Stammzellen-Debatte Die Outsourcing-Republik

Stammzellen, Atomstrom, Auslandseinsätze von Soldaten, Computerexperten  - immer wenn es eng wird in Deutschland, müssen andere Länder aushelfen. Dabei wären tragfähige Lösungen besser als das Abschieben von Problemen. Denn das Vertrauen in die Demokratie steht auf dem Spiel.

Von Bernd Musa


Im Parlament wurde diese Woche über einen jener Formelkompromisse beraten, die sich seit einiger Zeit großer Beliebtheit erfreuen. Die große Koalition will das umstrittene Gentechnikgesetz verabschieden. Jene Regelung, die es der Forschung erlauben soll, mit frischen embryonalen Stammzellen neue Therapien gegen Krankheiten wie Parkinson oder Herzinfarkt zu entwickeln. Ohne diese Gesetzesnovelle würden deutsche Wissenschaftler den Anschluss an die internationale Konkurrenz verpassen. So unterschiedlich die ethischen Sichtweisen auch sind, an einem Grundsatz darf nicht gerüttelt werden: die Stammzellen müssen aus dem Ausland kommen. Ohne Lieferungen aus Japan oder den USA läuft bei uns gar nichts, denn Embryonen aus Deutschland bleiben für Forschungszwecke tabu. Darüber wird nur ungern ein Wort verloren.

Solche Deals haben in der deutschen Politik Konjunktur. Immer, wenn es eng wird, müssen andere Länder aushelfen. Drei Beispiele aus jüngster Zeit belegen das.

Erstens: In schöner Regelmäßigkeit richtet die Wirtschaft Hilferufe ans Parlament. An allen Ecken und Enden fehlen Fachkräfte. Vor allem Hochschulabsolventen werden dringend gesucht. 2007 konnten insgesamt etwa zweihunderttausend Stellen nicht besetzt werden.

Doch anstatt eine ernstgemeinte Ausbildungsoffensive im eigenen Land anzuschieben, suchte man kurzerhand im Ausland nach Lösungen. Hochqualifizierte Inder ausgestattet mit Green Cards und Blue Cards sollten schnelle Abhilfe leisten, um den Titel als Exportweltmeisters zu verteidigen. Es kamen allerdings nur wenige, und denen zeigte man nach kurzer Zeit die rote Karte. Ihr Aufenthalt in Deutschland war zeitlich begrenzt. Die Farbenlehre kann nicht helfen, solange jährlich etwa 20.000 Ingenieure fehlen, Tendenz steigend.

Wirtschaftsforscher warnen schon lange vor der Lücke, die sich von außen nicht mehr kurzfristig überbrücken lässt. Zuwanderung auf den Arbeitsmarkt wirke eben nur langfristig.

Es hilft alles nichts - der Nachwuchs kann nur von deutschen Unis kommen. Und zwar in großer Zahl. Ratlos blickt so mancher Personalchef auf die Regierung und fragt sich, wie lange sie ein wirksames Hochschulkonzept noch verweigern will.

Beispiel zwei betrifft den Stromsektor. Deutschland verbraucht zunehmend mehr Energie als es produziert. Und wieder ist es das Ausland, in diesem Fall die Nachbarländer Frankreich, Tschechien und Dänemark, die den Deutschen aus der Patsche helfen müssen. Der dort produzierte Strom stammt zum größten Teil aus Kernenergie, ausgerechnet jener ungeliebten Methode zur Stromerzeugung, von der man sich hierzulande bereits verabschiedet hat.

Unter Bundeskanzler Schröder wurde der komplette Ausstieg aus der Atomkraft bis zum Jahr 2020 beschlossen. Bis dahin wird sich eine Energielücke von bis zu 20 Prozent auftun.

Um die Kernenergie vollständig zu ersetzen, braucht Deutschland erneuerbare Energien und Biostrom. Der Gewinnung von alternativen Energien in großem Maßstab stehen allerdings noch zahlreiche technische Probleme im Wege. Es wird Jahre dauern, sie zu lösen. Die Politik jedoch tue so, als sei mit der heutigen Technik im Handumdrehen jede Menge Ökostrom zu produzieren, heißt es aus der Forschung.

Hierzulande bleibt im Augenblick nichts anderes übrig als den importierten Atomstrom zu favorisieren. Der ist für Deutschland gefahrlos, verursacht keine Immissionen und benötigt auch keine Endlager. Die Probleme und Risiken trägt praktischerweise das exportierende Land. Ein tragfähiges Energiekonzept für die Zukunft, das auf eigene Ressourcen setzt, hat die Regierung bisher nicht vorgelegt.

Last but not least geht es um Afghanistan. Das Nato-Mitglied Deutschland hatte nach den Anschlägen im Jahr 2001 den USA "uneingeschränkte Solidarität" im Kampf gegen den Terror in Afghanistan zugesagt. Insgesamt 3200 deutsche Soldaten kamen daraufhin bis heute an den Hindukusch, wo sie im Norden des Landes wichtige Arbeit leisten. Sie helfen beim Aufbau der Infrastruktur und bilden Polizisten aus.

Das Kämpfen gegen die Taliban überlassen sie ihren Bündniskollegen aus Holland, Dänemark, Norwegen oder Großbritannien. Der amerikanische Verteidigungsminister beklagte sich in deutlichem Ton. Er wolle keine Nato, "in der manche Partner bereit sind, für den Schutz der Menschen zu kämpfen und zu sterben, und andere nicht".

