Weizsäcker am 8. Mai 1985 "Die beste Rede seines Lebens"

Kein Nachruf auf Richard von Weizsäcker kommt ohne Würdigung seiner Rede am 8. Mai 1985 aus. Josef Klein, Experte für politische Rhetorik, erklärt, was den Auftritt des damaligen Bundespräsidenten so besonders machte.
Richard von Weizsäcker während seiner Schlüsselrede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1985 im Bundestag in Bonn

Richard von Weizsäcker während seiner Schlüsselrede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1985 im Bundestag in Bonn

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Zur Person

Josef Klein, Jahrgang 1940, ist Sprachwissenschaftler und einer der renommiertesten Experten für politische Rhetorik. Er war CDU-Mitglied und gehörte in den Siebzigerjahren derselben Bundestagsfraktion an wie Richard von Weizsäcker. Klein war Professor und Präsident der Universität Koblenz-Landau und arbeitete später an der Freien Universität Berlin. Er ist Autor des Buches "Grundlagen der Politolinguistik".

SPIEGEL ONLINE: Herr Klein, der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker ist gestorben. Jetzt wird immer wieder eines gewürdigt: seine Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes. Zu Recht?

Klein: Völlig zu Recht. Diese Rede war die beste seines Lebens. Niemand zuvor hat so auf den Punkt gebracht, was die meisten Deutschen über den 8. Mai 1945 dachten und fühlten. Zudem kenne ich keine Rede, die so viel ehrliche Empathie für unterschiedliche Gruppen enthält - für die Opfer des Holocaust, aber auch für das Leid der Frauen, für die deutschen Soldaten und für die Heimatvertriebenen. Diese Rede ist nicht nur Rhetorik, sie ist auch menschlich und historisch einzigartig.

SPIEGEL ONLINE: Wie oft haben Sie sie schon gelesen?

Klein: Acht- bis zehnmal, denke ich, jedes Mal analytisch. Ich kenne sehr viele politische Reden, aber ich kenne keine Rede, in der schon sehr früh am Anfang der zentrale Punkt genannt wird, nämlich der Satz: "Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung." Und dabei sagt Weizsäcker diesen Satz nicht nur als Bekenntnis, sondern er begründet ihn, in dem er Pro- und Kontra-Argumente abwägt.

SPIEGEL ONLINE: Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl hat die Formulierung vom "Tag der Befreiung" bereits wenige Tage vor Weizsäckers Rede benutzt - fand damit jedoch kaum Beachtung. Was hat Weizsäcker anders gemacht?

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Richard von Weizsäcker: Der ideale Präsident

Klein: Ja, der Begriff vom "Tag der Befreiung" ist vorher schon gefallen. Bei Weizsäcker entscheidend waren aber das Datum und die Situation dieser Gedenkrede: Es war der 40. Jahrestag der deutschen Kapitulation, er als Bundespräsident hat vor dem deutschen Bundestag gesprochen - viele wichtige Persönlichkeiten, auch aus dem Ausland, waren anwesend. So ist des 8. Mai vorher in Deutschland noch nicht gedacht worden, bis dahin war es immer ein Feiertag der Siegermächte, zu dem die Deutschen als Zaungäste kommen durften. Dieses Mal war schon Monate zuvor öffentlich diskutiert worden, wie der Jahrestag begangen und moralisch eingeordnet werden sollte - als Befreiung oder als Demütigung.

SPIEGEL ONLINE: Mittlerweile zucken 15-jährige Schüler ob dieses Satzes mit den Schultern: Er klingt für sie selbstverständlich.

Klein: Und genau das zeigt, dass der Satz in das kollektive Geschichtsbewusstsein der Deutschen übergegangen ist.

SPIEGEL ONLINE: Heute gilt Barack Obama als großer politischer Redner; Pathos wie beim US-Präsidenten sucht man bei Weizsäcker vergeblich.

Klein: Weizsäcker verzichtete auf Pathos, es ging ihm nicht darum, feierliche Bemerkungen zu machen. Er wollte der Wahrheit ins Auge sehen. Also argumentierte er klug und engagiert, gleichzeitig aber nüchtern und ernst. Das hat aber auch mit seinem Wesen zu tun: Öffentlich konnte er nicht auf die Pauke hauen.

Lesen Sie hier die Rede von Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 im Wortlaut.

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