die Landessprache nicht beherrsche,bleibe ich ein Aussenseiter und
stoffi 02.07.2016
2.
Noch ist die deutsche Sprache in unserem Land nicht der englischen Sprache gewichen und darum sollten alle Menschen, die hier in Deutschland leben möchten erst die deutsche Sprache lernen, auch wenn sie bereits englisch sprechen, was die meisten Migranten aber nicht können. Um mit seinem Nachbarn zu kommunizieren und um was vom Leben in Deutschland zu lernen, ist es absolut nötig, deutsch zu sprechen. Das ist der erste Schritt zur Integration.
lilelile 02.07.2016
3. Frau Götz übersieht,
dass an Hochschulen etc. praktisch jeder englisch spricht/versteht. Im *Alltagsgebrauch - u.a. normale Arbeitswelt ist die Landessprache unumgänglich.
privado 02.07.2016
4. Integration
Für mich ist das Aneignen der deutschen Sprache seitens der Zugereisten der Ausdruck eines klaren Bekenntnisses zu diesem Land und (immerhin teilweise) seinen Werten. Wer sich dem verweigert, dem kann man mangelnden Integrationswillen unterstellen.
hein_blöd 02.07.2016
5. gelebte Mehrsprachigkeit im Alltag einer Einwanderungsgesellschaft?
Diese gelebte Mehrsprachigkeit möchte ich gerne mal erleben, z.B. vor Gericht, in der Schule, an der Uni, bei Behörden, im Gesundheitswesen, bei einem Feuerwehreinsatz usw. Ich glaube allerdings, dass dadurch nichts besser sondern nur komplizierter und fehleranfälliger würde. Der Verzicht auf eine landeseigene Sprache ist der Beginn der Kapitulation vor den Problemen der Immigration und die in Teilen die Aufgabe der eigenen Identität einer Nation.
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