Staatsakt für Rudolf Augstein "Sein Argwohn war der Argwohn einer Generation"

Mit Auszügen aus dem Requiem von Johannes Brahms und Trauerreden haben in der Hamburger St. Michaelis Kirche Familie und Prominenz aus Politik, Medien und Kultur von SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein Abschied genommen. Augstein war am 7. November im Alter von 79 Jahren verstorben.


Rudolf Augstein 1993
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Rudolf Augstein 1993

Hamburg - Die Familie Augstein, Bundespräsident Johannes Rau, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, Bundeskanzler Gerhard Schröder, Altkanzler Helmut Schmidt und der Autor Siegfried Lenz, letztere Ehrenbürger der Hansestadt, waren mit Tausenden anderen Trauergästen am Montag in den Hamburger Michel gekommen, um von Rudolf Augstein Abschied zu nehmen.

Mit dem Herausgeber des SPIEGEL verliere Hamburg nicht nur einen herausragenden Journalisten und Verleger, sondern ebenso einen großzügigen Mäzen, sagte Bürgermeister Ole von Beust (CDU). "Die Hansestadt rühmt sich gerne ihrer Weltoffenheit und Toleranz." Augstein habe zu jenen Persönlichkeiten gehört, die diese Werte gelebt hätten.


Gäste der Trauerfeier: Bundespräsident Johannes Rau, Autor Joachim C. Fest, Bundeskanzler Gerhard Schröder, Hamburgs Bürgerschaftspräsidentin Dorothee Stapelfeld und Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (v. l.)
DPA

Gäste der Trauerfeier: Bundespräsident Johannes Rau, Autor Joachim C. Fest, Bundeskanzler Gerhard Schröder, Hamburgs Bürgerschaftspräsidentin Dorothee Stapelfeld und Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (v. l.)

Bundespräsident Johannes Rau würdigte Augstein als "brillanten, unabhängigen und unbestechlichen Analytiker" und "letzten Gründungsvater des freien Journalismus in der Bundesrepublik". "Seine Respektlosigkeit gegenüber jeglicher Autorität" sei seinem Respekt gegenüber der Demokratie entsprungen. "Er kämpfte gegen den Mief alter Obrigkeit", sagte Rau.

Der Publizist und Historiker Joachim C. Fest erinnerte an die Grundlagen für Augsteins Denken und Handeln. Dieses sei in der "kadavrigen Nazi-Zeit" und seinem unkritischen bürgerlichen Elternhaus begründet gewesen. "Augsteins Argwohn war der Argwohn einer Generation", sagte Fest. Dies habe den "Ton des SPIEGEL" geprägt, der bisweilen "alles zum Thema hochschrieb".


In einer nicht angekündigten Rede ergriff auch Augsteins Tochter Franziska das Wort. "Er nahm sich selbst nicht so wichtig", sagte sie, die selbst als Journalistin bei der "Süddeutschen Zeitung" arbeitet. Ihr Vater sei Realist gewesen, womit manche Leute nicht hätten umgehen können. Sein Interesse habe immer den Menschen und der Sache gegolten. Vielleicht habe er so manchen Ressortleiter oder Chefredakteur bisweilen nicht gegrüßt, dafür aber jeden Fahrer. Er habe über Tod und Ruhm einmal gesagt "Den toten Löwen ziehen auch die Hasen an der Mähne". Schließlich entschuldigte sich Franziska Augstein bei der Trauergemeinde dafür, dass sie den Trauergottesdienst durcheinander gebracht habe: "Ich glaube, dass ich das meinem Vater, dem toten Löwen, schuldig bin."

Fast vollständig war die Prominenz der Verlage erschienen: Friede Springer, die Verleger Heinz Bauer und Hubert Burda, Gruner und Jahr-Chef Bernd Kundrun, der Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Frank Schirrmacher, die Chefredakteure Helmut Markwort ("Focus"), Hans-Werner Kilz ("Süddeutsche Zeitung"), Josef Joffe ("Zeit").


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