Das Outsourcen gesellschaftlich umstrittener Problemlösungen hat also Methode. Die Stammzellen-Debatte im Bundestag zum Beispiel macht deutlich: Die Petrischalen würden in den Regalen leerstehender Forschungslabore verstauben, wenn nicht ausländische Helfer mit weniger moralischen Skrupeln in die Bresche springen würden.

Doch darüber schweigt sich das Parlament aus. Hier zählt nur der schnelle Kompromiss. Ein Common Sense auf dem kleinstmöglichen Nenner muss her. Wertmaßstäbe, die bei anderer Gelegenheit überstrapaziert werden, fallen hier einfach unter den Tisch.

Auf Inkonsequenz beruhende Scheinlösungen führen zu Beliebigkeit. Die Politik setzt sich dem Vorwurf der Doppelmoral aus und ihre Glaubwürdigkeit bleibt auf der Strecke. Letztendlich führt das zum Verlust des Vertrauens in die parlamentarische Demokratie. Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass - dieses Sprichwort sollte die Politik nicht für sich in Anspruch nehmen.



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Seite 1
DJ Doena 14.02.2008
1.
Tja, wir wollen halt wie immer alles perfekt machen. 100% korrekt und keinen µ Abweichung drinne. Das wir dadurch unseren Strom aus französischen oder - schlimmer noch - aus tschechischen AKWs russischer Bauart kaufen - davon lassen wir uns doch nicht beirren, oder?
waschtel 14.02.2008
2.
Zitat von DJ DoenaTja, wir wollen halt wie immer alles perfekt machen. 100% korrekt und keinen µ Abweichung drinne. Das wir dadurch unseren Strom aus französischen oder - schlimmer noch - aus tschechischen AKWs russischer Bauart kaufen - davon lassen wir uns doch nicht beirren, oder?
Diese Politik mag zunächst völlig unsinnig erscheinen, andererseits jedoch ist Sie auf lange Zeit gesehen denke ich eher hilfreich. Es ist ja unbestreitbar, daß D nur einen geringen Teil seines Energieverbrauchs aus regenerativen Energien beziehen kann. Dennoch wird diese Entscheidung in Konsequenz die Erforschung der erneuerbaren Energien anregen. Der Ausstiegs D aus der Atomkraft ist natürlich Geopolitisch lächerlich. Durch Forschung in die o.g. Richtung jedoch lassen sich in Zukunft enorme wirtschaftliche Potentiale ausmachen. Auch Uran ist endlich. Sollten China und Indien richtig in den Atomstrommarkt einsteigen, wird es schnell sehr knapp mit Rohstoffen (übrigens parallel zum Öl). Die dadurch enstandene Knappheit kann durch hochentwickelte Technologien (erneuerbare) evtl vermindert werden, was einen hohen Know-how Einkauf aus den technologieführenden Ländern hervorrufen wird. Und das ist im Zeitalter der Erderwärmung auch dringend notwendig. Wenn in China/Indien bedingt durch den Aufschwung irgendwann mal jeder 2te ein Auto fährt, sollten doch wenigstens Motoren entwickelt worden sein, die wenig Benzin verbrauchen als auch geringen CO2 Ausstoß haben. Und Forschungen in diese Richtung wurden bei uns auch durch die Benzinpreiserhöhung angeregt . Also ist Deutschland vlcht. Outsourcing-Republik, aber nicht nur im schlechten Sinne.......
chirin 14.02.2008
3. Wird Deutschland zur "Outsourcing" -Republik?
Zitat von DJ DoenaTja, wir wollen halt wie immer alles perfekt machen. 100% korrekt und keinen µ Abweichung drinne. Das wir dadurch unseren Strom aus französischen oder - schlimmer noch - aus tschechischen AKWs russischer Bauart kaufen - davon lassen wir uns doch nicht beirren, oder?
Antwort: Genau! Und das wir dann erpressbar sind -hinsichtlich der Preise- ist doch auch klar.ich frage mich immer:" Sind unsere Politiker so dumm oder haben die da einen Onkel oder erhalten Sie Bestechungsgelder?"
harrybr 14.02.2008
4.
Zitat von sysopStammzellen, Bildung, Strom, Auslandseinsätze - immer wenn es eng wird in Deutschland, müssen andere Länder aushelfen. Dabei wären tragfähige Lösungen besser als schnelle Abhilfe. Wird unser Land zu einer "Outsourcing-Republik"?
wieso? Die anderen Ländern Outsourcen ihre Sozialfälle zu uns und wir versorgen sie weltmeisterlich und Niemand ist in Sicht der uns einholen will.
thunderhand 14.02.2008
5.
Zitat von chirinAntwort: Genau! Und das wir dann erpressbar sind -hinsichtlich der Preise- ist doch auch klar.ich frage mich immer:" Sind unsere Politiker so dumm oder haben die da einen Onkel oder erhalten Sie Bestechungsgelder?"
Vermutlich beides-nur ich würds nicht Bestechung nennen-sind doch Aufsichtsratsposten:) Und wer jung aus der Politik ausscheidet, will doch nicht H4 erhalten...also etwas mehr Verständnis für die geprügelten Lobbystreichler bitte:)
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